
Heute nun haben wir uns auf den Heimweg gemacht.
Zunächst will ich euch aber noch vom gestrigen Abend berichten, wo wir uns mit der ganzen Familie Nassar getroffen haben. Neben Daoud mit seiner Frau Jihan waren auch die Brüder Toni mit Frau und Daher, die Schwester Amal und die 87-jährige Mutter Meladeh. Dazu die Kinder von Daoud und Toni. In diesen Ramadan Zeiten sind die Lokale beim täglichen Fastenbrechen Iftar meist gut gefüllt. So auch hier im Restaurant Al Hakura in Beit Sahur, wo wir deshalb vorsichtshalber reserviert hatten. Wie üblich in Palästina gab es zahlreiche Vorspeisen, die ihr ja schon auf meinem Foto im gestrigen Tagesbericht „bewundern“ konntet. Anschließen gab es noch Fleischspieße. Der Höhepunkt unseres gestrigen „Familientreffen“ war aber die nachträgliche Feier des gestrigen Muttertages für Mutter Meladeh. Die Nassar Kinder hatten einen tollen Kuchen organisiert der als Dessert an alle verteilt wurde. Es wurde ein Glückwunschlied gesunden, in das alle Gäste des Lokals mit einstimmten. Mutter Nassar, aber ich denke auch viele Gäste waren gerührt.

Die Familie Nassar mit unserer kleinen Gruppe und dem Lehrer von Talita Kumi
Eine kleine Rückschau/Reflektion unserer Reise.
Ich hatte ja lange gezögert, bevor ich mich entschlossen habe, in diese Region, wo seit 18 Monaten Krieg ist, zurückzukehren. Letztlich hat die im Januar begonnene Waffenruhe die innere Blockade gelöst. Das nun in der Zeit meines Aufenthaltes, hier wieder getötet wurde, Sirenen heulten, das es Raketen aus dem Jemen und auch aus Gaza gab, konnte man erwarten, hat aber doch bei mir eine große Bestürzung, ja einen Schock ausgelöst. Aber auch dieses Gefühl hat sich im Verlauf der letzten Tage ein wenig „beruhigt“.
Welche Erkenntnisse nehme ich nun nach diesen sieben Tagen mit nach Hause?
Die wichtigste Erkenntnis, für mich ist sicherlich, dass bei allen einheimischen Menschen, denen wir in dieser Woche begegnet sind, ob in längeren Gesprächen, aber eben auch bei den flüchtigen Begegnungen auf der Straße, in den Gassen der Altstadt, hat ihre Freude und Dankbarkeit spürbar, dass wir in diesen schweren Zeiten gekommen sind, und so für sie sichtbar und spürbar anteilnehmen an ihrer so schweren Situation.
Wenn ich dann auch noch an diese schöne Stimmung bei unserem gestrigen „Abschiedsessen“ denke und mir vor Augen führe, in welcher total schwierigen Situation, mit täglich erniedrigenden Erlebnissen, zum Beispiel an den Checkpoints, die Menschen hier leben müssen, dann sind solche „Glücksmomente wahrscheinlich (über-) lebenswichtig.

Die leere Altstadt von Bethlehem
In Erinnerung sind mir auch die „verzweifelten“ Versuche von Straßenhändlern, zum Beispiel an der Geburtskirche in Bethlehem, etwas zu verkaufen. Wie „Kletten“ haben sie sich an uns „gehangen“, ihre Geschichte erzählt, ja letztlich, verständlicherweise, um Geld gebettelt. Für mich eine total unangenehme Situation, wusste ich doch, dass ich ihnen letztlich nicht wirklich helfen kann. Wenn ich an die Auswirkungen durch die fehlenden Touristen denke, muss ich auch an die vielen Hotels und Gästehäuser denken, die seit 17 Monaten keine Gäste haben. Die Schwestern in Jerusalem beispielsweise, bei denen wir drei Nächte zu Gast waren, benötigen für den Unterhalt ihres Gästehauses mtl. 5.000,- €. Sie haben seit Oktober 2023 keine Gäste und damit keine Einnahmen. Möglicherweise müssen sie Ihr Gästehaus schließen, da sie keine Unterstützung von Ihrem Orden bekommen. Insgesamt denke ich, dass die fehlenden Touristen hier in der Westbank schlimmere Auswirkungen haben, als in Israel.
Gestern bei unserem Abschiedsabend erzählte uns Daoud, dass seine Tochter in diesen Tagen nach Ramallah musste. Auf dem Weg dorthin, der wegen fehlendem Visum, nicht über den viel kürzeren weg durch Jerusalem erfolgen kann, wurde Ihr Fahrzeug an einem Checkpoint angehalten. Alle Fahrzeuginsassen mussten das Fahrzeug verlassen, alles Gepäck wurde untersucht, dann hat einer der Soldaten, unvermittelt, auf einen ihrer mitfahrenden Freunde eingeschlagen. Von solchen, täglich erlebten, unglaublichen Vorfällen, erzählte uns gestern auch die Lehrerin aus der Schule in Bethlehem, die tagtäglich von Nablus nach Bethlehem fahren muss.
Ich habe in diesen Wochen nochmals, den schon 1991 (also vor 34 Jahren) geschrieben Reisebericht des großen Schriftsteller Ralph Giordano gelesen, „Israel, ach mein Israel“ gelesen. Ehrlich gesagt, an der auch von diesem großen jüdischen Schriftsteller, als so beklemmenden Situation im Westjordanland hat sich nichts geändert, nein es ist noch viel schlimmer geworden.
Ja die Medien, auch hier in Deutschland, beschreiben mittlerweile, Gott sein Dank, schon öfters das reale und so menschenverachtende Verhalten, von einzelnen Mitgliedern der Israelischen Armee. Aber außer einigen nichts sagende Kommentare der verantwortlichen Politiker, die deshalb auch folgenlos bleiben, geschieht eben nichts.
Ja und wie geht es nun weiter?
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie es in diese so „verfahrenen“ Situation, letztlich zu Lösungsansätzen kommen kann. Sicherlich ist es auch weiter notwendig, den politisch Verantwortlichen immer wieder aufzuzeigen, was dort vor Ort geschieht, weil letztlich der Druck zur Veränderung der Politik von außen kommen muss. Das sagen auch alle, die hier in der Region leben, da sowohl von der israelische Regierung aber auch vom „Familien-Clan“ der Palästinischen Autorität (PA) keine großen Anstrengungen zu einer Lösung dieser ja nunmehr als Hundert Jahre andauernden Auseinandersetzung hier zu erwarten sind.

Viele solcher Tore sind überall in der Westbank installiert worden. Die israelische Militärverwaltung hat so „leichtes Spiel“ um „nach Lust und Laune“ ganze Städte abzusperren.
Für mich und möglichst vielen Menschen in Deutschland heißt es aber unbedingt, dass wir uns weiter gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit Einsetzen müssen für einen gerechten Frieden, der allen Menschen, Israelis und Palästinensern ein Leben in Freiheit und Würde ermöglicht
Ich empfehle allen Leser:innen dieses Blog unbedingt auch, die seit August 2024 laufende Petition zu unterstützen. Hier findet ihr die Seite wo ihr eure Unterschrift leisten könnt.
Speziell für das Tent of Nations empfehle ich euch den neuen Freundeskreis Tent of Nations zu unterstützen. Auf der Homepage könnt ihr euch zum Bezug des Newsletters eintragen, dann erfahrt ihr regelmäßig alles Ober die weitere Entwicklung auf dem Weinberg.
Auch fällt mit bei meinem persönlichen Rückblick über die vergangenen Tage und dem dabei erlebten, scheinbar „stoischen“ Verhalten der so unterdrückten und erniedrigten Palästinenser:innen, der arabische Verhaltens-Begriff „Sumud“ ein. Laut einer Studie ist “sumud” ein nationales, palästinensisches Konzept der Entschlossenheit, trotz aller Beschwerlichkeiten und Herausforderungen im und auf dem Land zu bleiben. Lest doch dazu die persönliche Geschichte, die eine Teilnehmerin des ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Isarel (EAPPI) über das Ehepaar Hashem und Nisreen aus Hebron geschrieben hat. Ich habe im Übrigen Hashem bei einem meiner Besuche in Hebron 2014 (lest dazu meinen Beitrag im Blog)kennengelernt, und auch nach seinem tragischen Tod nochmals, 2016, einen Kondolenz-Besuch bei seiner Frau Nisreen. Auch diesen Beitrag könnt ihr lesen

Abschied für heute…aber ich will und werde wiederkommen…
Ich möchte mich bei allen Leser:innen bedanken. Es waren täglich oft mehr als 200 Leser:innen die sich über meine Erlebnisse hier in Jerusalem und der Westbank informieren wollten.
Ich hoffe, dass es nicht zu lange dauert, dass ich mich wieder in die Region und zu den vielen Menschen, die ich schätze und gerne weiter unterstützen will, kommen kann. Natürlich werde ich dann auch wieder, über meine Erlebnisse, in diesem Blog berichten
und vor dem abschließenden Tageszitat zum „guten“ Schluss einen aktuellen Literatur-Tip:
das Neueste Werk von Muriel Asseburg: „Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza „
Tageszitat (23. März) aus „Recht ströme wie Wasser“
Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagt seinem Volk und seinen heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserem Land ehre wohne, Dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit vom Himmel schaue, dass uns auch der herr Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe; Dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge. (Ps 85,9-14)
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