Besuch bei Fatima – Im Magdolin

Wie es in meinem gestrigen Tagesbericht schon angedeutet habe, war ich heute, vor meinem ersten Wechsel (auf die „andere Seite“) ins Westjordanland, schon etwas aufgeregt. Natürlich habe ich die Busfahrt vom Damaskustor über den „Tunnelcheckpoint“ , an der Thalita-Kumi-Schule vorbei, durch Beit Jala bis an die Straßenkreuzung, die Beit Jala mit Bethlehem verbindet, schon sooft gefahren…aber eben nicht nach dem 7. Oktober, der ja in allem und für alle, aber eben besonders die Palästinenser:innen, einen tiefen Einschnitt bedeutet hat. Aber ich war überrascht von dem, was ich bei der Busfahrt erleben durfte…nämlich Garnichts, wenn man mal davon absieht, das die Straße in Jerusalem eine Baustelle geworden ist, weil dort wohl die 2. Straßenbahnlinie entstehen soll. Der Bus fuhr die gleiche Strecke, wie immer, es gab keinen zusätzlichen Checkpoint, nach etwa ¾ Stunde hatte ich die Endstation erreicht. Es waren sicherlich weniger Fahrgäste als sonst im Bus, aber sonst ist mir nichts aufgefallen. Was ich bei der Ankunft allerdings extremer als sonst empfunden habe, war das lautstarke Angebot vieler Taxifahrer, die einen unbedingt zur „Church“ bringen wollten.

Geburtskirche

Ich bin dann zu Fuß durch die Altstadt, an der Geburtskirche vorbei zum zentralen Bethlehemer Busstation gegangen. Hier stehen die sogenannten „Taxibusse“, in die man einsteigt, nachdem man geklärt hat wohin der Bus fährt und dann warten muss bis sich der Bus so gefüllt hat, dass der Fahrer das Gefühl hat, dass sich die Fahrt für ihn „lohnt“.

Auf der Fahrt nach Zatara, dem Wohnort von Fatima, gibt man dem Fahrer das Fahrgeld, dessen Höhe man spätestens dann weiß, wenn der erste Fahrgast von hinten sein Fahrgeld, mit der Bitte zum Weiterleiten, gegeben hat. Sechs Shekel, etwa 1,50 €, für die 25-minütige Fahrt, nicht schlecht.

Ich habe Fatima schon am 25. Mai 2013 kennen gelernt, hier der Beitrag von damals https://marius-blog.de/blog/fatima-darf-ich-vorstellen-das-ist-meine-mutter-und-das-ist-die-frau-meines-vaters/. wenn ihr noch mehr über sie und unsere gemeinsamen Erlebnisse erfahren wollt, klickt an der rechten Seite die Stichworte Fatima und Im Magdolin an.
Auf dem Weg nach Zatara gab es mindesten sechs dieser neuen gelben Eisentore, die bei „Bedarf“ vom israelischen Militär geschlossen werden. Heute jedoch waren sie offen.

Taxi-Busse

Schon am Busbahnhof wollte man wissen, was ich den in Zatara möchte, mein Hinweis das ich Fatima besuchen will, genügte, man kennt sie und Ihre Familie, war ihr Vater doch ein einflussreicher Beduine-Scheich. Auch in Zatara selbst wollte mir jeder, dem ich begegnete, den weg zu Fatima zeigen, sie selbst erwartete mich schon vor dem Haus, mehrere Neffen und Cousinen hatten sie bereits telefonisch informiert, dass ich auf dem Weg zu ihr sei.

Ich hatte zu Beginn meines diesjährigen Blogeintrag angekündigt, die Menschen, die ich hier treffe zu fragen, wie es denn nun nach ihrer Ansicht zu einem gerechten Frieden kommen kann. Leider hat Fatima ganz andres auf meine Frage reagiert. Sie klagte darüber, dass der immer mehr zugenommene Druck der Besatzung die Menschen hier angespannt, ja oft aggressiv werden lässt. Teilweise hätten sich auch, da es keine wirkliche Ordnungsmacht gibt, mafiöse Verhaltensweisen entwickelt. Als Beispiel erzählte Sie mir, dass sie von der verstorbenen Tante ein Grundstück, ziemlich „verwahrlost“ hier im Dorf bekommen habe. Dort sind auf dem Gelände in einem kleinen Gebäude zwei Zimmer, die Fatima gerne nutzen würde um Kindern Nachhilfeunterricht zu geben. Hier sind vor allem die Kinder der staatlichen Schulen ihrer Ansicht nach benachteiligt, weil sie oft nur 3 tage in der Woche Schule haben. Hintergrund ist das die Lehrer:innen an den staatlichen Schulen oft streiken, da sie oft ihren Lohn gar nicht oder eben nur gekürzt erhalten. Nun will sie dortauf dem besagten Gelände  eine Grenzmauer errichten, wogegen sich der Grundstücknachbar währt. Nur wenn er auch einen Teil vom Grundstück bekommen würde, stimme er den Plänen zu und droht ihr auch, wenn sie der „Grundstückaufteilung nicht zustimmt, Müll auf dem Gelände zu verstreuen damit, oder Plastik zu verbrennen. Wo wir bei uns den Nachbarn verklagen würden, ist man hier „ohnmächtig“. Solche Menschen sind wie  „die Siedler, sagt Fatima

Zum Schulproblem: die es sich „leisten“ können, schicken ihre Kinder auf die (oft kirchlichen) Privat-Schulen. Fatima: Es gibt wenige, die sind ganz reich, viele sind ganz arm und ich bin, mit wenigen anderen dazwischen. Ich bekomme eine Rente von 1.400 shekel, wenn ich aber nicht von meinen Kindern unterstützt würde, reiche das Geld auch nur bis zum 10.eines Monats. Viele haben aber (gerade in den jetzigen Zeiten ohne die Möglichkeit in Israel zu arbeiten oder im Tourismus, gar keine Einkünfte.

In der Mittagszeit, als Fatime sich zum beten zurückgezogen hatte, bin ich die 200 m zum Rand der jüdischen Wüste gegangen. Ein wie immer „berauschender“ Anblick, der nur ein wenig getrübt wurde, weil dort permanent LKW Schutt abgeladen haben. Vor Fatima erfuhr, dass die LKW`s, oft am Tag mehrere Hundert, Schutt aus Israel bringen würden. Schutt der oft auch von zerstörten Häusern stammen würde. Ich erfuhr aber auch, dass die große Wüstenfläche, ihrem Vater einst gehört hat. Seine Söhnen, ihre Brüdern also, haben das Land geerbt und lassen sich jetzt jede LKW-Ladung mit 100 Shekel bezahlen. Da kommt eine ziemliche Summe zusammen.

Fatima bat mich doch am Samstag noch einmal zu ihr zu kommen, die Militärverwaltung habe verfügt, dass sie nur an diesem tag ihre wenigen Olievenbäume abernte darf. Da dies aber keineswegs bedeutet, das sie vor den Siedlern geschützt sind, erhofft sie durch meine „internationale“ Anwesenheit, etwas mehr Schutz.

Bevor ich mich wieder in den Bus nach Jerusalem gesetzt habe kon te ich noch ein weiteres Boch von Johannes Zang abgeben: Sami 65 Jahre alt, arbeitet als „Mädchen für alles“ in einer Einrichtung für blinde und auch anderweitig behinderte Menschen „House of Hope“ https://www.hohbethlehem.org Auf die Frage von Johannes was würdest du als erstes machen wenn der Frieden morgen käme sagte Sami in dem abgedruckten Interview: „Käme es so, hätte ich die Hoffnung auf ein Leben in Würde. Ich würde Besuch von Freunden bekommen, das Leben käme zurück

Tageszitat (19. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“ 

Richtet recht, und jeder erweise seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit, und tut nichts Unrechtes den Witwen, Waisen und Fremdlingen, und denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen. 

aus Sach 6, 9-10

Über Marius S. 420 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

2 Kommentare

  1. Hallo Marius, leider gibt es wieder beunruhigende Nachrichten, die das Leid in Palästina weiter vergrößern werden. Dazu eine empathielose Welt die wegschaut und schweigt. (Aber vielleicht war es in der Geschichte immer so)?
    „19.10.2026, 20:08 Uhr Quelle: ntv.de, AFP
    Das UN-Welternährungsprogramm kann im Gazastreifen wegen Finanzierungslücken deutlich weniger Menschen Lebensmittel liefern als bisher. Auch für diejenigen, die weiter Hilfe erhalten, wird es knapper.
    Das Welternährungsprogramm (WFP) fährt eigenen Angaben zufolge seine Ernährungshilfe für notleidende Menschen im Gazastreifen runter. Rund eine halbe Million Palästinenser in dem vom Krieg gezeichneten Gebiet erhalte nun keine Hilfe mehr, hieß es in einer Mitteilung. Grund für die Kürzung der Ernährungshilfe um rund ein Drittel seien Finanzierungslücken.“

  2. Hallo Marius,
    Ich war gespannt auf den Bericht über Deinen Besuch bei Fatima. Sehr interessant ihr Vorhaben, auf dem Grundstück im Dorf Nachhilfeunterricht anzubieten. Hoffentlich gelingt es ihr,
    aber ich finde es so typisch für sie, dass sie die Not erkennt und versucht etwas dagegen zu unternehmen. Sie ist schon eine bemerkenswerte Frau.
    Dir weiterhin eine interessante Reise und lb. Grüsse von
    Christine

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