2014 und 2015 ist der Schriftsteller Nir Baram in die besetzten Gebiete des Westjordanlands gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Er sprach mit Juden, Palästinensern, Siedlern, Politikern und Aktivisten. Ergebnis ist ein Buch, dem er den Titel: „Im Lande der Verzweiflung – ein Israeli reist in die besetzten Gebiete“ gegeben hat. Hier näheres zum Buch

Nun bin ich kein Israeli aber eben heute musste ich beim Durchqueren des Checkpoint 300 um von Jerusalem kommend Bethlehem zu erreichen, an sein Buch denken. Er schreibt dort in einem Kapitel „Stadtviertel im Nirgendwo“ von palästinensischen (Ost-)Jerusalemer-Stadtteilen, die sich jenseits der Trennmauer befinden. Er beschreibt sein Gefühl, dass ihn beim Durchqueren der Sperranlage „beschleicht“, dass aber eben auch Tausende von Palästinensern, tagtäglich „zwangsweise“ erfahren müssen, wenn sie zur Arbeit/zur Schule/zum Arzt/zum Gebet an der Al Aqsa-Moschee/Verwandte besuchen oder eben nur zum Einkauf wollen. Jetzt ist die Situation für viele Ostjerusalemer Palästinenser noch einmal eine ganz besondere. Sie sind Jerusalemer Bürger, können sich normalerweise in der ganzen Stadt frei bewegen, wenn sie nicht das „Pech“ haben (wobei mir der Ausdruck Pech zu harmlos daher kommt), durch eine willkürliche Maßnahme der israelischen (Militär-) Verwaltung (sie nennen es dort eine Frage der „Sicherungsabwägung“) von der übrigen Stadt Jerusalem (West und Ost) durch eine Mauer abgetrennt worden zu sein. Die betroffenen Menschen bezeichnen es als „Willkür“

So sieht der Eingang/Ausgang aus
von Jerusalem nach Bethlehem

Es ist dieses Lebensgefühl der Israelis, das Nir Baram sehr exakt herausarbeitet. Viele Israelis seien in den 1980er Jahren und dann nach der ersten Intifada (1988-1992)  schockiert über die Besatzung und über die damit einhergehenden Maßnahmen gegen die Palästinenser gewesen. Mittlerweile habe sich, so Nir Baram, Resignation breit gemacht. Die meisten Israelis heute würden diese Realität kennen,  wären in sie hineingeboren und akzeptieren sie in der Überzeugung, dass es keinen Ausweg gibt. „Heutzutage scheint es, als würde jeder verstehen, dass die Okkupation in das Nervensystem unseres Lebens eingesickert ist, und dass wir, ob wir wollen oder nicht, in einer Gesellschaft leben, die unter ihrem Einfluss entstanden ist.“

So bin ich heute noch einmal durch den Checkpoint. Dieses Mal habe ich den Durchgang für alle Palästinenser, die nach Jerusalem (oder umgekehrt) wollen genutzt. Ich habe schön öfters von diesem Checkpoint berichtet. Seit einiger Zeit ist der Weg von der „Jerusalemseite“ nach Bethlehem „verkürzt“ worden. Lediglich ein Drehkreuz (vorher waren es drei) ist zu durchqueren. Bekanntermaßen sieht es völlig anders aus, wenn man von Bethlehem nach Jerusalem will.

gesehen Visavis des Banksy-Hotels: der „Mauerspecht“ auf palästinensisch

In Bethlehem habe ich Daoud Nassar getroffen. Er war erst gestern von einer Vortragsreise aus den USA zurück gekehrt. Schon heute morgen hat er auf dem Weinberg eine Gruppe aus England empfangen, um sich  nun – um die Mittagszeit – mit mir in einem Restaurant, in der Nähe der Katholischen Universität, zu treffen. Er berichtete, dass vor einigen Wochen das oberste israelische Gericht ihm mitgeteilt habe, dass sämtliche Abrissbescheide, die gegen „Strukturen“ des Weinberges erlassen wurden, ab sofort „eingefroren“ sind.
Mit Strukturen meint das Gericht Einrichtungen auf dem großen Gelände des Weinberges wie Wasserzisternen, Solaranlagen, Zelte, etc. Insgesamt gibt es mittlerweile fast 20 solcher Bescheide. Eingefroren bedeutet, dass nun nicht kurzfristig gegen solche Strukturen durch die Militärverwaltung vorgegangen werden kann. In jedem Fall muss das Gericht angehört werden. Wenn man so will, ein gewisser, zu mindestens zeitlicher, Schutz der Einrichtungen.

Auch ihm gehört der Preis:
der Farmer Daher Nassar

Die zweite Neuigkeit, die mir Daoud, in gewohnt ruhiger und sachlicher Art mitteilte, war erst wenige Stunden alt: das deutsche Vertretungsbüro hat ihm heute Vormittag in einer Mail mitgeteilt, dass Deutschland und Frankreich ihm, und anderen Personen, den Preis für Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit 2018 verliehen habe. Hier die heutige Pressemeldung des Auswärtigen Amtes dazu. Welch eine tolle Auszeichnung für Daoud und die ganze Familie Nassar, aber eben auch für das gesamte Projekt Tent of Nations (Zelt der Völker), mit seinen UnterstützerInnen in der ganzen Welt. Dieser Preis ist aber, wie schon die beharrliche, erfolgreiche, aber eben immer friedliche Arbeit auf dem Weinberg, auch für die Menschen in der gesamten Region, Genugtuung und Ansporn zugleich.
Da aller Guten Dinge drei sind, erfuhr ich auch, dass mit ziemlicher Sicherheit, Daoud bei einer „offiziellen“ Veranstaltung des evangelischen Kirchentages, im Juni 2019 in Dortmund, sein Projekt, das „Tent of Nations“ vorstellen kann.

Heute für mich ein historisches Treffen:
Daoud und Jihan Nassar mit Fatima (Im Magdolin)

Zu mindestens heute gab es für Daoud, seine Familie und den Freundinnen und Freunde des Weinberges, kein Grund zur Verzweiflung, es war ein wirklich schöner und besonderer Tag für alle.