Siedler zu den Maßnahmen am Weinberg:„Folge der Realität und keine böse Absicht“

Gestern hatte Gregor auch ein Gespräch mit vier jungen Studenten in der Katholischen Universität von Bethlehem organisiert. Im Westjordanland gibt es insgesamt neun Universitäten. Dazu kommen vier Universitäten im Gazastreifen die im aktuellen Krieg überwiegend zerstört wurden. Die kath. Uni in Betlehem hat über 3 Tausend Studierende, davon sind knapp 20 % Christen (bei insgesamt weniger als 2 % Christen in Palästina).

Die jungen Leute erzählten von ihren sehr unterschiedlichen Berufsplänen. Einige planen auch weitere Studien im Ausland auch in Deutschland. Natürlich prägt ihr Leben auch die aktuell so angespannte Situation. Alle berichteten von den Schwierigkeiten die ihnen tagtäglich beim Durchqueren der so zahlreichen israelischen Checkpoints gemacht werden. Da viele Studenten auch aus ferner liegenden Gegenden des Westjordanlands kommen, sind oft stundenlange Anreisen nötig. Da kann es passiert, dass wegen, gerade geschlossenen Übergängen, der Besuch eines Seminars ausfallen muss, oder, im umgekehrten Fall, sie abends nicht mehr nach Hause zurückkehren können. Es werden alle beneidet, die in unmittelbarer Nähe der Uni wohnen, weil sie diese Erfahrungen des Checkpoints nicht machen müssen. Da sind unsere Probleme zur Schule/Uni oder zum Arbeitsplatz zu kommen, wenn die Bahn ausfällt oder zu spät kommt, oder man im Stau steht, gut zu verkraften.

ein modernes Uni-Gebäude mit einem tollen Außengelände

Dazu kommt, dass man tagtäglich Soldaten gegenübersteht, die einen „von oben herab“ begegnen, manchmal sogar die Waffe ins Gesicht halten, sodass man, wie eine junge Studentin glaubhaft schilderte, „Angst um sein Leben“ hat.

Am gestrigen späten Nachmittag trafen wir auch noch die ehemalige Chefärztin des auch bei uns in Deutschland gut bekannten Caritas-Baby-Hospitals Dr. Hiyam Marzouga. Wir trafen uns im Nativity Bells-Hotel, ganz in der Nähe der Geburtskirche. Das Hotel, mit über 200 Betten gehört der Familie Marzouga. Es ist seit dem 7. Oktober geschlossen.  Zur Arbeit von Dr. Marzougaim Caritas-Baby-Hospital erfahrt ihr hier mehr. An unserem kurzen Gespräch nahm auch ihr Vater, 87 Jahre, teil. Er lebt hier in diesem „verwaisten“ Hotel, sozusagen als „Hausmeister“. Zu aktuellen Situation befragt, meinte Frau Marzouga, sie halte sich traditionell mit ihrer ganzen Familie aus der Politik heraus. Wenn man sich hier einmischt läuft man Gefahr erschossen zu werden, oder im Gefängnis zu landen. Sie beschreibt Israel für sich als der „Riese“, gegen den man eh keine Chance habe. „Wir müssen einfach akzeptieren, dass sie stärker sind, und immer gewinnen werden.“ Natürlich ist sie und ihre Familie sehr besorgt, dass der Krieg noch länger dauert, sie weiterhin keine Gäste im Hotel haben, dass irgendwann einmal ihre Geldreserven aufgebraucht sind. Aber sie werden sich nicht aktiv an Protesten der dergleichen gegenüber Israel beteiligen.

Hotel-Lobby

Anundfürsich wollte ich heute zum Benediktusfest nach Jerusalem fahren.

Ich hatte schon vor einigen Wochen mit den mir gut bekannten Mönchen Matthias und Elias korrespondiert und dabei erfahren, dass sie derzeit in der Außenstelle des Klosters in Tabgha am See Genezareth leben, aber eben zum großen Namenstag ihres Ordensgründers nach Jerusalem fahren werden. Im Verlauf der Woche ist mir aber immer klarer geworden, dass es „in diesen Zeiten“ mehr als problematisch ist, aus dem Westjordanland, wenn auch die Strecke „nur“ etwa 15 km lang ist, mal so einfach nach Israel einzureisen. Hinzu kommt, dass heute der dritte Freitag im Ramadan ist, wohl für die Muslime ein besonderer Tag in der Fastenzeit. Heute fahren deshalb auch keine palästinensischen Busse, wie sonst üblich von Bethlehem üblich nach Jerusalem. Also habe ich „schweren Herzen“ meinen Besuch in der Dormitio abgesagt.

Blick von der Siedlung Richtung Süden

Dafür habe ich heute mit unserer kleinen Gruppe, wie bereits vor 2 Jahren, N. besucht, ein deutschstämmiger Siedler, der oberhalb des Weinberges in der Siedlung Daniel lebt.

Mehr zu ihm könnt ihr in meinem Blog-Beitrag vom 27. März 2023 lesen. In unserem heutigen Gespräch drehte sich natürlich viel um die Situation nach dem Hams-Überfall am 7. Oktober 2023. Wie schon vor 2 Jahren betonte unser Gastgeber die guten Beziehungen zu den Palästinenser:innen in den umliegenden Dörfern.  Sie kamen bis zum 7. Oktober, als Handwerker, Putzkraft ect. in die Siedlungen. „Keiner der Palästinenser hatte sich von den Gräueltaten des 7. Oktobers distanziert“ Der Siedlungsrat hat deshalb entschieden, dass keine Palästinenser aus der Westbank mehr in der Siedlung arbeiten dürfen. Die Palästinenser aus Ost-Jerusalem dürften wohl noch, aber es würden derzeit immer mehr Helfer aus Indien oder anderen asiatischen Staaten beschäftigt. Ich empfehle zum Thema Siedlungen verschiedene Factsheets die von der Nahost-Kommission von Pax Christi erstellt wurden. Zu Situation in der Westbank befragt, war ihm wichtig festzustellen, dass Israel keine Besatzungsmacht, sondern eben „nur“ Verwalter dieses Gebietes sei. „Israel hätte die Westbank gerne „zurückgegeben“, aber die Resolution bei der Gipfelkonferenz der Arabischen Liga, die nach dem sechs Tagekrieg am 1. September 1967 beschlossen wurde, habe dies letztlich verhindert. Die Resolution enthält in ihrem dritten Absatz Bestimmungen, die als die „drei Neins“ beziehungsweise die „Three No’s“ bekannt wurden:

  1. NO peace with Israel – Kein Frieden mit Israel
  2. NO recognition of Israel – Keine Anerkennung Israels
  3. NO negotiations with Israel – Keine Verhandlungen mit Israel

Blick von der Siedlung auf dem Weinberg (Foto wurde im März 2023 gemacht) Auf dem Hang vor dem Weinberg sind jetzt die Arbeiten im Gange.

Beim Stichwort „Siedler“ ging unser Gastgeber auch noch einmal auf seine Wohnsituation und das Wording dazu ein. In Israel interessiert es keinen wo man wohnt, ob am Meer oder eben hier in Judäa.

Auch zeigte der uns eine App auf seinem Handy, die ihnen anzeigt wo mit Raketen zu rechnen ist. Sie haben hier 1 1/2 Minuten zeit sich in die Schutzräume zu begeben. Das sei an den Grenzen zum Libanon und zum Gazastreifen eher schwieriger, da es da nur 15-30 Sekunden Zeit ist, sich in. Sicherheit zu bringen.

Foto vom Handy: So sah die Warnung gestern früh aus, als Raketen aus dem Jemen kamen.

Die roten Punkte zeigen möglich Orte wo eine Rakete niedergehen könnte. In der Regel werden Sie jedoch angefangen. dann droht „lediglich“ von herunterfallenden Raketenteilen getroffen zu werden

Zu den Bauarbeiten an der Grenze des Weinberges befragt, der sich ja unterhalb seiner Siedlung befindet, meinte er, dass habe mit zwei Ereignissen zu tun. Am 8. Oktober 2023, also einen Tag nach dem Hamas-Überfall seien Jugendliche aus Nahalin gekommen und hätten am Gelände der Thora-Schule (unterhalb des Weinberges) Molotow-Cocktails geworfen. Ein zweiter Vorfall vor einigen Wochen, bei dem Palästinenser beobachtet wurden, die am Schulgelände Fotos machten, haben den Siedlerrat „auf den Plan“ gerufen. Man habe entschieden, zur möglichen Gefahrenabwehr, auf dem östlichen Hang des Weinberges (der zur Gemarkung der Siedlung gehöre) eine Beleuchtung zu installieren, damit mögliche „Angriffe“ frühzeitig erkannt und abgewehrt werden können. Deshalb sei auch der bisherige Zugang zum Weinberg, von der Straße 60, nun ganz gesperrt worden. Auch gibt es in der Siedlung nun ein bewaffnetes Team, welches nächtliche Kontrollfahrten durchführt. Diese ganzen Maßnahmen wären die „Folge der Realität und keine böse Absicht“ Zum Krieg im Gaza meinte N., dass die Bewohner:innen eine bessere Zukunft in anderen arabischen Ländern haben würde. Er habe heute gehört, dass sich Ägypten bereit erklärt habe ½ Mio Bewohner:innen des Gaza-Streifens aufzunehmen. Da seiner Ansicht nach Hamas=Bewohner:innen von Gaza seien, würden sie, blieben sie dort, Israel auch weiter „ärgern“.

Ich lasse die Aussagen von ihm unkommentiert, weil viele für sich sprechenMaßnahmen am Weinberg:

Ich denke aber auch, dass die Möglichkeit, einmal in die Gedankenwelt eines Siedlers „eintauchen“ zu können, mir hilft, ihre Sicht zu verstehen ohne ihre Ansicht zu teilen.

Bin jetzt gespannt, ob die Aussagen zur „Baustelle“ am Weinberg nun wirklich stimmen, was ja heißen würde, das nicht wie bisher befürchtet wird, dort der Beginn von weiterem Siedlungsbau vollzogen wird.

Ein versöhnendes Bild zum Ende dieses Tagesberichtes: Heutiger Blick auf die Geburtsgrotte

Tageszitat (21. März) aus „Recht ströme wie Wasser“

Ehe noch die Welt erschaffen war, war der Herr allein mit seinem großen Namen. Da stieg ihm der Gedanke auf, eine Welt zu erschaffen. Und er ritzte vor sich eine Welt hin. Aber die Welt konnte nicht bestehen, bevor er die Umkehr erschuf….

Er sprach: baue ich die Welt allein auf Barmherzigkeit auf, die Sünde nimmt überhand; lasse ich aber die Härte des Gesetzes allein walten, wie wird da die Welt bestehen? Ich will sie nun auf Milde und Strenge zugleich begründen, und, ach, dass sie dann bestehe.  (Micha Josef bin Gorion)

Über Marius S. 414 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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