Heute hatte ich mich mit Michal verabredet. Michal, eine Schweizerin, lebt seit 30 Jahren in Israel. Sie hat einige meiner Begegnungsreisen als Guide begleitet.
Derzeit plane ich im Oktober 2018 eine Reise nach Israel, Palästina und Jordanien. „Diesseits und Jenseits des Jordans“ heißt die Fahrt.
Näheres hierzu findet Ihr hier.
In einem gemütlichen Cafe am alten Bahnhof haben wir über das Programm gesprochen.
Michal, eine gläubige Jüdin, hatte meine Gruppe 2016 einmal zu einem Shabbat-Essen in ihre Wohnung geladen. Es war für alle ein unvergessliches Erlebnis. Ihr könnt es gerne noch einmal hier lesen.

der „alte“ Bahnhof von Jerusalem

Heute sprachen wir über die Rente hier und kamen dabei auf die ultra-orthodoxen Juden zu sprechen, von denen viele nicht arbeiten, aber eben vom Staat auch als Rentner Unterstützung erhalten. Das wird’s natürlich von der arbeitenden Bevölkerung, und auch von Michal sehr kritisch gesehen. Unvermittelt sprachen wir so auch über die unterschiedlichen jüdischen Gruppen in der israelischen Gesellschaft. Michal selbst bezeichnet sich als orthodoxe Jüdin, die versucht alle 613 Gebote und Verbote zu beachten. Ansonsten lebt sie aber ganz normal „in Mitten der israelischen Gesellschaft“ wie sie sagt. Im Gegensatz dazu die „Ultra“-Orthodoxen Juden. Sie leben in eigenen Stadt-Vierteln, ganz unter sich. Wie schon geschrieben gehen sie in der Regel auch keiner Arbeit nach, sondern studieren den Talmud (die Männer) und bekommen viele Kinder (die Frauen). Sie weigern sich auch zum Militärdienst zu gehen, dass wiederum wird derzeit von der israelischen Regierung „überprüft“, es gibt die Absicht den Militärdienst auch für diese Gruppe „zu erzwingen“.

Michal hat sich jetzt einer Gruppe angeschlossen die sich um solche Menschen kümmert, die versuchen sich aus der „Umklammerung“ der Familie zu lösen. Das ist für die betreffenden Menschen wohl mit großen Schwierigkeiten verbunden. In Deutschland ist ja vor einigen Jahren das Buch einer (ehemals) Ultra-orthodoxen Jüdin aus Amerika erschienen: „Unorthodox“. Diese Lebensgeschichte mach sehr deutlich was es für die betreffenden Menschen bedeutet sich „loszusagen“.

70 Jahre Nakba
Ich habe mir vorgenommen, bei meinen unterschiedlichen Kontakten in den nächsten Wochen auch immer das Thema Flüchtlinge anzusprechen. Also habe ich auch Michal dazu befragt. Auf der einen Seite sagt sie, „es ist eine offene Wunde“, für die Israel noch zu wenig getan hat, das sie „verheilen“ kann. Kritisch sieht es aber, dass die Flüchtlinge jetzt schon in der dritten oder vierten Generation immer noch als Flüchtlinge gelten. „Das gibt es sonst nirgendwo  auf der Welt“. Auch sieht sie die Unterstützung durch die UNWRA nicht förderlich für eine Entwicklung zum selbständigen Leben. „Das ist keine Hilfe zur Selbsthilfe, die Menschen werden so unterstützt, dass sie wenig Interesse zur Eigenständigkeit haben.“ Auch kritisiert sie die arabischen Staaten (Libanon und Syrien), die den Geflüchteten keine rechte zuerkannt haben. damit hatten sie dort in diesen Ländern keine Entwicklungsmöglichkeiten. Eine Rückkehr nach Israel, wie es eine UN-Resolution schon 1948 gefordert hat, sieht Michal als völlig unrealistisch an.

Symbole für den Rückkehr- Willen:
Die Hausschlüssel

Auf dem Weg zum Treffen mit Michal bin ich auch am Jerusalemer Polizeigefängnis vorbeigekommen. Bereits im April 2017 war ich dort. Damals hatte mir Roni Hammermann von diesem Gebäude mitten in der Stadt (hinter dem Rathaus) erzählt. Als ich dort vorbei kam und die Gefangenentransporter vor dem Tor stehen sah fiel mir ein was ich gerade in diesen Tagen in einer Mail gelesen hatte: eine Info der palästinensischen Menschenrechtsorganisation „Addameer“  berichtete, dass in den ersten Monaten 2018 in den Palästinenser Gebieten 1319 Menschen verhaftet wurden, darunter 274 Kinder. Derzeit sind 6.500 Palästinenser in israelischen Gefängnissen. 63 davon waren weiblich, davon sechs Mädchen. Insgesamt befanden sich 350 palästinensische Kinder in israelischen Gefängnissen.

Gefangenen-Transporter vor dem städtischen Polizei-Gefängnis Mitten in Jerusalem

Addameer betont in der Stellungnahme, dass Israel als Besatzungsmacht schwere und systematische Verstöße gegen internationales Recht und internationales humanitäres Völkerrecht begeht. Die Organisation fordert den UN-Menschenrechtsrat auf, eine Untersuchungskommission zu Israels Misshandlungen von Gefangenen einzurichten, und appelliert an die Unterzeichnerstaaten der Genfer Konvention, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und „auf die Besatzungsmacht Druck auszuüben, damit sie die Regeln internationalen Rechts und die Rechte von Gefangenen respektiert“.

Wer mag wohl heute Nacht hier nach Jerusalem gebracht worden sein….?

Nun zum Schluss meines Tagesberichtes zu etwas Schönerem:
Bei meinem Spaziergang durch die Straßen in Ost-Jerusalem habe ich mich heute schon gewundert, dass viele Frauen Blumen dabei hatten. Das sieht man hier nicht so oft. Ein Blick in das Internet brachte die Lösung ganz einfach Lösung…
Die arabische Welt – so auch hier in Palästina –  feiert heute den Muttertag. Da schenken die arabischen Männer eben ganz so wie die Deutschen; Blumen.

Blumen zum Muttertag

Übrigens fällt der Muttertag mit dem offiziellen Frühlingsanfang zusammen…und ein Wetter wie man sich es für den Frühling wünscht war heute hier in Jerusalem.