Mafiöse Zustände und Blutrache in Fatimas Dorf

Heute hatte ich mich wieder im Fatima verabredet. Wie üblich bin ich mit dem Bus 231 der pal. Busgesellschaft vom Damaskus-Tor auf die etwa 15 km lange Strecke über Beit Jala nach Bethlehem gefahren. Bedingt durch den jüdischen Schabbat, war das Verkehrsaufkommen in Jerusalem sehr gering, so dass ich nach etwa 45 Minuten die Bus-Station auf der Hebron-Straße zwischen Bethlehem und Beit Jala erreicht habe. 

Hier hat mich Fatima abgeholt und wir sind nach Za`tara gefahren. Unterwegs haben wir noch eine alte Frau aus ihrem Dorf mitgenommen. Die Frau sei so arm, so Fatima, dass sie immer hofft, dass jemand aus dem Dorf sie mit dem Auto mitnimmt. Sie sei als 3. Frau verheiratet gewesen, habe eine Tochter bekommen, aber ihr Mann hat sich von ihr wieder scheiden lassen und, wie es hier so üblich ist, die gemeinsame Tochter nach der Scheidung behalten. Diese Tochter wiederum ist mit einem Mann verheiratet, dessen Bruder (Mitte 30) vor etwa 8 Wochen in einer nächtlichen Schießerei umgekommen ist.

Das Bild des ermordeten Mannes ist an der Moschee angebracht

Hintergrund der Schießerei sei gewesen, dass von diesem ermordeten Mann Geldzahlungen gefordert wurden, die dieser nicht bereit war zu zahlen. Wie viele Männer in ihrer Gegend, so Fatima, hatte der Ermordete eine Waffe, die oftmals von jüdischen Siedlern verkauft werden. Allerdings hatte er diese Waffe gerade versteckt, da man ihn informiert hatte, dass die israelische Polizei wüsste das er eine Waffe habe und sie eine Durchsuchung planten. Offiziell dürfen Palästinenser keine Waffe besitzen

Es kann gemutmaßt werden, dass diese Durchsuchungsankündigung fingiert war, denn in der besagten Nacht im Januar 2020, als die tödlichen Schüsse fielen, kamen die Männer, die von ihm Geld gefordert hatten (ebenfalls) mit Waffen. Der junge Mann lehnte weiterhin ab Geld zu zahlen und hat wohl Steine auf die Angreifer geworfen. Diese haben ihn dann erschossen. Mittlerweile sind diese Männer inhaftiert aber damit kehrt keine Ruhe ein. Die Familie des Getöteten wollen nun Rache nehmen und sind schon öfters in der Nacht in das in der Nähe liegende Dorf gefahren und haben sich Schießereien mit den Familien der Täter geliefert. Nach Meinung von Fatima werden sie erst Ruhe geben, wenn sie den „Besten“ dieser Familien getötet haben.

Hier fand die nächtliche Schießerei im Januar 2020 statt

Natürlich musste ich gleich an die Vorgänge rund um den Weinberg der Familie Nassar denken, wobei in diesem Fall es eben keine Beteiligung der Israelis gibt, sieht man einmal von dem lukrativen Waffenhandel ab, den israelische Siedler wohl in großem Stil betreiben.

Ich kann gut verstehen, wenn Fatima schon oft über die gesetzlosen Zustände in ihrem Dorf klagt.

Fatima hatte wie immer an Freitagen und Samstagen, Besuch ihrer Kinder und einer Vielzahl Ihrer mittlerweile 20 Enkelkindern. Es gab wieder ein leckeres Frühstück, mit frischgebackenem (leckeren) Brot. Fatima hatte mir vor Jahren schon einmal eine „Einweisung“ gegeben, wie man richtig mit den Händen isst. Heute erzählte sie mir, dass es schon etwas anderes sei, ob man dem Magen das Essen mit der Gabel oder eben mit der (rechten) Hand zuführt. Wenn die Speise mit der Hand gegriffen wird, bekommt der Körper schon die ersten Signale, der Magen bereitet sich auf die zu erwartende Zufuhr vor. Wenn man die speise mit der Gabel nimmt, ist der Magen überrascht, im Schlimmsten Fall erschreckt, wenn die Speise kommt. Da kann etwas dran sein dachte ich mir oder?

immer wieder faszinierend und beruhigend zu gleich: der Blick in die judäischen Wüste, nahe am Haus von Fatima

Im Verlauf des Tages sprachen wir auch über den Wunsch von Fatima, sich aus ihrer sozialen Arbeit zurückzuziehen. Fatima ist nun 71 Jahre alt und ist seit Jahrzehnten für die Deutsche-Behinderten-Nothilfe im gesamten Norden von Palästina tätig. Ich habe sie bei ihrer sozialarbeiterischen Tätigkeit, gerade in den ersten Jahren unseres Kennenlernens (2014-2016) oft begleitet. Da sie aber weiß, das es so schnell keine Nachfolge für sie gibt, scheut sie, verständlicherweise, diesen Rückzug, weil letztlich die Menschen mit Behinderung, aber auch ihre Familien die Leitragenden wären.

Das für mich und die menschen erfreulichste zum Schluss meines Tagesberichtes:

Die wärmende Sonne schien den ganzen Tag die kalte und nasse zeit scheint nun auch in dieser Region endlich vorbei zu sein: wie schön!!

Über Marius S. 384 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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