Hebron: Stadt der Patriarchen und der alltäglichen Gewalt

Heute hatte ich die Gelegenheit mit einer Gruppe Schüler/innen der 11. Klasse des Faust-Gymnasiums aus Staufen (bei Freiburg) die knapp 30 km von Beit Jala entfernte Stadt Hebron zu besuchen. Die Schüler/innen haben sich ein Jahr lang im Unterricht mit Themen des nahen Osten beschäftigt, ein Schüler auch auf der halbstündigen fahrt mit dem Bus nach Hebron seinen Mitschülern die wichtigsten Infos zu Hebron geben.P1040442

Ich war schon mehrmals in dieser größten Stadt in Palästina und habe in meinem Blog 2012 und 2013 berichtet. Hier findet der interessierte Leser einen einführenden Text.
Es ist bei jedem Besuch neu bedrückend in eine Stadt zu kommen wo auf den ersten Blick ein ganz normaler Palästinensischer/arabischer Alltag gelebt wird. Die Straßen sind voller Autos, viele Menschen drängen sich auf den schmalen Bürgersteigen oder am Straßenrand, gehen ihren Geschäften nach  oder bummeln an den reichhaltigen Verkaufsständen vorbei. Und plötzlich steht man  vor einer verbarrikadierten Straße, sieht Wachtürme und schwerbewaffnetes Militär. Wir sind im Zentrum der Stadt angekommen in der seit den 70 iger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich jüdische Siedler einquartiert haben.

im Zentrum der Stadt: Ausnahmezustand
im Zentrum der Stadt:
Ausnahmezustand

Zunächst gegen den Willen der israelischen Regierung, so wie häufig auch bei Siedlern in anderen Teilen des Westjordanlandes. Aber im laufe der Jahre wurde der Aufenthalt durch die israelischen Behörden „legalisiert“. Heute leben im Zentrum der Altstadt etwa 500 Siedler die von mehr als 2000 Soldaten bewacht werden. Die ca. 16.000 Palästinenser, die ebenfalls in diesem Bereich wohnen, müssen seit Jahren vielfache Restrektionen erdulden. Bestimmte Straßen dürfen nicht benutzt werden, vielfach müssen Checkpoints mit Ausweispflicht durchlaufen werde, mehr als 1.000 Geschäfte mussten geschlossen werde. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen die leider allzu oft (meist für die Palästinenser) tödlich enden.
Wir hatten heute die Möglichkeit mit einem Bewohner zu sprechen der mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe einer der insgesamt 5 Siedlungen wohnt. Es hat uns anschaulich die sehr bedrückende Situation geschildert die ein solches Leben im alltag kennzeichnet. Nicht nur die tägliche Kontrolle wenn es sein Haus verlässt oder zurück kommt, auch die teilweise handgreiflichen Anfeindungen durch seine jüdischen „Nachbarn“, die ihm sogar verbieten die Oliven an seinem Olivenbaum zu ernten. Einmal hat er durch ein israelisches Gericht eine Erlaubnis zum Ernten  erwirkt.

oben die Siedler olivenernten im eigenen Garten nur mit gerichtlicher Genehmigung gerichtlicher
oben die Siedler
unten Olivenernten im eigenen Garten nur mit gerichtlicher Genehmigung gerichtlicher

Allerdings hat das ihn und seine Freunde nicht vor aggressiven Siedlern geschützt die ihn bei der Ernte bedroht haben. Er hat diesen Vorfall wie auch andere Übergriffe in kurzen Video-Clips festgehalten. So hatten wir die Möglichkeit diese bedrückenden aufnahmen zu sehen. Auf die Frage eines Schülers wie sich denn das israelische Militär und die Polizei verhalten würde, sagte Hassan nur kurz: sie sind zum Schutz der Siedler da. Wir haben Aufnahmen gesehen da bewarfen junge Siedler palästinensische Schülerinnen auf dem Weg zur Schule mit Steinen ohne dass das Militär eingeriffen hätte. Werfen aber junge Palästinenser mit Steinen müssen sie damit rechnen selbst im alter von 12 Jahren und jünger festgenommen und oft ohne Anklage auch für längere Zeit inhaftiert zu werden. Während die Siedler unter israelischem Recht leben, gilt für die Palästinenser Militärrecht. Leben in einer Stadt mit unterschiedlichem Recht.

"Stammvater" Abraham Blick von der muslimischen Seite
„Stammvater“ Abraham
Blick von der muslimischen Seite

Natürlich haben wir uns auch die Grabstätten von von Abraham, Isaak, Jakob und ihren Frauen angesehen. Seit dem Attentat eines radikal-jüdischen Arztes in den 90 igern in der Synagoge gibt es zwei Möglichkeiten einen Blick auf den Sarkophag des „Stammvaters“ aller drei Religionen zu werfen: von der muslemischen Seite durch die Moschee und der jüdischen Seite durch die Synagoge. Besonders berührend, aber auch nachdenklich stimmend die heutige Situation: auf muslimischer seite war eine Gruppe versammelt und sang Verse aus dem Koran. Gleichzeitig hörte man von der jüdischen Seite einen machtvollen Männergesang, heute am Beginn des jüdischen Pessach-Festes. (Wikipädia: http://de.wikipedia.org/wiki/Pessach ) Mir erschien es in diesem Augenblick  so irrwitzig das sich diesen Menschen die von beiden Seiten den gleichen Propheten anbeten, auf der Straßen dieser Stadt, aber eben auch in dieser ganzen Region oft so mit hasserfüllten Gedanken begegnen.

Ich hatte den Eindruck dass auch die jungen Schüler/innen ähnliche Gedanken beschäftigten. Selten habe ich jungen Menschen so ernst und gefasst bei einem „Schulausflug“ erlebt. Wie gut das die Verantwortlichen dieser Schule sich die Mühe machen, ihren Schüler/innen einen solchen „lebendigen“ weil lebens- und geschichtsnahen Unterricht zu ermöglichen.

Schüler und Schülerinnen aus Staufen
Schüler und Schülerinnen aus Staufen

Ich denke diese Schüler /innen kommen -wie alle Menschen die sich hier in Palästina „berühren“ lassen-  durch diese Erlebnisse, und besonders durch den Besuch der „Patriarchen-Stadt“ Hebron, mit einer eigenen Meinung zur Situation und zu den Menschen die hier leben und oftmals leiden, nach Deutschland zurück.

Über Marius S. 370 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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