Ursprünglich wollten wir heute Reuven Moskovitz treffen. Wie ich in meinem ersten Blog dieser Herbstfahrt geschrieben habe ist er Anfang August verstorben.

In seinem Buch „Der lange Weg zum Frieden“ schreibt Reuven über die Vision eines Friedens-Pilgerweges von Städten des Krieges zu Städten der Versöhnung in Israel.

die letzte Ruhestätte von Reuven auf dem kleinen Friedhof des Friedensdorfes

Oftmals ist er mit Gruppen vom Kriegsmuseum bei Kloster Latrun zum Friedensdorf Neve Schalom-Wahat al Salam gegangen. Das haben wir heute auch gemacht. Kurz vor dem Dorfeingang kamen wir an den Friedhof. Hier ist er auf eigenen Wunsch, zu letzten Ruhe gebettet. Ein wunderbarer Platz, mit Blick auf die Ebene bis zum Mittelmeer. Für viele seiner Freunde habe ich – nach jüdischer Tradition – Steine auf sein Grab gelegt. Möge ihm damit ein Denkmal entstehen.

vom Friedhof ein wundervoller Blick in die Ebene

Anschließend sind wir in den Raum der Stille gegangen. Hier hat Reuven meiner Gruppe 2012 mit seiner Mundharmonika die wunderbaren Weisen des Psalm 81 intoniert. Ich hatte diese Aufnahme mitgebracht und habe sie dort abgespielt

Psalm 82

Wie lange wollt Ihr noch das Recht verdrehen und für die Schuldigen Partei ergreifen?

„Verteidigt die Armen und die Waisenkinder, sorgt für das Recht der Wehrlosen und Unterdrückten, Befreit die Entrechteten und Schwachen, reißt sie aus den Klauen der Unterdrücker, aber Ihr seht nichts, und Ihr versteht nichts! Hilflos tappt Ihr in der Dunkelheit umher, und die Fundamente der Erde geraten ins Wanken.
Ich hatte zwar gesagt: Meine Söhne, Kinder der Götter seid Ihr, Söhne des Höchsten! Doch ihr werdet wie die Menschen sterben, wie unfähige Minister aus dem Amt gejagt.
Greif ein, Gott, regiere die Welt.“

In einem Rundbrief aus dem Jahre 2011 hat Reuven Moskovitz zu diesem Psalm ergänzt,

Dieser Psalm ist sehr zutreffend für die gegenwärtige Situation in der Welt und in Israel. Leider sind die Machthaber unfähig einzusehen, dass sie nicht nur leichtfertig Millionen Menschen zum Sterben verurteilen, sondern dass sie selbst auch aus dem Amt gejagt werden können. Der einzige Satz dieses Psalms, der meiner Meinung nach nicht zutreffend ist, ist der Schluss. Gott greift nicht ein und versucht nicht, die Welt zu regieren. In meinem Buch schreibe ich: „Wenn es Gott gibt, ist er nicht der Gott der jüdischen, christlichen oder moslemischen Fundamentalisten, sondern der Gott, der im Psalm 115, 15-16, beschrieben wird: „Ihr seid die Gesegneten des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Der Himmel ist der Himmel des Herrn, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben“. Abgesehen von Naturkatastrophen, entscheiden wir Menschen oder diejenigen, die sich anmaßen, die Menschen zu führen, was auf dieser Erde geschieht. In meiner Vorstellung zeigt sich die Größe Gottes in seiner Bescheidenheit und Verborgenheit.

der Raum der Stille im Friedensdorf

Viele in der Gruppe hat die Gedenkstunde an Reuven bewegt, einige aus der Gruppe sind ihm schon begegnet.

Zur Mittagszeit hat die Gruppe den – bei meinen Fahrten – schon traditionellen Gang über den jüdischen Markt in Jerusalem gemacht. Es zeigte mit die anschließende Reaktion der Gruppe, es war auch für sie ein einmaligen Erlebnis.

Am späten Nachmittag haben wir den Mönchen der Benediktiner Abtei Dormitio auf dem Zionsberg einen Besuch abgestattet. Ich hatte mit Pater Elias ein Gespräch vereinbart.

Elias erzählte das am vergangenen Sonntag der diesjährigen Zions-Award verliehen wurde. Preisträger in diesem Jahr ist Amos Oz. Das Engagement für den Frieden, zu dem auch die Verleihung dieses Preises gehört, ist eine der Aufgaben der derzeit 10 Mönche des Klosters. Elias, selbst schon 18 Jahre hier im Land, sieht keine einfachen Lösungen in diesem Konflikt: „Sonst wäre er schon gelöst“. Die Aufgabe der Mönche sieht er vor allem darin die Einseitigkeit der Menschen hier aufzubrechen. „Jeder lebt hier auf seiner Insel“

Aber auch die große Umweltverschmutzung im Lande „ist eine Zeitbombe“, dessen Auswirkungen für die Menschen hier einmal schlimmer sein kann als der Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Nicht angesprochen haben über die schwierige Situation der Christen im Heiligen Land. Hierzu hatte ich vor einigen Wochen einen Aufruf  verschiedener Jerusalemer Patriarchen und Kirchenleitungen gelesen. In diesem Pier wird die israelische Regierung angeklagt durch verschiedene Maßnahmen das Leben der Christen hier zu „unterhöhlen“.Ichhabe den Beitrag in meinen Blog in der Sparte Christen übernommen.

Gerne mache ich die Leser/innen meines Blogs auf ein in diesem Jahr im Echter-Verlag erschienenes Buch, eines mir gut Bekannten deutschen Reiseleiters, Johannes Zang, aufmerksam: „Begegnungen mit Christen im Heiligen Land“ Johannes Zang informiert in diesem Buch über die Vielfalt und den Reichtum der Kirchen im Heiligen Land sowie über die Faten Lage der Christen vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. Er stell zahlreiche Begegnungsmöglichkeiten mit ihnen vor.

von allen Seiten ein toller Anblick: die dormitioabtei auf dem Zionsberg in Jerusalem

Zum Schluss des Tages sind wir dann zum  Beginn des Schabbats zur Westmauer gegangen. Auch dieser Besuch ist schon Tradition bei meinen Reisen. Freitagabend bei Sonnenuntergang entfaltet diese besonders heilige Stätte für die Juden eine unglaubliche Stimmung.

Das Abendessen haben wir bei Faten Mukarker eingenommen. Bei leckerem palästinensischen KusKus mit Fleischsoße und Salat erzählte taten uns in bekannten orientalischer Gesprächsweise ihre Lebensgeschichte

Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Ich bin mit Salua etwas einkaufen gegangen, und plötzlich sieht sie einen israelischen Soldaten, kein so junger mehr, der in einem Geschäft ein Schaukelpferd kauft. Sie ist stehen geblieben und hat mich ganz aufgeregt gefragt: „Papa, was tut er da?“ Ich habe ihr gesagt, dass er ein Schaukelpferd für seine Kinder kauft. Sie war einen Moment lang stumm, dann hat sie gefragt: „Haben israelische Soldaten Kinder?“. Ich habe ihr erklärt, dass viele von ihnen Kinder haben und dass sie ihnen Spielzeug kaufen und mit ihnen spazieren gehen und sie ins Bett legen und genauso liebhaben wie ich sie. Ich habe sie auf den Arm genommen und bin näher an den Soldaten herangegangen, und sie hat ihn angestarrt, dass es mir schon etwas ungemütlich wurde. Aber es hat sich rentiert. Als er das Schaukelpferd unter den Arm genommen hat, hat er sie angesehen und gelächelt und gesagt: „Hallo Kleines.“

Bericht eines palästinensischen Vaters, dessen kleine Tochter Salua eine große Angst vor israelischen Soldaten entwickelt hat. Geschildert von Angelika Schrobsdorf