Heute hatte ich mich mit Angela Godfrey-Goldstein verabredet. Sie ist Aktivistin in der Jahalin-Solidarität, der Gruppe, die sich für den Erhalt der Beduinen-Camps zwischen Jerusalem und Jericho engagiert. Ich hatte Sie im April durch Ekki Drost kennengelernt und war schon damals sehr beeindruckt über die Aktivitäten der Gruppe. Damals stand die Entscheidung des obersten israelischen Gerichts, wegen des von den israelischen „Nachbarn“ (Siedlern) geforderten Abriss der „Reifen“-Schule, kurz bevor. Das kleine Beduinendorf Khan al-Ahmar hat nun gerade in den letzten (Sommer-)Monaten international große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Gelegen in einem strategisch wichtigen Gebiet zwischen Ost-Jerusalem und israelischen Siedlungen kämpft es gegen seine Zerstörung und Zwangsumsiedlung. Auch der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Israel Anfang Oktober blieb von der Situation in Khan al-Ahmar nicht unberührt. Die ganze Entwicklung in diesem Sommer ist gut in dem aktuellen Beitrag des Forums Ziviler Friedensdienst (ZFD) zusammengefasst.

Interview mit dem Bürgermeister

Der Besuch der Kanzlerin Merkel ist nun auch schon wieder 7 Wochen her, die Lage ist auch für die Aktivisten um Angela unklar. Sie glaubt keiner Information der Israelis mehr, hat sie doch immer das Gefühl das angelogen zu werden. So wurde in den letzen Wochen immer verkündet, dass die Beduinen einverstanden wären mit einem „Begrenzten“ Umzug, was aber eben nicht der Wahrheit entspricht.
Heute waren wieder einige Kamerateams auf dem Gelände, der „Dorf-Bürgermeister“ gab zahlreiche Interviews. Es ist schon erstaunlich wie die Vorgänge rund um die geplante Zerstörung der Beduinendörfer die Medien in aller Welt „anzieht“. Angela erzählt von mehr als 130 Medienadressen, die alleine sie immer wieder mit Infos „bedient“. Ich hatte im Sommer Kontakt mit der Korrespondentin der SZ Alexandra Föderl-Schmid, die ebenfalls von den Vorgängen in Al Khan al Ahman berichtete. Ich hatte sie damals auf meinen Blogbeitrag hingewiesen. Ihr Kommentar zu meinem Beitrag:Den Gegensatz zwischen den Siedlungen inklusive Pool und den armseligen Hütten haben Sie gut beschrieben.

Leben in Zelten


Sicherlich ist es die Nähe zu Jerusalem (etwa 20 km), aber auch die besonderen Bilder in der Wüste, die für die Medien interessant sind. Menschen die (scheinbar) noch so Leben, wie vor Hunderten von Jahren (sieht man einmal vom Solarstrom, Handy und Satelliten TV ab), kommen wohl bei den Adressaten der Medien besser an, als die Bilder zum Beispiel bei den geplanten Häuserabrissen in dem Jerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah, auf den ich gleich noch zu sprechen komme.
Schule war im Übrigen heute keine, mal wieder gab es einen palästinensischen Feiertag: der Geburtstag des Propheten – Eid-Milad Nnabi. Man wird also abwarten müssen wie sich die Angelegenheit weiter entwickelt. Es ist aber zu befürchten, dass die (rechte) Regierung um Netanjahu den Abriss der Dörfer durchsetzen wird. An der angrenzenden Autobahn sind bereits Vorkehrungen getroffen, die es dem Militär ermöglichen, kurzfristig das ganze Gelände abzusperren. Ob das allerdings ausreicht zu verhindern, das „die Welt“ beim Abriss zu sieht, kann bezweifelt werden.

ein junger Esel gehört auch zum Camp

Gerne würde ich noch auf zwei weitere Ereignisse eingehen, die mich heute beschäftigt/berührt haben. Da ist zum einen das Erlebnis heute Vormittag in der Zeit als ich auf Angela wartete. Ich sah etwa 15 Palästinenser an meinem Wartepunkt, die Augenscheinlich warteten für eine Tagesbeschäftung abgeholt zu werden: „Tagelöhner“. Ich habe ja schon öfters von dem Umstand berichtet, das jeden tag Zehntausende Palästinenser sich auf dem israelischen Arbeitsmarkt verdingen. Immer wenn heute Morgen ein Auto anhielt (und sooft war das in der halben stunde wo ich es beobachten konnte, auch nicht) stürzten sich alle auf das Fahrzeug um dem Fahrer „ihre Dienste“ anzubieten. Jeder versuchte sich ins „beste Licht“ zu setzen, da wurde auch schon mal einer weggeschoben. Die ganze Situation machte auch mich einen bedrückenden, ja deprimierenden, Eindruck. War dann einer oder zwei „verpflichtet“ zogen die anderen betrübt von dannen. Wenn man sich das vorstellt, keine sichere Arbeit, keine sicheren Einkünfte und doch jeden Tag mit der neuen Hoffnung aufstehen, „heute klappt es“.

wer wird zur Arbeit mitgenommen?

Auf dem Weg in mein Gästehaus kam ich auch durch den Stadtteil Sheikh Jarrar der seit Jahren im Fokus der jüdischen Stadtplaner ist. Günstig gelegen, zwar in Ost-Jerusalem, aber eben am Rande der Altstadt, bot und bietet sich hier für Investoren gute Gelegenheiten große Gewinne zu machen. Ich habe schon mehrfach von hier berichtet. Seit Jahren gibt es am jedem Freitag eine Demonstration gegen den schon weit fortgeschrittenen Abriss der palästinensischen Häuser zu Gunsten großer Hotelblocks und Verwaltungsgebäude. Immer wieder gelingt es mit strategischem Geschick und besonderer rechtlicher „Winkelzüge“, den Bewohnern ihr Häuser weg zu nehmen. Ganz aktuell hat die Zeitung Haaretz berichtet dass das oberste israelische Gericht die (letzten) Rechtsmittel einer arabischen Familie gegen die Vertreibung aus ihrem Haus, in dem sie seit 1955 leben, abgelehnt hat.

im Hintergrund sieht man warum das haus im Vordergrund weg muss

Die Familie war damals aus Jaffa geflohen, ihre beiden Häuser dort stehen noch, werden seit dem von jüdischen Israelis bewohnt. Doch in diese Häuser dürfen sie nicht mehr zurück: da steht eine rechtliche Bestimmung aus dem Jahr 1950 entgegen. Danach wird ein Gebäude, das den aus Israel geflüchteten Personen gehörte, als aufgegebenes und damit staatliches Eigentum betrachtet. Interessantereise gilt diese Bestimmung nicht für das Eigentum von Juden. Im konkreten Fall geht es um ein Haus, das auf einem Land gebaut wurde, das sich vor dem Unabhängigkeitskrieg 1947-49 im Besitz von Juden befand, wobei die Kaufunterlagen aus dem 19. Jahrhundert laut der Anwälte der palästinensischen Familien, mehr als zweifelhaft seien. Damals baute Jordanien auf diesem Gelände Häuser für die geflüchteten Palästinenser. Die heutigen Eigentümer (eine amerikanische Firma) fordert seit Jahren ihre Räumung.
Durch dieses aktuelle Urteil befürchten nun auch weitere Familien in diesem Viertel, dass sie in Kürze ihre Häuser verlassen müssen. Bald stehen in dem ursprünglich palästinensischen Stadtteil von Ostjerusalem, der seit 1967 von Israel besetzt ist, keine palästinensischen Häuser mehr.

zum Feiertag war die Altstadt, hier am Eingang zum Damaskustor, mit Tausenden Palästinensern bevölkert