Freedom Theater Jenin: „Früher wollte ich Märtyrer werden, jetzt will ich einen normalen Tod sterben“

Wie bei meinen Gruppenfahrten üblich, haben wir heute „unsere Zelte“ im „Paradies“ am See Genezareth abgebrochen und sind den langen Weg (etwa 120 km), quer durch die Westbank, nach Beit Jala gefahren. Dort werden wir die nächsten acht Nächte, bis zu unserer Rückreise am 21. März, in der (schönen) „Abrahamsherberge“ unser müdes Haupt betten.

Abschied aus dem Paradies

Wie üblich haben wir zunächst in Jenin das Freedom Theater besucht. Ich verweise hier auf einige Beiträge zum Theater in diesem Blog. Heute sprach mit uns  Nabil, der von den verschiedenen Projekten, die im Rahmen, der Theaterarbeit durchgeführt werden, hier seien genannt die Theaterschule an der derzeit 12 Schüler/innen ausgebildet werden.  Er berichtete auch von dem Dialogtheater, bei dem palästinensische Dörfer besucht werden. Hier werden Geschichten die die Dorfbewohner erzählen in Theaterspiel umgewandelt. Zur Finanzierung gefragt, meinte Nabil, dass es oft schwierig sei öffentliche Gelder zu bekommen, da die Theaterleute die Erwartungen die an diese Finanzierung nicht erfüllen (wollen). So sind die Unterstützungsgelder aus aller welt von einem großen Freundeskreis der Theaterarbeit in Jenin, letztlich die wichtigste, das wertfreie finanzielle Unterstützung. Zu Beginn unseres Treffens wurde uns ein kleiner Film gezeigt in dem Jugendliche (Mädchen und Jungs) ihre Motivation zur Theaterarbeit, aber auch ihre Auswirkung darlegten. Ein junger Mann sagte: „Früher hatten wir oft den Wunsch als Märtyrer zu sterben, jetzt will ich eines normalen Todes sterben“. Das Theater ist in einem Flüchtlingslager etabliert, in dem derzeit 17.000 Menschen auf 1qmkm leben. Die UNO hatte 1948 in vielen Städten der Westbank solche Flächen für 99 Jahre gepachtet. Nabil stellte die Frage, was eigentlich in 28 Jahren passiert, wenn die Pachtzeit abgelaufen ist?

Turm in der Altstadt von Nablus

Ein weiterer Haltepunkt war Nablus, die 2. größte Stadt in Palästina mit etwa 180.000 Einwohnern. Der „erfahrene“ Leser meines Blogs weiß schon was es aus Nablus zu berichten gibt…:-), wir haben die köstliche Knafeh der Al Aqsa- Bäckerei in der Altstadt gegessen. Ein unvergleichlicher Geschmack, wenn auch ein Reiseteilnehmer aus dem Frankenland meinte: Irgendwie schmeckt es auch ein bisschen so wie der österreichische Topfenstrudel….

ein unvergleichlicher Geschmack: Knafeh aus Nablus

Zum späten Nachmittag haben wir dann noch einen Besuch im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Ramallah gemacht. Insgesamt 6 deutsche Stiftungen sind in der Westbank aktiv. Sie bekommen ihre Finanzierung ihrer Arbeit nach einem Schlüssel, der die Anzahl der Abgeordneten im Bundestag und den Länderparlamenten wiederspiegelt.

Die Arbeit der Stiftung ist unabhängig von der jeweiligen Partei mit der sie eine Verbindung eingegangen ist. Allerdings sind die Projekte, die von den Stiftungen ausgewählt und unterstützt werden, schon im „Mainstream“ der politischen Richtung der jeweiligen Partei. Deshalb unterstützt die RLS eher Sozial und ökonomische Inhalte, wie auch die Gewerkschaftsarbeit. Daneben sind Bildungsarbeit und Politikberatung besondere Schwerpunkte der RLS. Die RLS in Ramallah hat insgesamt sieben einheimische Mitarbeiter/innen, eine davon sitzt im Gazastreifen. Nach ihrer Vison für die Zukunft gefragt, meinte Frau Beuck, die Leiterin der Stelle, dass sie keine Vision habe. Derzeit, so ihre Einschätzung, sind Verhandlungen sinnlos. Auch sei zu befürchten, dass nach den Parlamentswahlen im April, sich der Rechtsruck in der politischen Arbeit in Israel weiter fortsetzten wird. Aber, so Frau Beuck, der über Jahrzehnte  unter dem Deckel gehaltene Konflikt, ist so nicht zu lösen, ja es ist zu befürchten, dass es zu einer „Explosion“ kommen wird. Keine guten Aussichten aus dem Mund einer profunden Kennerin der Situation.

bei Palästinensern heiß geliebt: Mais mit Gewürzen und Margarita vermengt

Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Der Ort an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben, 

werden niemals Blumen wachsen

im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,

ist zertrampelt und hart

wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber

Lockern die Welt auf

Wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar

An dem Ort, wo das Haus stand,

das zerstört wurde.  (Jehuda Amichai)

Über Marius S. 341 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Nur am Rande der Diskussionen ist zu erwähnen, dass der Staat Israel die Region mit seiner Völker erzwingen will, die Politik des Staates Israel zu akzeptieren.
    Vor Tagen feiere Israel ihren grössen Sieg .Nähmlich das Abkommen mit Ägypten 1979. Seither ist der Kampf nicht mehr Arabisch israelisch, sondern palästinensisch Israelisch. Wir stehen alleine. Insgesamt steuert die Region auf eine Eskalation.
    Eins muss man bedenken, ein Sieg ist nur politisch erreichbar. Israel glaubt weiterhin an die Illusionen der Macht.

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