Da stehe ich heute gegen 11 Uhr an der Haltestelle um mit dem 231èr Bus (der palästinensischen Busgesellschaft von Ostjerusalem) zu meiner neuen Unterkunft im Gästehaus von Talitha Kumi zu fahren, hält ein Taxi an und der Fahrer fragt ob ich mitfahren will. Ich verweise auf das Schild auf dem (wen wundert das in dieser Stadt) allerdings nur die Busse der Jerusalemer (israelischen) Busgesellschaft angegeben sind. Da meinte der Taxifahrer, wahrscheinlich glaubend, einen unwissenden, leichtgläubigen Touristen vor sich zu haben: „Die Busse fahren heute nicht, die haben Probleme mit den Fahrern“. So gewinnt man (sicherlich überall in der Welt) Kunden aber keine Freunde. 5 Minuten später kam der Bus (natürlich) und ich konnte die etwa 10 km lange Fahrt nach Beit Jala beginnen.

die Endstation des 231èr in Bethlehem

Die Fahrt kostet nur 6,70 Schekel, dauert nur eine knappe halbe Stunde, aber man hat das Gefühl von einer Welt in eine andere Welt zu kommen.
Zwar braucht man, fährt man mit dem Bus, am Checkpoint nicht auszusteigen, ist also ganz schnell auf der „anderen Seite“, aber dann fallen einem gleich die Unterschiede zu dem israelischen Teil von Jerusalem auf: die schlechten Straßen, die fast gänzlich fehlenden Bürgersteige, die vielen – oft sehr alten und verbeulten- Autos, die vielen im Bau befindlichen Häuser auf. Auch die schwarzen 8oder hier auch silbernen) Wassertanks auf den Dächern sind ein markantes Zeichen für die palästinensischen Häuser. Gleich erfuhr ich hier auch, dass es seit drei Wochen in Bethlehem kein Wasser in der Leitung gibt. Ich habe schon öfters zu diesem Thema geschrieben, dass es aber schon Anfang April eine Wasserknappheit gibt ist neu. Und was machen die Menschen: sie müssen sich Wasser zu kaufen, müssen sparsam damit umgehen. Ich finde es ist wirklich ein Skandal, dass gerade in den größeren palästinensischen Städten oftmals eine Wassernot vorherrscht, während es in den fast 200 (nach Völkerrecht illegalen) israelischen Siedlungen das „Wasser immer läuft“.

Blick über das schöne Schulgelände von Tanita Kumi auf das schöne Tal zwischen Battir und Beit Jala

Hier auf dem Gelände der Talitha Kumi-Schule herrscht aber reges Treiben. Ja, auch hier ist wieder so etwas wir normaler Alltag zu spüren. Kinder lachen, schreien, spielen, wie sie es eben überall auf der Welt tun.

Am Nachmittag bin ich dann noch zum etwa zwei Kilometer vom Gelände der Talitha-Kumi-Schule entfernten Cremisan-Tal gegangen. Über den massiven Streit (an dem sich ja sogar der Vatikan beteiligt hatte) um den Bau einer Grenzanlage mitten durch das wunderschöne Tal, habe ich schon vielfach in diesem Blog berichtet.

Bis auf 200 m ist das Cremisan-Tal abgeschlossen

Als ich vor einem Jahr das letzte Mal hier gewesen bin, hatten die Israelis mit dem Bau der Mauer im Tal begonnen. Heute nun konnte ich sehen, dass bis auf eine kleine Strecke von etwa 200 Metern, die Absperrung fast komplett ist. So schön wie dieses Tal sich mir heute im „Frühlingskleid“ präsentierte, so schwer wird einem ums Herz, wenn man weiß, dass durch diese gewaltsame Maßnahme der israelische Militärverwaltung, nicht nur ein Naturreservat zerstückelt wird sondern auch mehr als 15.000 Einwohner von Beit Jala von ihrem Naherholungsgebiet ausgeschlossen werden. Hinzu kommt das viele Landbesitzer von ihren Olivenbäumen getrennt werden und die im dann abgesperrten Gebiet liegende Schule nebst Kindergarten nicht mehr besucht werden kann. Wie ich von einem hier wohnenden Nachbarn erfuhr berät derzeit noch das oberste israelische Gericht über die endgültige Schließung der Grenzanlage. Auch hier werde ich über die weitere Entwicklung berichten.

das wunderschöne Weingut des Creminsan-Klosters demnächst hinter dem Grenzzaun?


Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Deir Yassin-Massaker (1948)
Die NGO Zochorot gedenkt jedes Jahr am 9. April durch eine Prozession an die über hundert getöteten Männer, Frauen und Kinder die im April 1948 im West-Jerusalemer Dorf durch die Irgun (einer jüdischen Untergrundgruppe)massakriert wurden. Die Teilnehmer/innen tragen Tafeln mit den Namen der Opfer, die laut verlesen werden. Bei der Verlesung am 65. Jahrestag folgten israelische rechtsgerichteten Aktivisten mit dem Ruf: „Damn them!“ (Verflucht seien sie.)

Deir Yassin Remembered (2011