Nach einer guten Nacht im Hause von Kamal Mukarker und einem guten Frühstück mit schönem Blick auf Beit Jala und Bethlehem bin ich in die ganz in der Nähe Abrahams-Herberge gegangen. Hier war ich schon des Öfteren mit Gruppen untergekommen.

Heute hatte ich mich mit Mohammed Fararje verabredet. Er arbeitet in der Abrahams-Herberge. Wir hatten Zeit und so konnte mir Mohammed seine Geschichte erzählen. Seine Familie stammte aus einem Dorf Namens Zakhariyya. Die Familie musste 1948, wie mit Ihnen über 700.000 Landsleute, aus ihrem Dorf fliehen und kamen im Flüchtlingscamp in Bethlehem unter. Mohammed wurde als 16. (!) Kind 1982 geboren. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Die Familie machten ihn dafür verantwortlich und nahm ihn nicht in der Familie auf. („Du wirst verstehen, dass ich nie mehr meinen Geburtstag feiern konnte“)
Er hat zunächst die ersten Jahre im Waisenhaus „Le Creche“ gelebt und später im Kinderheim der Abrahams Herberge. Heute lebt er mit seinen drei Kindern wieder im Flüchtlingslager Dheisheh. https://www.sueddeutsche.de/kultur/dheisheh-unesco-weltkulturerbe-israel-luca-capuano-1.5470935.

das UNWRA Gebäude https://www.sueddeutsche.de/politik/unrwa-gaza-palaestinenser-fluechtlinge-1.6340632
Das „Lager“, mittlerweile ein eigener Stadtteil in Bethlehem mit mehr als 15.000 Menschen die auf engstem Raum leben müssen, war in den Jahren nach dem 7. Oktober häufig Ziel von, meist nächtlichen Militäraktionen. Dreimal sind die Soldaten auch in Ihr Haus mit maximaler Gewalt eingedrungen, ohne dass es für Mohammed irgendeine Begründung gab. Oft werden bei solchen nächtlichen Attacken auch wahllos Menschen mitgenommen, die dann monatelang, ohne irgendeine Anklage, inhaftiert bleiben. Diese Überfälle haben vor allem bei seinen Kindern, bleibende traumatische Schäden hinterlassen. Sohn Reyan, 9 Jahre alt, ist deshalb seit langer Zeit in therapeutischer Behandlung.
Da derzeit (seit dem 7. Oktober 2023) keine Gäste in die Herberge kommen, ist auch der Verdienst von Mohammed auf ein Minimum reduziert. Seine Kinder gehen auf eine private (kirchliche) Schule. Das Schulgeld pro Kind beträgt bis zu 4.900,- Shekel jährlich. Da er in einer kirchlichen Einrichtung tätig ist, bekommt er jedoch einen Rabatt.
Die derzeitige Situation kommentierte Mohammed so: „der 7. Oktober hat uns 200 Jahre zurückgeworfen.
Hier im Westjordanland ist es wie in Gaza…nur viel langsamer“.
Für ihn ist die Voraussetzung, dass es zu einem Frieden kommen kann, dass sich die Menschen gegenseitig Vertrauen. Früher, so sagt er, haben die Juden und die Araber zusammengelebt ohne Probleme. Die Probleme sind auch deshalb gekommen, weil auf beiden Seiten es radikale religiöse Menschen gibt. „Die Religion ist das Problem“
Gott hat den Juden gesagt: Ihr seit das „auserwählte Volk“, den Muslimen, sie „seien die beste Nation“ und den Christen „Ihr seit das Salz der Erde“. Darin sieht Mohammed den wahren Konfliktherd

Ikonen des Widerstandes:
Handball und der Schlüssel
Zum Schluss unseres Gespräches gab es die Information, dass es in Hebron zu einer Attacke auf israelische Soldaten gekommen sei.
Im Verlauf des Nachmittages erfuhr ich dann mehr zum Vorfall und zu den Konsequenzen, vor allem für die Bewohner: innen hier in der Westbank. Israel startet eine „Antiterror-Operation im Westjordanland“ was immer das heißen wird. Zum einen wurden die meisten der in den letzten Jahren angebrachten 900 Schranken geschlossen, dass zur Konsequenz hat, das sich die palästinensischen Bewohner: innen nicht mehr von A nach B bewegen könnten. Wie mir Fatima in einem Telefonat am Abend schilderte, bedeutete es für sie und Ihre Familie, die bei der Olivenernte waren, dass sie mehr als 2 Stunden (sonst 20 Minuten) mit Umwegen über Feldwege, brauchten, um nach Hause zu kommen.

Checkpoint 300 in Bethlehem
Es ist, wie so oft bei solchen Vorfällen, alle Palästinenser werden in eine Art „Sippenhaft“ genommen. So wurden auch sofort die Häuser der Familien in Hebron zerstört, aus denen die Attentäter (die erschossen wurden) stammten. Für mich hatte dieser Vorfall die Konsequenz, das ich nicht mehr mit dem Bus fahren konnte (hatte schon 1 ½ Stunden gewartet), sondern mich zum Fußgänger Checkpoint 300 begeben musste. Hier konnte ich dann (ohne wirkliche Probleme) das Westjordanland verlassen.
Eine weitere Konsequenz, für mich, aber besonders für Fatima, wurde mir erst im Telefonat mit Fatima klar. Ich hatte geplant, am nächsten Tag, ihr und ihrer Familie bei der Olivenernte zu helfen. Vor dem Hintergrund der vielen Straßensperren, aber auch wegen der Unklarheit, ob ich überhaupt den Checkpoint passieren kann, musste ich mein Vorhaben absagen. Schlimm auch deshalb, weil ich ja auch, als erkennbarer aus dem Ausland, so ein wenig, als „Schutzschild“ gegenüber zu erwartende Siedlerattacken dienen sollte.
Schon heute wurden sie von Siedlern bei der Ernte immer wieder gestört. So muss ich mal schauen, wie ich den morgigen Tag, hier in Jerusalem verbringen werde.
Alles in allem ein Tag, der mir wieder stark aufgezeigt hat, wie fragil die Situation hier wirklich ist. Gestern noch Begeisterung und Freude beim Basketball, heute eher wieder die Erkenntnis, wie es sich anfühlt, unter einer Besatzungsmacht zu leben/ leben zu müssen

christlicher Friedhof in Beit Jala
Tageszitat (23. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“
Die Benutzung der „Auschwitz-Trumpfkarte“ (eine Bezeichnung der Israelin Idith Zertal) durch Israel und viele deutsche Juden nimmt oft Formen von geistiger Erpressung an. Dadurch werden viele anständige und sensible Deutsche traumatisiert. Sie haben Angst, als Antisemiten verunglimpft zu werden. Sie haben sich damit abgefunden, Israel als sakrosankt (unantastbar) zu betrachten.
vor Reuven Moskowitz (den ich selbst kennengelrnt habe und über den ihr (mit Stichwort), in diesem Blog an vielen Stellen etwas lesen könnt)
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