
Heut war ein schöner, sonniger Frühlingstag mit fast schon sommerlichen Temperaturen. Gregor hatte uns für diese Woche ein ziemlich „strammes“ Programm zusammengestellt. Ich muss dazu erwähnen, dass er seit vielen Jahren, veranstaltet von seinem Verein „JugendInterKult“ mit jungen Menschen in diese Region fährt. Daher hat er, wie ich ja auch, mittlerweile viele Kontakte zu sehr unterschiedlichen Menschen. So hatte er auch für heute Treffen mit insgesamt vier Personen vereinbart. Da auch ich mich wegen Gesprächen erkundigt hatte, habe ich mit unserer kleinen Gruppe an drei der vier Gesprächen teilgenommen.

Blick auf die Altstadtmaauer
Am frühen Morgen gegen 9 Uhr haben wir in der Dormitio-Abtei, die der Leser:innenschaft meines Blogs ja von vielen Kontakten, die ich in den letzten Jahren dorthin hatte, gut bekannt ist, Pater Simeon getroffen. Simeon ist seit 2013 hier in der Abtei und ist verantwortlich für die Student:innen des theologischen Studienjahres
Ganz spontan bezeichnete Simeon die derzeitige Zeit „wie Corona nur ohne Masken“. Zwar ist seit der Waffenruhe am 19. Januar ein ganz leichter Anstieg der Touristen (vor allem aus Afrika) zu spüren, allerdings braucht es, so Simeon, wenn es weiter ohne kriegerische Auseinandersetzung gehen würde, fast ein Jahr, bis wieder normale Besucher:innenzahlen erreicht werden könnten. Hinzu kommt, dass die Abtei, wegen einer Gesamtrenovierung fast 3 ½ Jahre geschlossen war und erst im August2023 wieder geöffnet hatte. Nach knapp 6 Wochen, war mit dem 7. Oktober, die Zeit der größeren Besucher:innenzahlen wieder vorbei. Das schöne, neugestaltete, Cafe wartet seit dem auf Besucher:innen. Simeon ging kurz auch auf die Situation seiner Brüder in der Außenstelle in Tabgha, am See Genezareth ein. Dort war das Erlebnis des Kriegs mit der Hisbollah im Libanon einschneidend für die Mönche. Wochenlang flogen die Düsenjäger über dem See ihre Angriffe in den Libanon. Oft kam es zu Raketenalarmen während der Messe, beim Esse etc. mussten die Bunker aufgesucht werden. Natürlich haben die fehlenden Touristen auch Auswirkung auf die Einnahmen im Gästehaus in Tabga. Simeon nach seinen Gedanken für die Zukunft gefragt meinte spontan: Das die Zeit wohl viele Wunden heilen könnte. Alle hier, Mönche und (palästinensischen) Mitarbeiter:innen wären froh, wenn zu mindestens wieder der Status Quo erreicht würde, wie es vor dem 7. Oktober war, wenn es eben nicht schlimmer wird.

Zum Mittag trafen Peter und ich Helga Baumgarten im mir sehr bekannten und beliebten American-Colony-Hotel. Leider war das Garten-Cafe, welches ich schon sooft besucht habe, noch nicht geöffnet. So haben wir uns in die, auch sehr geschmackvolle Lobby der Hotels gesetzt. Zu Helga, die ich über mein Engagement bei KoPI kennengelernt habe, könnt ihr mehr in Wikipedia lesen. Sie lebt im Ostjerusalemer Stadtteil Beit Hanina. Neben ihren Arbeit an der Universität hat sie viele Büchern geschrieben, gerade hat sie mit Norman Paech das Buch: „Völkermord in Gaza – Eine politische und rechtliche Analyse“ geschrieben, es erscheint in der ersten April-Woche im Promedia Verlag, Wien. Ende April geht sie mit Norman Patch auf Lesereise in Deutschland: Stuttgart, Berlin, München, Mannheim, Nürnberg, Hannover. Genaueres kann bei mir nachgefragt werden.

Im Garten des American-Colony-Hotel
Die aktuelle Situation in der Westbank beschreibt Helga mit „es ist keine normale Mobilität mehr vorhanden“ Seit dem Sommer des vergangenen Jahres beschreibt Helga in wöchentlichen Kolumnen die aktuelle Situation in „Briefen aus Jerusalem“, die in der „Jungen Welt“ abgedruckt werden. Sie sieht die Situation für die Zukunft sehr „düster“. Immer mehr Israelis, vor allem gut gebildete, verlassen das Land. Sie sprach von einer halben Million in den letzten Jahren, dass bei einer Zahl von etwas mehr als 7 Mio Juden.
Solange die Besatzung besteht, gibt es Widerstand. “Die Israelis haben sich den falschen Feind ausgesucht, die Palästinenser sind stur, die werden nicht aufgeben“ Es bedarf den Druck von außen um eine Veränderung herbei zu führen. Sie sieht in Israel selbst nur noch eine kleine Minderheit mit Hoffnung aus einer Veränderung von innen.
Am Nachmittag haben wir dann noch Ines Fischer getroffen, seit dem Herbst 2023, evangelische Pfarrerin an der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg. Sie nach der Zukunft befragt meinte, sie schaue jeden Tag neu.
Sie versucht die „kleinen Pflänzchen“ der Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis zu unterstützen, sieht aber doch ganz klar, dass oft nicht mehr viel zusammengeht. Meist lehnen die Palästinenser solche Kontakte ab, wollen eben nicht, dass eine „Normalisierung“ vorgetäuscht wird. Solche Treffen empfinden sie, sind eben nicht auf Augenhöhe, da nach den Gesprächen die Situation wieder so ist wie vorher: hier die Besatzer, da die Besetzten

abendlicher Blick vom Ölberg Richtung Jordanien
Ein kleiner Nachtrag noch am (frühen) nächsten Morgen:
Es tut mir sehr leid, wenn ich in diesem Tagesblog nicht immer alles was ich erlebt und gehört habe, am gleichen Abend noch zusammenfassen kann. Ich bemühe mich in der Regel, dass was mir vom Tage wichtig war in den Tagesbericht zu schreiben. Aber es gelingt mir dann nicht, so wie gestern, wenn das erlebte einfach so viel war, dass die Zeit, die mir am Abend zur verfügung steht, einfach nicht ausreicht. So war es gestern auch: der Erlebnisse und Eindrücke waren so viel, dass ich meine Berichterstattung um Mitternacht abgebrochen habe. Nun will ich, das mir von gestern noch wichtig war noch nachtragen, damit mein Kopf wieder „frei“ ist für die Erlebnisse von heute. So haben wir Gestern am späten nachmittag auf dem Gelände des Viktoria-Hospitals auf dem Ölberg auch noch Prof. Dr. Dr. Dr. hc Dieter Vieweger getroffen, den Leiter des Evangelischen Institutes für Alterswissenschaft (DEI). Gregor hat diesen (höchst) interessanten Mann, der hier mit seinem Team (seit 2004) interessante Forschungen zur Vor – und Frühgeschichte betreibt, vor Jahren kennengelernt und besucht ihn mit seinen Gruppen regelmäßig. Schon bemerkenswert mit was sich Menschen hier im Land so alles beschäftigen.
Der Krieg, dessen Auswirkungen natürlich auch an ihm und seinem ganzen Team, zu dem auch, neben Deutschen, Israelis und Palästinenser gehören, nicht „spurlos“ vorbei gegangen ist hat bei ihm die Meinung gefestigt, dass „beide Seiten nur zusammenkommen, wenn Sie sich vergeben“
Da er kurz vor seinem Ruhestand steht sagte er auf die Frage, wie es ohne ihn in seinem Institut weitergeht, die so tiefsinnige Lebensweisheit: „Es leben auf den Friedhöfen dieser Welt so viel, die sich für unersetzlich hielten“ Hier auch noch ein Buchtipp: „Abenteuer Jerusalem“ -die aufregende Geschichte einer Stadt dreier Weltreligionen-, ein Schulbuch, aber wohl auch für erwachsene die Interesse an der Geschichte haben, sehr lesenswert
… und noch ein kleiner Tagesrückblick zur allgemeinen Situation, wie sie sich für mich im Erleben darstellt:
Ich spüre (bisher)absolut keine andere Stimmung in der Bevölkerung hier in der Altstadt oder auch im palästinensischen Viertel, dass sich dem Damaskustor anschließt.

ja, es ist natürlich leerer in der Altstadt um die heiligen christlichen Stätten, aber die Wege zum heiligen Bezirk der Muslime an der Al Aqsa-Moschee sind vollen Menschen.
Tageszitat (17. März) aus „Recht ströme wie Wasser“
Die überarbeitete Streckenführung der Mauer (in Jerusalem) gliedert 365 744 Siedler, d.h. 83% der israelischen Siedlungsbewohner: innen, in den Staat Israel ein. Der Bericht „Siedlungen und die Mauer“ der Palestinian Academy for Israel the Study of International Affairs stellt hierzu fest: „Israel reduziert nicht nur die Nutzfläche, den territorialen Zusammenhang und die wirtschaftliche Lebensfähigkeit eines palästinensischen Staates, sondern sie blockiert den eines funktionsfähigen Staates und die Möglichkeit einer Zweistaatenlösung“
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