Nabila Espanioly:„Gewalt ist nicht normal“

Gestern habe ich geschrieben, dass uns am Morgen wie gewohnt Sonne empfing. Heute morgen empfing uns – welch Seltenheit ein bewölkter Hommel, aber eine erfrischende klare Luft. Es hatte in der Nacht (das zweite Mal nach der langen trockenen Sommerzeit – geregnet. Hier empfindet man den Regen als „Labsal“, „Regen bringt Segen“ wie wir es früher auch bei uns gehört haben. Im Laufe des Tages gab es immer mal einen Schauer, das Regenwasser lief durch die Strassen von Nazareth.

Ja, heute war unser Ziel Nazareth. Sozusagen auf dem Weg haben wir einen kurzen Stopp in Kanaa gemacht, das Kanaa das keine „Weinprobleme“ hat, denn hier hat Jesus (nach der biblischen Geschichte) bei einer Hochzeit, Wasser zu Wein verwandelt, sein erstes Wunder. Natürlich, auch wenn es erst früh am Morgen war, so gegen 9 Uhr, wir waren nicht die ersten….

eine starke Frau: Nabila Espaniola

Anschließend sind wir die kurze Strecke (10 km) weiter nach Nazareth gefahren. Hier hatten wir um 10 Uhr ein Gespräch mit Nabila Espanioly verabredet. Sie leitet in Nazareth das AL TUFULA Center. Dies ist eine Nonprofit Frauen-Organisation. Das Center widmet sich der der konkreten Unterstützung der palästinensischen Frau auch der frühkindlichen Erziehung. Nabila: „Es geht bei der Frauenarbeit auch um das Thema häusliche Gewalt. Wir versuchen durch unsere Beratung die Frauen, die sich als (ohnmächtiges) Opfer fühlen, zur Verantwortung für sich selbst zu ermutigen. Die Erkenntnis, das Gewalt nicht normal ist, ist ein Schritt zu dieser Einstellung. Dann versuchen diese „umgekehrten“ Frauen als Multiplikatoren und für Aktivitäten in der Gesellschaft zu gewinnen“. Die Gruppe um Nabila ist vielfältig politisch aktiv. Derzeit arbeitet sie unter anderem in einer jüdisch-palästinensischen Frauengruppe mit, die sich mit dem Militarismus in der Erziehung auseinandersetzt. Sie berichtete auch von Aktivitäten im Zusammenhang mit der Polizei. Die oft jüdischen Polizisten werden von der palästinensisch israelische Bevölkerung (immerhin 20 % Anteil an den 8,5 Mio Einwohnern) selten als Schutz sondern oft diskriminierend erlebt Vor allem die weiblichen Opfer von (sexuellen) Gewalttaten erleben, so Nabila bei der Polizei noch einmal eine Vergewaltigung. Es fehlen weibliche und schon gar weiblich arabische Polizeibeamtinnen. Hier schlägt Nabile vor, entsprechend ausgebildete arabische Sozialarbeiterinnen zu beschäftigen.

Altstadt-Gasse in Nazareth

Nabila bringt ihre Forderungen nicht nur in Israel vor. Morgen fährt sie nach Genf, wo sie in einer UN-Gruppe mitarbeitet.

Natürlich berichtete sie auch von den aktuellen Gesetzgebungen in Israel, die vor allem die NGO´s im Blick haben die sich kritisch mit der aktuellen israelischen Politik auseinander setzen. Hier gibt es eine „schwarze Liste“. Diese Gruppen müssen sich öffentlich „outen“, das heißt als solche zu erkennen geben, die ihre finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten. So wird versucht diese Gruppen „einzuschüchtern“. Gelichzeitig versuch die israelische Regierung, bei den Geldgebenden Staaten zu intervenieren, das die finanzielle Unterstützung eingestellt wird.

Die 90 Minuten mit Nabila, bedeuteten 90 Minuten einen überzeugenden Redefluss auf all unsere Fragen, der uns alle tief beeindruckt und überzeugt hat Man/Frau versteht, wieso Nabila schon zahlreiche Ehrenpreise bekommen hat (so 2003 den Aachener Friedenspreis. Sie wurde mit 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.Es waren Frauen, die sich auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene für den Frieden einsetzen. Ein Blick in die verschiedenen Porträts zeigt, dass die 1000 Frauen in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sind: sie engagieren sich für politische Rechte, Friedensförderung, Gesundheit, Bildung, Umwelt, Kinderrechte und Gewaltlosigkeit, sie setzen sich ein für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens und des Menschenhandels.

Wie der „erfahrene“ Leser weiß, war ich schon öfters mit meinen Gruppen zu Gast im AL TUFULA Center. Interessierte können hier von meinem Besuch in 2016 lesen.

Zum Schluss habe ich Nabila noch zu Reuven Moskovitz befragt. Er hatte 2013 gemeinsam mit Nabila den Aachener Friedenspreis bekommen. „Da ist ein großer, mutiger und starker Mann von uns gegangen, dessen Herz allerdings in den letzten Jahren immer mehrgelitten hat, ob der Erkenntnis, dass sich trotz vielerlei Anstrengungen, in Wirklichkeit so wenig an dem großen Konflikt zwischen den jüdischen und palästinensischen Volk verändert hat“

Nach diesem für die Gruppe so erfüllenden Gespräch mit Nabila hat ein teil der Gruppe sich noch die Haupt-Touristen-Attraktion von Nazareth angeschaut: die Verkündigungskirche.

Ali in Beduinentracht zeigt uns wie Kaffeebohnen „rhythmisch“zerstoßen werden.

Anschließend waren wir bei Ali unserem Busfahrer zum Mittagessen eingeladen. Al lebt in einem Dorf wo ein Beduinenstamm wohnt der in den 50 ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sesshaft geworden ist. Im Gegensatz zu den Beduinen im Negev und auch in der Jerusalemer wüste (hierüber habe ich schon des Öfteren berichtet), haben sich der Stamm von Ali mit dem Leben unter israelischer Verwaltung/Gesetzgebung arrangiert. Er scheint damit ein zufriedenes Leben zu führen. Ein Vorbild für andere palästinensischen Israelis?

vom „Jesus-Trail“:
ein schöner Blick auf den See Genezareth und Tiberias

Zum Schluss des Tages sind wir noch ein kleines Stück auf dem vor einigen Jahren „eröffneten „Jeus-Trail“ gegangen, der von Nazareth die 60 km lange Weg-Strecke „nachbildet, die Jesus bis an den See Genezareth nach Kafanerum gegangen ist.

 

Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Die Forderung nach Gerechtigkeit darf in unserer Welt niemals untergehen. Weil die Unterdrückenden geneigt sind, ihr Tun solange fortzusetzen, bis die Menschen die Ungerechtigkeit öffentlich nicht mehr wahrnehmen, darf der prophetische Schrei niemals verstummen. Ja, mehr noch, die Unterdrücker spekulieren darauf, dass sich die Unterdrückten schon an die Situation gewöhnen werden oder wenigstens ihre Forderungen abschwächen, sich mit falschen Kompromissen zufrieden geben werden. Eintreten für Gerechtigkeit bedeutet, die Mächtigen zu belästigen, sie bloßzustellen, sie iher Respektabilität zu berauben, indem ihre Legitimität öffentlich in Frage gestellt wird. Von Naim Stefan Ateek (Der Autor ist palästinensischer Pfarrer und Mitbegründer von Sabeel, dem Ökumenischen Zentrum für Palästinensische Befeiungstheologie. Er schreibt u.a., dass zwei Argumente benutzt werden, um die Gründung des israelischen Staates zu rechtfertigen: die Shoa und seit dem Krieg von 1967 die Bibel. Bestimmte Textstellen werden zur Rechtfertigung der Vertreibung des palästinensischen Volkes missbraucht, so dass die Bibel zu einem politischen Instrument geworden ist)

Über Marius S. 370 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

2 Kommentare

  1. Hallo Marius! ich hätte gerne früher von deiner reise gelesen, aber ich hatte familienangelenheiten zu regeln. Umso mehr habe ich heute die Reise verfolgt und viel neues erfahren. Es ist schon ergreifend, wenn man daran denkt, das Jesus in diesem Land gelebt und gewirkt hat.Ich freue mich auf die Fortsetzung!! LG gabi

  2. Lieber Marius.
    Vor 1967 ware in Jerusalem 45% der Bevölkerung Christen. Heute sind Die weniger als 10% . Die Besatzung hat eine unsichtbare rassistische Seite. Das Land zu evakuieren von ihren Ureinwohner. Die Christen sind als Zielgruppe seit langem im Auge. Auch die Stadt Nazereth ist ein Dorn im Auge. Ich würde als Einwohner Israel auf mein Wehrpflicht bestehen. Um die rassistischen Tate der IDF zu beobachten. Warum auch nicht. Mann soll sich aktiv beteiligten.
    Vor Jahren war ich dagegen. Heute würde ich allen ermütigen das zu machen. Es ist unsere Heimat.

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