Daoud`s düstere Zukunftsvisionen

Gestern sind wir nach dem Besuch der „Reifenschule“ „umgezogen“. Mit einem Taxi sind wir die etwa 15 km von Jerusalem nach Beit Jala gefahren. Es war ein ziemlich problemloser Wechsel von israelischem Gebiet in die Westbank. Zwar haben wir nicht den „Tunnel-Checkpoint“ genommen, den ich früher (vor dem 7.10.23) gefahren bin, sondern einen kleinen Straßencheckpoint in der Nähe des Jerusalemer-Bibel-Zoo. Ohne, dass wir angehalten (gar kontrolliert) wurden konnten wir den Kontrollpunkt passieren. Unser (palästinensische) Fahrer machte uns allerdings darauf aufmerksam, dass der Kontrollpunkt in den letzten Monaten verlegt wurde: die jetzige Stelle ist etwa 1 km weiter ins Westjordanland hinein verlegt und somit, so der Fahrer, das Gebiet der Stadt Jerusalem entsprechend, ohne irgendeine Erlaubnis oder Abmachung, vergrößert worden. So etwas nennen die Palästinenser, ich meine zurecht, „Landraub“.

Immer mehr dieser Tore sieht man an den Straßen in der Westbank. Sie werden kurzfristig geschlossen und damit ist der Verkehr gestoppt

Wir sind die nächsten vier Nächte im Gästehaus von Talitha Kumi untergebracht. Das Haus, in dem ich schon häufiger zu Gast war liegt mitten im Schulgelände der von deutschen Diakonissinnen aus Kaiserswerth gegründeten Schule.

Beim Abendesse trafen wir u.a. den neuen Schulleiter Birger Reese. Noch überraschender war für mich die Begegnung mit Sumaya Farhat Naser.  Sie, die an dieser Schule selbst Schülerin war, unterrichtet seit Jahren die Schüler:innen dieser schule, aber auch der Schmidt-Schulein Jerusalem (Träger dieser Schule ist der Deutsche Verein vom Hl. Land) in „gewaltfreier Kommunikation“. Da nun hier eine Lehrerin erkrankt ist, hat sie spontan den ganzen Unterricht für einige Tage unternommen.

Eine absolut interessante Frau, wie ich mal wieder beim einsamen Frühstücksgespräch feststellen durfte, die im Laufe der Jahre viele Bücher geschrieben hat. Das erste und mit erfolgreichstem Buch hatte den Titel „Thymian und Steine“. Ich fragte sie nach der Motivation für ihr erstes Buch: sie wollte den Menschen erklären was es heißt als Palästinenserin aufgewachsen und leben zu „müssen“. Mehr zu dieser großartigen und mutigen Frau findet ihr in Wikipedia. Zur aktuellen Situation hat sie im vergangenen Jahr ein Interview im Schweizer Radio gegeben. Dem regelmäßigen Leser:in meines Blogs ist auch bekannt, dass Sumaya mit Fatima seit der gemeinsamen Schulzeit, hier auf Talitha Kumi, befreundet ist. Hierüber berichtet ein toller Film

Leider hat sich das Wetter hier, im Gegensatz zu Deutschland, verschlechtert. Heute morgen ist es kalt, regnerisch mit einem böigen Wind. Genau für heute hatten wir den Besuch auf dem Weinberg eingeplant.

Am Eingang des Geländes des Weinberges wurde vom Militär ein Erdwall geschüttet, der dann von den palästinensischen Nachbarn mit Unrat „verziert wurde.

Daoud holte unsere kleine Gruppe an dem hinteren Eingang des Schulgeländes ab.  Das Gelände der Schule hat die Besonderheit, dass der große Eingang vom C-Gebiet kommt, während der hintere (kleine) Eingang in die die A-Zone führt, zum der die israelischen Bürgere keinen Zutritt haben. So konnten in der Vergangenheit immer wieder mal Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern auf dem Gelände der Talitha-Kumi-Schule stattfinden

Zum Thema „Zonengebiete“ habe ich unter Geschichte & Historie hier in meinem Blog weitere Erklärungen festgehalten.

Ich hatte natürlich durch meine regelmäßigen Kontakte zu Daoud, erfahren, dass der Zugang zum Gelände nur noch über die beiden in der Nachbarschaft liegenden palästinensischen Dörfer Hussain und Nahalin möglich ist. Der Zugang über die Straße 60 ist nicht möglich. Die israelische Militärverwaltung hat das Gebiet zum Sperrgebiet erklärt, eine übliche Methode. Der Weg über „die Dörfer“ ist sehr schwierig, die Straßen sind schlecht, es sind Steigungen zu nehmen, die ein normaler Reisebus nicht schafft. Da derzeit auss bekannten Gründen ja keine Gruppen unterwegs sind, ist es noch kein Problem. Die Frage ist aber für die „Zeit danach“ wann immer sie sein wird. Früher vor dem 7. Oktober 23, und auch vor Corona kamen im Jahr über 5000 Menschen auf den Weinberg. Hier bedarf es dringend auch von der deutschen Regierung unterstützende Maß0nahmenb, damit der Zugang von der Straße 60 wieder ermöglicht wird

An einer Karte erklärte uns Daoud die vielen Änderungen in der Region des Weinberges:

Leider war hatte sich ja das heutige Wetter der allgemeinen Stimmungslage angepasst. Auf 900 m Höhe auf dem Gelände des Weinberges herrschte wirklich herbstliche Stimmung. In der Versammlungshöhle trafen wir auf eine kleine, sechsköpfige Senioren-Gruppe (Altersdurchschnitt 79 Jahre) aus den Niederlanden, die sich als Volontäre für einige Wochen auf dem Weinberg nützlich machen. Auch für sie war das heutige Wetter Anlass, einmal eine Pause zu machen. Noch gestern haben sie 200 Weinstöcke gepflanzt, nachdem im letzten Jahr hunderte Weinstöcke zerstört wurden, zerstört von Palästinensern, die so vermutet Daoud von Israelis mit Geld dazu animiert wurden. Dies ist natürlich im Empfinden für Daoud und seine ganze Familie besonders hart, wenn die eigenen „Landsleute“, für die er letztlich ja auch seinen Kampf um sein(palästinensisches) Land führt, mit solchen Attacken ihm in den Rücken fallen.

Seit einigen. Wochen haben sich direkt am Zaun palästinensische (!) Arbeiter begonnen die Infrastruktur für eine Siedlung aufzubauen. Vor einigen Monaten wurde bereits ein Fahrweg zu dieser Stelle planiert. Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass in unmittelbarer Nähe des Geländes des Weinberges sich israelische Siedler niederlassen, muss befürchtet werden, das „zum Schutz des Siedler“ das angrenzende Grundstück der Familie Nassar nicht mehr betreten werden darf. Rechtliche Maßnahmen kann die Familie Nassar nicht unternehmen. Der palästinensische Besitzer dieses Nachbargrundstückes hat scheinbar nichts unternommen oder ggf. schon das Grundstück an die Israelis verkauft. Alles in allem der Druck auf die Familie Nassar wird immer größer.

Direkt am Zaun die Bauhütten der pal. Arbeiter, im Hintergrund die immer wachsende Siedlung Neve Daniel

Da ist es nur eine Randnotiz, dass bisher noch Unbekannte vor einigen Monaten den Esel vom Grundstück „gestohlen“ haben.

In einem längeren Gespräch mit Daoud entwickelte er uns seine düstere Vision für die Zukunft. Er befürchtet, dass es nach dem Ramadan weiter schwieriger wird. Alles deutet für ihn darauf hin, dass der große Siedlungsblock Gush Etzion, zu dem auch die umliegenden Siedlungen gehören bald ganz annektiert wird. Die Bewohner:innen der in dieser Region sich befindlichen 5 palästinensische Dörfer, werden „freiwillig gezwungen“ nach Bethlehem umzuziehen. Druck wird damit gemacht, dass der Weg zur Arbeit in Bethlehem immer öfters durch geschlossen Checkpoints erschwert oder unmöglich gemacht wird. Dann haben wir in den größeren Städten des Westjordanlandes „Homelands“ die wie der Gazastreifen mit Checkpoints an allen Ausfahrtsstraßen abgesperrt werden können.

Für die Palästinenser:innen bleiben so Daoud 3 Optionen:

Gewalt; als Sklaven zu Arbeiten oder das Land zu verlassen. Seit dem 7. Oktober haben 147 Familien bereits die dritte Option gewählt. Von Seiten der aktuellen politischen Autorität (PA) erwartet er überhaupt nichts. Obwohl in den letzten Wochen mehr als 40 tausend Palästinenser:innen aus den Flüchtlingslagern im Norden der Westbank durch die Israelische Armee vertrieben wurden, hat es seitens der Palästinensischen Führung keinerlei Reaktion gegeben. Aber auch die übrige Welt schaut zu.

Zu diesen wirklich düsteren Aussichten passte auch das Wetter den ganzen Tag. 

Es war richtig kalt und nass

Tageszitat zum 20. März aus „Recht ströme wie Wasser“

Wollt ihr Juden und Christen mit uns über Gott streiten? 
Es ist doch unser und euer Herr. 
Uns kommen unsere Werke zu 
und  euch die eurigen.
  (Sure 2, 139)

Über Marius S. 414 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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