Kurz vor dem Ende meines letzten Aufenthaltes in Palästina hatte ich es erfahren:

Durch diese Meldung hatten die vielen sinnlosen Opfer, die bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen, die seit September 2015 zwischen den verfeindeten Parteien geführt werden, für mich ein Gesicht bekommen: Hashem Azzeh aus Hebron

Ich habe ihn – der mit seiner Familie im gesperrten Bereich in Hebron wohnt – bei zwei Besuchen mit Gruppen im vorletzten Jahr ( April und Oktober 2014) kennengelernt. Hashem, der seit langen Jahren an Asthma litt, ist nach einem der massiven Tränengasangriffen des israelischen Militärs in Hebron, wohl erstickt. Wie schrieb mir eine Teilnehmer meiner Gruppenfahrt als er von der schrecklichen Meldung hörte: „Ich erinnere mich noch sehr gut an den Besuch bei Hashem Azzeh und seiner Familie. Auch deshalb geht mir sein Tod wohl so nahe. Wieder ein Mensch, dessen Mut, gewaltloser Widerstand und Leidensfähigkeit brutal „bestraft“ wird. Was wird ohne ihn aus seiner Familie? Man mag sich nicht vorstellen, wie groß das Leid und die Not ihre Zukunft bestimmen wird.“

Hashen im April 2014 im Hintergrund Siedlungshäuser

Hashen im April 2014
im Hintergrund Siedlungshäuser

Ich hatte mir vorgenommen, wenn es irgend wie möglich ist, der Familie bei meinem nächsten Besuch, einen Kondolenzbesuch abzustatten um auch im Namen der Gruppe, mit der ich Hashim und seine Familie im Oktober 2014 besucht hatte, unser Beileid und unsere Anteilnahme aussprechen. Dabei wollte ich auch mit einer kleinen Spende die finanziellen Not der Familie ein wenig lindern.

Bei den jüngsten Gewaltattacken gegen Israelis seit September 2015, stammten 30 (der oft jugendlichen) Angreifer aus Hebron. In der Regel wurde sie sofort getötet. In Hebron, wo 700 meist radikale Siedler sich mitten unter 200.000 Einwohnern „ausgebreitet“ haben, ist schon zu „normalen“ Zeiten der Spannungspegel sehr hoch. So war auch bei mir eine gesteigerte Anspannung festzustellen, als ich mich von Beit Jala auf den etwa 30 km langen Weg machte. Wie ich schon des Öfteren berichtet habe funktioniert der ÖPNV hier anders als bei uns, aber er funktioniert prima, wenn man denn weiß wo man ein- und aussteigen muss…. Mit einem einmaligen Umsteigen in Betlehem war ich in einer knappen Stunde für insgesamt 12 ½ Shekel (etwa 2 €) in Hebron.

Wenn man hinter Betlehem auf die „Siedlerstrasse“ 60 auffährt, (sie führt vom Norden bei Jenen in ihrer ganzen Länge durch das Westjordanland bis in den Süden hinter Hebron) hat man das Gefühl man wäre in Israel. Nicht nur wegen des exzellenten Straßenbelages, nein auch die Schilder weisen nur auf israelische Siedlungen hin. Überall wehen israelische Fahnen. Nur wenn man an große Kreuzungen kommt, merkt man das hier ein wenig „Kriegszustand“ herrscht. Schwer bewaffnete Soldaten, mit dem Maschinengewehr im Anschlage, stehen dort und sichern die Siedler, die an den Kreuzungen befindlichen Haltestellen in die (israelischen) Busse steigen wollen. Kommt man dann auch mal an einem palästinensischen Dorf vorbei, erkennt man schnell, dass dort alle Eingänge ins Dorf, „bei Bedarf“, mit großen Betonblöcken schnell zu gestellt werden können.

Fährt man dann nach Hebron hinein, ist der erste Eindruck den man immer hat wenn

über 800 Läden sind geschlossen

über 800 Läden sind geschlossen

man in eine palästinensische Großstadt (hier mehr als 200.000 Einwohner) kommt: ein gewaltiger Autoverkehr mit vielen Staus, Lärm und Gestank. Je näher man ans Centrum kommt nimmt das arabische „Marktleben“ zu. Bis an den Straßenrand wird alles feilgeboten was der Palästinenser so begehrt. Alles ganz normal bis man an den Eingang zur Shuhada (Märtyrer) Straße kommt. Hier ebbt der Verkehr schlagartig ab, nur wenige Fußgänger gehen zum Checkpoint. Als ich das erste Mal 2012 hier war, versperrte noch ein kleiner Container die Straße. Mittlerweile wirkt die Sperre wie

Die Absperrung zur Shuhadastrasse wirkt wie ein "Bollwerk"

Die Absperrung zur Shuhadastrasse wirkt wie ein „Bollwerk“

ein Bollwerk. Da ich nun ja schon öfters diese „Geisterstadt“ mitten in Hebron besucht habe, ist das Gefühl bei mir nicht mehr so extrem. Ich bin noch immer beeindruckt aber nicht mehr so geschockt. Eine starke Beklemmung stellt sich aber doch schnell wieder ein. Bei den Begegnungen mit zahlreichen schwer bewaffneten Soldaten auf den sonst Menschen leeren Straßen, habe ich immer das ungute Gefühl zurück gewiesen zu werden. Aber es geht gut, ich finde auch den (neuen) Durchgang zum Haus der Familie Azzeh. Der alte ist mit Stacheldraht abgesperrt. Oberhalb des Trampelpfades die Holzhäuser der Siedler.

Ich hatte Faten Mukarker gebeten meinen Besuch bei Nisreen Azzeh anzukündigen, weil

Nisreen Azzeh mit zwei ihrer vier Kindern

Nisreen Azzeh mit zwei ihrer vier Kindern

man als Mann hier nicht so ohne weiteres alleine eine Frau besuchen kann. Nisreen war also „vorgewarnt“. Sie empfing mich erfreut und wir setzen uns in das kleine Wohnzimmer, in dem ich auch mit meiner Gruppe gesessen hatte. Dabei waren auch zwei ihrer insgesamt vier Kinder (18, 13, 7 und 5 Jahre) die sich über ein Windspiel freuten was ich ihnen als kleines Geschenk mitgebracht hatte. Im Nachbarhaus lebt der Bruder ihres Mannes der sie wohl auch ein wenig unterstützt. Sie selbst malt wohl gerne und viel und kann immer mal wieder bei den Besuchen von Gruppen (es kommen aber viel weniger, als zu Zeiten wo ihr Mann noch lebte) das eine oder andere Bild verkaufen, und damit ein wenig Haushaltsgeld erwirtschaften. Ich versprach auch mit der Gruppe, mit der ich im Herbst komme bei ihr vorbei zu schauen.