Probst Lenz:“Aussagen zur Zukunft ist wie ein Blick in eine Kristall-Kugel“

Heute hatten wir uns am frühen Morgen mit Probst Joachim Lenz verabredet. Die Aufgaben des Propstes in Jerusalem umfassen neben der pastoralen Versorgung der evangelischen Gemeinden Deutscher Sprache in Israel und Palästina auch die Leitung der Stiftungseinrichtungen der EKD in Jerusalem sowie die Repräsentanz der EKD und der Stiftungen gegenüber Kirchen und öffentlichen Einrichtungen im Heiligen Land. Er ist seit Sommer 2020 hier in Jerusalem tätig und neben seinen oben genannten Aufgaben ist er auch als Pastor für die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Jerusalem zuständig. Derzeit gibt es 72 volljährige Gemeindemitglieder.

Die Erlöserkirche

Zunächst hat er uns die Geschichte der protestantischen Gemeinde hier in Jerusalem erzählt., die es seit Ende des vorletzten Jahrhunderts gibt. 1898 bekamen die Protestanten vom deutschen Kaiser das Grundstück, welches sich in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche befindet und bauten auf ihm die Erlöserkirche. Kaiserin Augusta-Viktoria gab den Protestanten dann noch ein Grundstück auf dem Ölberg. Dort wurde die Himmelfahrtskirche gebaut. Dort hatten wir vorgestern Pfarrerin Ines Fischer getroffen. Nebenbei erwähnt: Die Katholische Kirche bekam zur selben Zeit ebenfalls ein Grundstück am Zionsberg und bauten dort die Dormitio-Abtei.

Zum gestern wieder so schlimm aufgeflammten Krieg ins Gaza meinte Probst Lenz „nur“ : Es hat hier keinen gewundert, alle (Israelis und Palästinenser) haben damit gerechnet. Als ich ihm von meinem großen Unbehagen erzählte, dass ich hier verspüre, wenn so nah so vielen Menschen getötet werden, meinte er, das sich die israelische Gesellschaft vielfach mit dem Geschehen in Gaza mittlerweile „arrangiert“ hat. Als Beispiel nannte er das gerade zu Ende gegangene Purim-Fest der Juden. Vor einem Jahr hatte sein jüdische Gastgeber noch auf die übliche Verkleidung an diesem Fest verzichtet. In diesem Jahr war er verkleidet. Auch der Purimumzug mit viel Verkleideten durch Jerusalem am letzten Sonntag hat wieder stattgefunden. In 2 Wochen findet hier in Jerusalem der internationale Marathonlauf statt. Die Frage wie er die Zukunft sieht: ist wie ein Blick in eine Kristallkugel „Keiner hier weiß es“. Er gab uns dann doch einige positive Beispiele der Zusammenarbeit zwischen Juden/Israelis und Moslems/Palästinenser in seiner gemeinde. Natürlich wird er oft, auch von den Medien nach seiner Meinung zum Krieg gefragt: Es ist wirklich schwierig das richtige Wording zu finden: was darf man sagen ohne nicht von der einen oder der anderen Seite mißverstanden zu werden.

Kaffee in der Frühlingssonne, der Krieg scheint weit weg zu sein

Besuch der „Reifenschule“Ich war schon 2018 und zuletzt im März 2023 an diesem Ort, der wegen dem Kampf um den Erhalt dieser besonderen („Reifen-) Schule der Jahalin-Beduinen weltweit traurige Berühmtheit erlangt hat. Auch heute Nachmittag fuhren wir mit unserer kleinen Gruppe an diesen besonderen Ort, gelegen in der judäischen Wüste am Rande des Highways der Jerusalem mit Jericho verbindet. Die Beduinen sind Ende der vierziger Jahre im Rahmen der Flucht- und Vertreibung der NAKBA aus der Negev-Wüste in die Region um Jericho geflüchtet. Der Beduinen-Sprecher Eid Abu Khamis Jahalin holte uns auch heute auf einem Parkplatz an der Schnellstraße ab und fuhr die etwa 700 m zu den sehr einfachen Unterkünften der Beduinen im Dorf Khan al-Ahmar in dem sich auch die Autoreifenschule befindet. 

Am Rande des Geländes sind Wasseranschlüsse zu erkennen, die bereits vorsorglich für eine mögliche israelische Siedlung installiert wurden. Die Bewohner:innen des Beduinencamps müssen sich das Wasser mit einem Tankwagen selbst besorgen

Es hat sich auch seit dem 7. Oktober nicht viel für die Beduinen geändert. Nachwievor ist das Lager und damit auch die Schule vom Abriss bedroht. In den letzten Wochen haben sich Siedler in unmittelbarere Nähe mit einfachen Containern auf einem nahegelegenen Hügel (etwa 200m entfernt) „niedergelassen“. Schon hat es die ersten Bedrohungen seitens der Siedler gegeben. Die von den Beduinen herbeigerufene Polizei hat sich nicht darum gekümmert. „Sie sind doch mit denen verbunden“, so der resignierende Kommentar von Eid Abu. Sie wissen nicht wie lange sie sich hier noch „halten“ können. Derzeit gehen etwa 200 Kinder aus den verschiedenen umliegenden Beduinen-Dörfern in diese Schule. Auch ein Kindergarten ist dort angesiedelt. Die etwa 20 Lehrer:innen kommen aus verschiedenen Orten der Westbank. Wegen der vielen neuen Checkpoint in der Westbank, haben sie oft große Schwierigkeiten pünktlich zum Unterrichtsbeginn in der Schule zu sein.

Weitere Infos findet Ihr auf der eigen Homepage

Blick in die „Küche“

Tageszitat zum 19. März aus „Recht ströme wie Wasser“

Rechtsstaatlichkeit in einem substantiellen Sinn ist für einen demokratischen Staat eine wesentliche Voraussetzung. In zunehmendem Maße höhlte das Siedlungsprojekt den Rechtsstaat aus.  (Gershom Gorenberg)

Über Marius S. 414 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Als Prädikant mit Behinderungen bin ich manchmal drauf und dran zu verzwifel,-
    darf aber nicht so bleibt mir nur jeden Tag um 7.00 für Menschen von Deheisch
    und alle arabischen und und allen verfolgten Menschen ( vor allem Mohammed ) zu
    beten. . . .Aber ich höre mit meinen Friedensvaterunsergebeten solange ich lebe nicht auf, denn wie hat Jesus uns verheissen “ Betet ohne Unterlass !

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