Schnell sind die 21 Tag hier im heiligen Land vergangen. Ich habe wieder viel erleben dürfen, großartige Menschen treffen können und durch sie aber auch durch sonstige Erlebnisse wieder ein wenig mehr davon verstanden, wie hier die Menschen hier „ticken“ sowohl in Israel aber vor allem in Palästina.

Viele Menschen in Deutschland, aber auch – vor allem hier – sagen ja, es ist alles hoffnungslos. Es gibt keine Lösung des schon so lange andauernden Konfliktes. Grundsätzlich stimmt das natürlich. Wenn man sieht, wie schwer es ist die beiden Parteien wieder zu Gesprächen an einen Tisch zu bringen – gerade versucht es ja unser neuer Außenminister Gabriel scheinbar vergeblich- wie soll es da Hoffnung auf eine (Friedens-) Lösung geben.

Und doch lohnt es sich, meiner Meinung nach, hier in Palästina wirklich einmal genauer hinzuschauen.

Am Samstag, zum Beispiel, habe ich von Jerusalem aus einen kleinen Abstecher nach Ramallah gemacht. Von dem palästinensischen Busbahnhof nahe dem Damaskustor, kann man, wenn der Verkehr es erlaubt, in 30-45 Minuten das Zentrum „Regierungsstadt“ der Palästinenser erreichen. Natürlich, man fährt zunächst kilometerlang an der Mauer vorbei, die die Palästinenser in Ostjerusalem von Bewohner/innen der israelischen Siedlungen im Osten der Stadt trennt. Auch muss man mit dem Bus durch den großen Checkpoint, an dem sich jeden Morgen Tausende Palästinenser aus der Westbank drängen, um zur (billig bezahlten) Arbeit nach Israel und Ostjerusalem zu gelangen.

Qalandia-Checkpoint: Hier könnt ihr einen aktuellen Beitrag einer EAPPI-Beobachterin lesen

Kommt man dann aber in das Zentrum von Ramallah, dann ist man, wie ich am Samstag positiv „erschlagen“ von dem was dort auf den Besucher einwirkt. Ein wirklich „pralles“ Einkaufserlebnis bietet sich den Augen, Ohren und der Nase des Besuchers. Auch das ist reales Leben im Jahre 2017 in Palästina. Da scheinen die Sorgen des Alltages, die Arbeitslosigkeit, das Eingesperrt sein durch Mauer und Zaun, die alltäglichen Erniedrigungen der Besatzung, nicht genehmigte Baupläne, fehlendes Wasser und und und…. für einen Augenblick vergessen.

Ramallah: das „pralle“ Leben, so scheint es

 

Gerade hier in der Regierungsmetropole erlebt der Besucher ein Palästina, das lebt und eben auch weiter leben, existieren wird. So viele junge Menschen, die man auf auf der Straße sieht, zeugen von der Hoffnung, die ihre Eltern in sie und damit in ihren Staat gesetzt haben.

Wie sagte mir ein Palästinenser: Die alte Führung ist „müde“
Es bedarf einer viel besseren Koordinierung der unterschiedlichen Gruppen. Ich weiß nicht ob ihr den Kommentar von Emad, meinen Freund, dem Palästinensischen Arzt, gelesen habt, der ja mit seiner Frau Anja und Sohn Karim ebenfalls hier zu Besuch war und gerade in seinen Wohnort Moers zurück gekehrt ist. Er meint in seinem Blogkommentar am 22.4., sein Land bedarf wieder einer „Lichtgestalt“ (wie zuletzt Arafat eine war), er nennt Mahatma Gandhi, die „ehrlich“ und daher glaubwürdig ist und die verschiedenen Gruppen in Palästina einen kann. Nur wenn die Palästinenser mit einer Stimme sprechen und Handeln sind sie glaubwürdig und stark.

Ramallah: „edle“ Verkaufsstraßen

Viele Palästinenser leben im Ausland und haben es dort oft, auch wegen ihres Fleißes zu Ansehen und Reichtum gebracht. Sie sollten nicht nur große, oft protzige „Ferien“-Häuser in den palästinensischen Dörfer, denen sie entstammen, bauen, die dann auch noch den Neid bei den im „Dorf verbliebenen“ erzeugen. Sie sollten vielmehr, nach ihren Möglichkeiten, die wirtschaftlich Entwicklung ihres Heimatlandes fördern. Denn die Wirtschaft ist schwach, derzeit sind 28 % der Menschen arbeitslos (im Gazastreifen mehr als 60 %) . Aber auch in Sachen Wirtschaft braucht Palästina dir Unterstützung Israels. Ich hatte ja schon einmal die Brauerei in Taybeh besucht. Hier erfuhr wie schwierig es ist ein solch spezielles Unternehmen aufzubauen. Mal fehlt das Wasser, mal liegt der Hopfen im Hafen von Haifa und wird nicht gelöscht. Ich habe es an anderer Stelle schon geschrieben, die Wirtschaft braucht bessere Voraussetzungen, und dafür ist in erster Linie die Besatzungsmacht Israel verantwortlich.

Ramallah: auch Blumen pflanzen sind Hoffnungszeichen

Und noch etwas bedarf dringend einer Veränderung: Geht man mit offenen Augen durch Ostjerusalem, dem von Israel seit 1967 bestzten teil von Jerusalem, immer wider entdeckt man in palästinensischen Stadtteilen (Beispiel Silwan) oder im muslimischen Quartier der Altstadt. Immer wieder sieht man dort Häuser die augenscheinlich von jüdischen Isrelis gekauft wurden. Sie sind mit (die palästinensischen) Nachbarn provozierenden israelischer Fahnen ausgestattet und mit Fernsehkameras und Stacheldraht zu „Trutzburgen“ in „feindlicher“ Umgebung abgesichert. Wie selbstverständlich tragen diese Bewohner offen ihre Waffen zur „Schau“. Wen wundert es das gerade aus diesen Gebieten sich in letzter Zeit (nicht nur jungen) Palästinenser aufmachen um beispielsweise mit einer Messerattacke, letztlich auch sich selbst umbringen (lassen). Denn sie werden in der Regel von Polizisten, Soldaten oder eben von bewaffneten Siedlern erschossen. Die Stadtverwaltung Jerusalems sollte solche provozierende Haus- und Grundstückskäufe verhindern.

Silwan: unerwünschte „Nachbarn“ sind ständige „Reizauslöser“

Diesen Blog habe ich nun heute zu Hause geschrieben. Mein Groll von der gestrigen „Behandlung“ am Flughafen in Tel Aviv, ist ein wenig in den Hintergrund getreten. Heute las ich die doch bemerkenswerte Aussage des Vorsitzenden des auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, zu den aktuellen Schwierigkeiten im deutsch-israelischen Verhältnis, dass auch der Außenminister Gabriel zu spüren bekommt, weil er auch mit Vertretern von Menschenrechtsgruppen in Israel wie „Breaking the Silence“ sprechen will. Herr Röttgen in einem Interview mit dem DLF am 23.4. unter anderem:

„Das Verhältnis ist in keiner Weise beschädigt, sondern es ist ein außergewöhnliches, tiefes Verhältnis. Aber die Meinungsverschiedenheiten sind auch gravierend. Und für alle diejenigen, denen Israel am Herzen liegt, die nicht nur die Verantwortung spüren, sondern auch am Herzen liegt, die sind auch traurig, auch deprimiert darüber, wie sehr alles festgefahren ist, wie sehr, aus meiner Sicht, sich Israel einseitig auf seine militärisch-polizeiliche Überlegenheit verlässt und in der ganzen Situation keine Perspektive entwickelt. Die Palästinenser sind zur Zeit besonders schwach, besonders zerstritten. Israel profitiert gewärtig von der angespannten Lage im Mittleren Osten, dass sich die Aufmerksamkeit von diesem Konflikt – Israel-Palästina – auf andere Konflikte wegbewegt hat. Es hat sogar gegenwärtig sicherheitspolitische Vorteile für Israel. Aber unter dieser Oberfläche von Aktualität wird es fundamental immer schlechter und negativer und es entwickelt sich keine Perspektive. Das ist eine echte Bedrohung für Israel auf lange Sicht.“   

Erstaunliche (hoffnungsvolle) Worte – wie ich finde -aus (deutschem) Politikermund. Ich sehe es genauso wie Herr Röntgen, aber eben auch viel Friedensakivisten in Deutschland:

Israel muss seine Politik ändern, muss die Besatzung beenden, muss einen menschenwürdigen Umgang mit den Palästinensern schaffen sonst schafft es selbst ab.

Es gibt sie „Hoffnungszeichen“ man muss nur genaue hinschauen…und sie pflegen und hegen

Ich beende hiermit meine aktuellen Blogberichte, komme wieder „Inch allah“ im Oktober 2017. Dann werde ich wieder eine Gruppe 10 Tage zu einer Begegnungsreise nach Israel und Palästina begleiten. Vielleicht hat ja der Eine oder die Andere Interesse mitzufahren, oder kennt jemanden der Interesse hat: ich habe die aktuelle Ausschreibung in meinem Blog hier eingestellt.

Nicht enden möchte ich aber auch heute mit dem Tageszitat  aus:  „Recht ströme wie Wasser“, erschienen im AphorismA-Verlag

Deutschland hat einen beträchtlichen Teil des Unfriedens in der region zu verantworten. Das palästinensische Volk hat mit dem Völkermord der Nazis an den Juden nichts zu tun, soll aber die Kosten für dieses Verbrechen bezahlen. Das ist unerträglich. Insofern besteht eine enge Verbindung zwischen der deutschen und der palästinensischen Geschichte, der sich die deutsche Politik nicht entziehen kann
von: Arn Strohmeyer (Journalist und Autor)