Vor gut einer Woche habe ich meinen letzten Blog geschrieben und dabei zum Ende meines Aufenthaltes in Palästina und Jerusalem die kleinen Begebenheiten meiner Reise in „meinen Erlebnissplitter“ beschrieben.
Nun möchte ich aber für mich, vielleicht aber auch für den einen oder anderen Leser/in meines Blog`s ein kleines Resümee bzw. Fazit meines Aufenthaltes in diesem Krisengebiet ziehen, aber auch einen Ausblick wagen.
Gerade gestern war das Thema Israel und auch Palästina wieder in allem Medien vertreten: unser neuer Bundespräsident Joachim Gauck war zum „Antrittsbesuch“ in Israel angekommen. Einer seiner ersten Botschaften lautete: Deutschland ist für eine Zwei-Staaten-Lösung.
Für einen wie mich, der die reale Situation nun 30 Tage vor Ort erfahren/erspürt hat, mit den Siedlerproblemen, der „Schutz“-Mauer, den Flüchtlingsfragen und der alltäglichen Willkür der Besatzungsmacht Israel (Beispiel die drastische „Geldstrafe“ mein Taxifahrer Adib, Blog vom 21.5.), stellt sich schon die Frage wie soll das gehen. Diese Lösung scheint mir sehr unrealistisch.

Adib mit dem „Bußgeldbescheid“ über 1.000 Schekel

Nachfolgend lasse ich einige Menschen zu Wort kommen die auf Grund ihrer Erfahrungen, mehr als ich berechtigt und in der Lage sind, Ideen vorzustellen wie es denn zu einer Annäherung, zu einem Frieden zwischen Israelis und Palästinenser kommen kann/kommen könnte:
Da ist zunächst Marcel Pott, langjähriger Nah-Ost-Korrespondent der ARD. In seinem Buch: „Schuld und Sühne im gelobten Land- Sonderrolle im Schutz der westlichen Welt“ erschienen im Kiepenheuer und Witsch-Verlag schreibt er:
„Das Schicksal der Palästinenser – Verlust der Heimat durch Flucht und Vertreibung- ist untrennbar verbunden mit dem Denken und Tun des jüdischen Volkes, das selbst geprägt ist durch Verfolgung, Erniedrigung und psychische Vernichtung. Deshalb darf es für uns keinen „toten Winkel“ geben bei der politischen Betrachtung des Palästina-Konfliktes. Nicht nur die Gewalttaten die dort an Israelis geschehen sondern auch die Palästinenser müssen als Opfer von uns in den Blick genommen werden. Was auch zu der Konsequenz führen muss: Wir Deutsche dürfen an Israel keine Waffen mehr liefern da es sich hier um ein Spannungsgebiet handelt .
Aus der dt. Schuld an der Vernichtung der Juden in Europa folgte eine ethisch-moralische Verpflichtung den Rassismus zu bekämpfen und dem Völker- und Menschenrecht weitgehend Geltung zu verschaffen. Aufrichtige Solidarität mit Israel heißt: Kritik wenn sie nötig ist, ein offenes Wort wenn die Gefahr besteht das im Konflikt um Palästina aus ehemaligen Opfern Täter werden. Wir schulden den Opfern des Holocaust tätige Reue durch glaubwürdiges Tun, das heißt: Unrecht muss beim Namen genannt werden sowohl bei arabischen Terroristen als auch bei der israelischen Besatzungsmacht.“

Da ist der in Syrien geborene und in Deutschland lebende Rafik Schami. In seinem von ihm herausgegebenen Buch „Angst im eigenem Lande“, Nagel&Kimche verlag Zürich schreibt er:
„Aber wie dem auch sei…die Menschen scheinen tatsächlich zu vergessen welch lebendige Kraft dem Leben und dem alltäglichen Gang der Dinge innewohnt. Denn das Leben gewinnt immer…
Es wird die nationalen Sicht kultiviert. Es besteht bewusst oder unbewusst eine Angst den anderen in positivem oder einfühlsamen Licht dar zustellen. Dieses Dilemma zeigt sich am deutlichsten in der Haltung zur „Opferschaft“ dem „Opfersein“. Das „Opfersein“ des Anderen anzuerkennen oder – was weit darüber hinaus ginge- sich als den zu erkennen, der den anderen zum Opfer macht. In die Zukunft geschaut sollten beide Völker verpflichtet werden solche Orte des Anderen zu besuchen, wo dessen „Opfersein“ erkannt, erlebt wird (z.B. in Flüchtlingslagern oder Holocaust-Gedenkstätten).“
Schami schreibt in seiner Einleitung auch, dass es ihm auch wichtig ist, das sich die Dt. Öffentlichkeit viel mehr von diesem Konflikt berühren lässt. Er verweist auf seine Erfahrung aus dem Jahre 1989 als er, erstmalig hier in Deutschland, zu einem Dialog zwischen Palästinensern und Juden geladen hatte. Die Reaktion hier im Lande war eher verhalten: „Die Deutschen hätten die Tagung nicht zur Kenntnis genommen, dafür aber alle Vorstandswahlen der Fußball- und Kanichenzüchtervereine…“
Und da ist noch Subhi Zobaidi, Palästinenser, geboren in einem Flüchtlingslager, der in seinem Beitrag in: „Angst im eigenem Lande“ schreibt:
„Ich sage mir der beste Weg über die letzten 50 Jahre nachzudenken ist der, über die nächsten 50 Jahre nachzudenken und auf einen Frieden zu hoffen der nicht durch 1 Mio Vorbedingungen gebremst wird. Wenn ich über Frieden nachdenke, frage ich mich, wie es mit irgendeinem Israeli möglich sein könnte, solange ich nicht in Frieden mit mir selbst bin, solange ich nicht vergessen kann, das ich verfolgt und unterdrückt wurde.“

Israel hat sich nach zwei Jahrtausenden der Verfolgung und des Exils in eine Sackgasse manövriert und gefährdet -nicht nur nach meiner Meinung- durch seine Politik der Besatzung und Besiedlung letztlich auch seine Demokratie. Die nun schon 45 Jahre währende Besetzung der Palästinensergebiete und deren alltäglich stattfindende – und ausschließlich mit Sicherheitsgedanken begründeten – Maßnahmen der Unterwerfung und Demütigung palästinensischer Kinder, Frauen und Männer haben zutiefst menschenverachtende Züge. Die derzeitige Situation schadet auch den Israelis. Ich unterstütze daher die Forderung vieler Gruppen – so auch von EAPPI-nach Beendigung der Besetzung. Es erscheint mir die einzige Möglichkeit um im Interesse aller am Konflikt beteiligten einen gerechten Frieden im Nahen Osten zu erzielen.

Hauszerstörung

 

Checkpoint

Vor diesem Hintergrund habe ich mich entschlossen, mich für einen freiwilligen Dienst bei dem ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) zu bewerben. Sollte meine Bewer-bung erfolgreich sein, hätte ich im kommenden Jahr die Möglichkeit, in einem internationalen Team für einen Zeitraum (3-5 Monate) durch praktische schützende Präsenz in den palästinensische Gebieten, einen kleinen Beitrag für einen gerechten Frieden in dieser Region zu leisten. Ökumenische BegleiterInnen besuchen Familien, die von Hauszerstörungen, von willkürlichen Gefangennahmen und Gewalt durch israelische SiedlerInnen und der israelischen Armee betroffen sind. Sie beobachten Checkpoints und landwirtschaftliche Übergänge, die Beschlagnahmung von Land, Siedlungsaktivitäten und sammeln wichtige Daten für internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen. Sie nehmen an Demonstrationen gegen Ungerechtigkeit durch die Besetzung teil; viele werden von israelischen und palästinensischen Gruppen gemeinsam organisiert.
Gleichzeitig würde ich hier in Deutschland (so auch durch diesen Blog) über die Arbeit berichten und die Menschen hier auffordern ihren Beitrag für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina zu leisten.
Der Schlüsselsatz des christlich-palästinensischen „Kairos-Dokumentes“ ist auch für mich Anstoß zu meiner Engagement:
„Kommt und seht, so können wir die Wahrheit unserer Realität bekannt machen“

94 Olivenbäume von Erna als Vermächtnis und Zeichen der Hoffnung