Der Autor Michael Chabon war auf einer Tour durch Hebron in der West Bank, als er einen unerwarteten Verehrer in einer Gruppe israelischer Soldaten, die Dienst in der geteilten Stadt hatten, traf.

“Ich habe Ihre Bücher gelesen,” sagte ein junger Soldat, der den Pulitzerpreisträger, Autor von „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ , erkannte.

Ansonsten waren Verehrer an diesem Tag dünn gesät: Jüdische Siedler verfolgten und belästigten Chabons Gruppe, und erzählten den Teilnehmern, dass ihnen ihr Führer Lügen erzähle, als er über die Einschränkungen palästinensischen Lebens in der West Bank Stadt berichtete. Tatsächlich gehörte der Soldat, der Chabons Bücher gelesen hatte, zu einer Gruppe, die Chabons Tour durch die Stadt folgte, angeblich, um zu verhindern, dass die Konfrontationen mit den Siedlern eskalierten. Chabon dankte den Soldaten, nachdem ihn einer erkannt hatte.

Siedler, die meinten, die Tour sei voreingenommen und unrichtig, verfolgten die Gruppe

Chabons Tour durch die West Bank wurde von Breaking the Silence organisiert. Die umstrittene israelische Gruppe sammelt und verbreitet Aussagen, die israelische Soldaten über ihren Dienst in den  Besetzten Gebieten machen.

Chabon gehört, zusammen mit seiner Frau Ayelet Waldmann, zu einer Gruppe von 24 führenden Autoren, die in den nächsten Wochen Ost-Jerusalem,  die West Bank und Gaza besuchen werden, um Hintergrundforschung  für eine Essaysammlung zu betreiben. Diese Essays sollen anlässlich des 50jährigen Bestehens der israelischen Besatzung veröffentlicht werden. Das Paar wird das Buch, das das Ziel hat, zu illustrieren, was es heißt, unter israelischer Militärverwaltung zu leben, herausgeben. Im Fokus von Chabons Essay wird Sam Bahour stehen, ein palästinensisch-amerikanischer Geschäftsmann, der nach Ramallah übersiedelte, um dort, nach den Oslo-Vereinbarungen, die palästinensische Wirtschaft aufzubauen. Nun beobachtet er stattdessen, wie die israelische Besatzung rund um ihn herum immer schlimmer wird.

Chabon, der in seiner Literatur jüdische Themen verarbeitet, bezeichnet Israel,  als die ‚Gewerkschaft jiddischer Polizisten’…

Chabon will sich nun direkt um Israels dunkelste Seiten kümmern. Die Aufmerksamkeit, die er nun der Besatzung widmet, wurde durch eine Reise seiner Frau nach Hebron im Jahre 2014 entfacht, und sie entspringt tiefer Sorge um Israel.

“Ich liebe Israel, es liegt mir sehr am Herzen,” sagt er. “Doch wenn man andere entmenschlicht, so entmenschlicht man sich selbst. Was hier geschieht, ist schlecht für Israel, und wenn es aufhörte, so wäre es gut für Israel.”

Der ‚Forward’, der die Breaking The Silence Tour der Autoren für zwei Tage begleitete, interviewte Chabon im Hotel der Gruppe im prächtigen Stadtteil Sheik Jarrah in Ost-Jerusalem.

Chabon war sichtlich erschüttert über das, was er tags zuvor in Hebron gesehen hatte.

Er nannte die Besatzung  “die schwerste Ungerechtigkeit, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.“

 

Frage:

Gestern waren sie in Hebron, einem der schlimmsten Orte in den Besetzten Gebieten. Wie war das für sie?

Antwort von Michael Chabon:

Als Jude und als jemand, der sich sowohl Israel als auch den Erzählungen des alten Testamentes zutiefst verbunden fühlt, bedeutete es mir natürlich etwas, in Hebron zu sein, dort, wo, der Überlieferung nach, Abraham, Sarah, Isaac, Jakob, Rebecca und Leah begraben sein sollen. Es hat mich aber sehr abgestoßen, zu sehen, wie dieser Ort entehrt und entheiligt wird durch die Anwesenheit dieser unglaublich grausamen und ungerechten, faktischen und figurativen Maschinerie der Unterdrückung. Es hat mich abgestoßen….

Frage:

Wie war Ihr Verhältnis zu Israel und zum Zionismus als Sie aufwuchsen?

Antwort:

Ich fühle mich der jüdischen Überlieferung, den Legenden und Geschichten zutiefst verbunden. Was Israel betrifft, nun, ich war 4 Jahre alt, als der 6-Tage Krieg ausbrach. Zuerst hieß es, “Oh Gott, nein!“. Das wandelte sich dann in große Erleichterung und in Jubel um, der auch mit Triumpfgefühlen vermischt war. Dann, 1973, brachte der Yom Kippur Krieg erneuten Schrecken und erneute Sorge, die wiederum von Erleichterung, aber von weniger Jubel gefolgt wurden….

Für Palästina und die Palästinenser bestand meinerseits kein Interesse, sie gelangten ursprünglich nur durch terroristische Aktionen in mein Bewußtsein. Das blieb so, bis zur Invasion des Libanon. Dann entstanden erste Risse in meinem Israelbild, und ich begann, Fragen zu stellen, als ich über die Massaker und die Flüchtlingslager las. Es war so: “Warte mal, ist das Israel?“ “Tut Israel so etwas?“ Und dann folgte ein langer, schmerzhafter Prozess der Desillusionierung und der Verärgerung. Aber noch immer klammerte ich mich an die letztlich irrationale Vorstellung, das Israels Aktionen gegen die Palästinenser irgendwie gerechtfertigt waren, notwendig waren, oder nicht schlimmer waren, als das, was jemand anderes unter den gleichen Umständen auch getan hätte.

Frage:

Sie sagen, Sie haben sich bislang in Ihrer Literatur nicht mit dem Problem der Besatzung auseinandergesetzt. Unter Ihrer Leserschaft sind viele Juden. Haben Sie Angst, diese Gruppe der Leser zu verlieren?

Antwort:

Nein. Alles, was ich getan habe, ist, hinzugehen und selbst zu sehen. Und wenn Sie selbst hingehen und sich die Dinge ansehen, dann ist es, so glaube ich, für jeden Menschen mit Herz und mit Verstand ziemlich offensichtlich, was man darüber fühlt. Ich habe in meinem eigenen Land, den USA, schlimme Dinge gesehen. Es gibt grauenhafte Ungerechtigkeiten im Gefängnissystem der USA,  “Das Zweite Jim Crow’“ wie es oft genannt wird. Unsere Drogengesetze sind von grotesker Ungerechtigkeit. Ich weiß, wovon ich rede.

Dies hier ist, in Bezug auf Ungerechtigkeit, das Schlimmste, was ich je gesehen habe. Wenn es mich Leser kostet, das zu sagen, so will ich diese Leser nicht haben. Sollen sie gehen und nicht wieder kommen….

Interview gekürzt. Übersetzung: Doris Flack

 

*The Jewish Daily Forward, jiddisch: פֿאָרווערטס, Forverts (inoffiziell auch: The Yiddish Forward), kurz auch einfach The Forward, ist eine jüdisch-amerikanische Zeitung. Ursprünglich eine jiddische Tageszeitung, erscheint sie heute wöchentlich in einer englischen und vierzehntäglich in einer jiddischen Version; hinzu kommt die tägliche Aktualisierung der jeweiligen Homepage. Der Sitz der Zeitung ist in New York City.

 

Der Originalartikel  ist zu lesen unter:

http://forward.com/culture/books/339119/qa-michael-chabon-talks-occupation-injustice-and-literature-after-visit-to/#ixzz46mZImSny