Heute feiern die christlichen Kirchen den Palmsonntag an dem Jesus laut der biblischen Geschichte triumphal in Jerusalem eingezogen ist. Ganz selten kommt es vor, dass auch die orthodoxen Christen am gleichen Tag Palmsonntag und am nächsten Wochenende das Osterfest feiern: 2017 ist ein solches Jahr, entsprechend groß ist in diesen Tagen der Andrang der Pilger hier in Jerusalem.

Und morgen beginnt für die Juden ihr größtes Fest: das Pessach-Fest

Ich bin heute zum Dritten Mal an diesem Tag in Jerusalem. Ich habe bisher diesen Tag immer als einen ganz besondere Feiertag erlebt. Vor allem die große Palm-Sonntagsprozession am Nachmittag, zu der Tausende von Christen aus Israel und Palästina, aber natürlich auch viele Pilger aus aller Welt, in Gedenken an den Triumphzug von Jesus, vom Ölberg in die Jerusalemer Altstadt ziehen.

mit Palmzweigen und Hosianna

Traditionell ruft die deutsche katholische Kirche am Palmsonntag zu einer Kollekte für das „heilige Land“ auf. Der Leitgedanke zur Palmsonntagskollekte 2017 lautet:

Es würde etwas fehlen . . .Gemeinsam den Christen im Heiligen Land eine Zukunft geben

In der Erläuterung zum Leitgedanken wird geschrieben:

In den politischen Wirrungen im Nahen Osten ist sowohl in
Israel als auch in Palästina der christliche Bevölkerungsanteil in
den vergangenen Jahren auf knapp zwei Prozent der Gesamt-
Bevölkerung gesunken. Dabei ist der Orient die Wiege des
Christentums. Die ersten christlichen Gemeinden entstanden,
als Europa noch heidnisch war, und lange vor dem Entstehen
des Islams. Bis heute wurden und werden die orientalischen
Christen vielfach diskriminiert oder sogar verfolgt. Und ob-
wohl der Westen ihnen das Fundament seiner Kultur verdankt,
verschließt er vor dieser Entwicklung nicht selten die Augen.
Wir aber vergessen sie nicht.
Als ich nach dem feierlichen Sonntagsgottesdienst, der bei den Benediktinern heute genau 2 Stunden gedauert hatte, nochmal in meinem Zimmer war, las ich die fürchterliche Meldung vom heutigen Vormittag im Internet:
Am Palmsonntag trifft der Terror die christliche Minderheit in Ägypten mit voller Wucht. Mehr als 40 Menschen sterben bei den schwersten Terrorangriffen auf Kopten in Ägypten seit Jahren.
Was bedarf es noch mehr Worte um die Situation der Christen hier zu beschreiben. Zum Thema „Christen in der arabischen Welt“ gibt es eine Arte-Dokumentation die hier gefunden werden kann

in stiller Vorfreude

Sicherlich haben die vielen Tausend Teilnehmer/innen an der traditionellen Prozession am heutigen Tag nicht unbedingt an dieses aktuelle schlimme Attentat gedacht. Vielmehr empfand ich es als Betrachter des langen Prozessionszuges, dass die meisten eher die Freude und Begeisterung in sich spürten, in Gedanken an Jesus Einzug in Jerusalem. Diese Freude und Begeisterung wurde dann mit schönen Gesänge, Tänzen, Hosianna-Rufe im wahrsten Sinne des Wortes „Ausdruck verliehen.“ Es war einfach schön anzuschauen, ja es steckte an, diese Begeisterung, vor allem bei den vielen jungen Christen.

Das hier und da auch eine Palästinafahne mitgeführt wurde (auch Teilnehmer/innen aus anderen Ländern zeigten ihre Landesfahne), zeigt aber auch, dass neben den christlichen Gedanken, die heute sicherlich überwiegten, auch der politische Alltag eben für die Meisten auch eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Das ist eben der Nationalstolz in Verbindung mit etwas Protest. Eher am Rande, von vielen nicht bemerkt dann doch wieder ein Hinweis auf die alltägliche „Macht der Besatzung“.

mehr Gelassenheit täte oft gut

Obwohl vorher schon Hunderte, mit oft kleinen Palästinafähnchen vorbei gezogen waren, fühlte sichern (junger) Polizeiposten genötigt den vorbeigehenden (friedlichen) Prozessionsteilnehmern seine Fahne abzunehmen, was dieser auch ohne erkennbare Regung sich gefallen ließ. Es sind die kleinen alltäglichen Demütigungen, denen sich die Palästinenser scheinbar hilflos ausgesetzt sind, die sich addieren und dann irgendwann  – für den Außenstehenden dann unverständlich – bei nichtigem Anlass in gewalttätigen Gegenreaktionen enden.

Aber es gab eben auch nicht nur die Fahne aus Palästina


Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“
Wenn unsere schlechten Taten gewollt sind, wie stimmt das mit Gottes Vorauswissen überein? Die Antwort ist, dass Gott nicht der Urheber all dessen ist, was er weiß. Er zwingt uns nicht durch sein Vorauswissen.

Von Hannah Arendt