Fazit der Rückkehr nach 27 Monaten

Nun ist die langersehnte Zeit vorbei, dass ich wieder in Israel und Palästina sein durfte: ich sitze am Flughafen und warte auf meinen Flieger.

Oft war es für mich in den letzten 10 Tagen interessant, lehrreich, manchmal beängstigend oder auch deprimierend, aber immer wieder auch wieder körperlich aber auch psychisch anstrengend.

Aber es war gut, dass ich (wieder) hier war, gut für mich, dass ich wieder „geerdet“ bin, wieder etwas mehr von dem fühle, was ich in Deutschland, bei meinen Aktivitäten in der Nah-Ost-Kommission von pax christi und im Sprecherkreis von KoPI vertrete, wofür ich mich einsetze. Ich hoffe aber auch gut für die Menschen, die ich hier getroffen habe, die durch mich ein wenig vermittelt bekomme, wie ich sie und ihre Aktivitäten schätze und von Deutschland aus, so gut es geht, unterstütze.

in diesen Tagen beginnt die muslimische Fastenzeit, der Ramadan, alles ist hier festlich geschmückt

Wenn ich nun in diesem abschließenden Tagesbericht ein wenig resümieren will fallen mir spontan folgende Stichworte ein:

Wetter, Umwelt-Verkehr, tägliche Schikane, Tent of Nations, wobei die Rangfolge keinesfalls die Wichtigkeit der Themen ausdrücken soll.

Wetter

Es waren für mich neue Erfahrungen, wenig angenehme Erfahrungen, die ich hier mit den Wetterverhältnissen in der ersten Woche machen musste. Ich habe immer schon auch mal einen Regentag im März und April erlebt, dass es aber so kalt war, daran kann ich mich nicht erinnern. Das hat es bisher bei meinen Besuchen nicht gegeben.

Das schlechte Wetter hat auch sehr meine Stimmung beeindruckt. Es ist ja leider so, dass einem (oft) tagtäglich, schwierige Situationen begegnen, man über Vorfälle hört, die einen bedrücken, ja mental herunterziehen. Wenn dann auch noch das Wetter seinen Teil zum „Nicht-Wohlfühlen“ beisteuert, dann ist es hier besonders schwer auszuhalten. Das Gegenteil konnte ich (Gott sei Dank) in den letzten Tagen spüren:

Wie hat es mir körperlich gut getan, die von der Sonne ausgehende Wärme auf der Haut zu spüren.

Umwelt und Verkehr

Wenn man wie ich mehr als 2 Jahre nicht vor Ort war fällt es einem vielleicht noch deutlicher ins Auge. Wie hier, speziell eben in den palästinensischen Gebieten, aber auch in Ost-jerusalem es Menschen scheinbar völlig egal ist, wie sie ihre Umwelt “behandeln“, ja wie sie ihr ernsthaft Schaden zufügen. Da sind nicht nur die zahlreichen wilden Müllkippen zu nennen, nein es sieht in allen Straßen so aus, als wenn eben wirklich alles ohne Rücksicht direkt „entsorgt“ wird. Es ist leider so, dass auch daran zu erkennen ist wo ich mich in Jerusalem befinde: in einem jüdischen oder palästinensischen Stadtteil. Wenn mir dann Fatima erklärt, dass ihre Landsleute in der Regel alles verbrennen, was brennbar erscheint, egal ob Plastik oder anderen Müll, sich keine Gedanken darüber machen was da an giftiger Luft erzeugt wird, dann kann einem Angst und Bange werden.

Welcome to Bethlehem…aber benutz bitte nicht den Bürgersteig, da wollen wir parken

Unerträglich für mich ist aber auch das Verkehrsaufkommen in der ganzen Region, da möchte ich nun nicht wirklich unterscheiden zwischen den beiden Volksgruppen. Aber es ist dann doch noch ein Unterschied, den Verkehr in Bethlehem oder im Westen von Jerusalem zu erleben/ertragen zu müssen. In Westen der Stadt, sind die Straßen in gutem Zustand, werden die (meisten) Regeln der Straßenverkehrsordnung beachtet, dazu gehört auch nicht auf dem Bürgersteig zu parken. Im Westjordanland gibt es meist nur die Möglichkeit als Fußgänger die Straße zu benutzen. Das viele Palästinenser (auch die Jungen) große (teure) Autos fahren führt nicht nur dazu, dass sich viele Menschen, die sich das Auto nur über einen Kredit bei der Bank „leisten“ können, verschulden. Die großen Fahrzeuge, verbrauchen nicht nur mehr Benzin, sie werden auch mit ihren enormen PS-Stärken, entsprechen „ausgefahren“, was zu einem enormen Lärmpegel führt. Da im Westjordanland der ÖPNV nur notdürftig (will sagen privat) organisiert ist, dafür sicherlich insgesamt nicht schlechtfunktioniert Er ist  aber für viele Menschen eben nicht so attraktiv ist, dass sie auf ihren Wagen verzichten würden: zum Einkauf um die Ecke benutzen halt viele eben doch ein motorisiertes Fahrzeug.

Tent of Nations

Zur aktuellen Situation habe ich vor dem Hintergrund des gewalttätigen Überfalls, aber auch zur Wiederbelebung mit besuchergruppen, aber auch Volontären, habe ich ja in meinen beiden Tagesberichten vom Donnerstag vergangener Woche, als ich Daoud mit seiner Frau Jihan im Bon Jour-Cafe getroffen habe und eben vorgestern, als ich den Weinberg besuchen konnte, schon einiges geschrieben. Es wird wohl so sein, dass dieser Überfall für die Täter keine (Gerichtlichen) Folgen haben wird.

Hunderte Bäume wurden in den letzten Monaten durch palästinensische „Nachbarn“ zerstört

Wenn man sieht, das der evangelikale Priester aus Beit Jala, der, warum auf immer, es nicht verhindert hat, das ein „berüchtigter“ rechtsextremer Jude neben ihn auf ein Gruppenfoto auftaucht, deshalb noch immer, wegen des Verdachtes der Kollaborateur zu sein, inhaftiert ist (das schon seit mehreren Wochen, und zwei der Schläger vom Weinberg, nach einigen Tagen wieder aus der Haft entlassen wurden, dann kann man die Hoffnung verlieren, dass hier noch recht gesprochen wird.

Was die Frage der Registrierung des Geländes angeht ist auch hier eine Voraussage schwierig. Der nächste Termin ist am 2. Mai, man kann hoffen das er stattfindet. Aber ob es dann zu einer endgültigen Klärung und damit Entscheidung kommt, dass der Weinberg der Familie Nassar zugeschrieben wird ist fraglich. Wenn man sieht, dass eben diese Militärverwaltung in den letzten Tagen wieder mal eine „Demolition-Order“ verhängt hat, die wie „üblich“ irgendwo im Gelände hinterlegt wurde, so dass für die Familie Nassar nur wenige Tage Zeit blieb ordnungsgemäß zu wieder sprechen, sind bei mir auch hier die Hoffnungen nur sehr gering, dass sich der israelische Staat, im Übrigen gegen den massiven Wiederstand verschiedener Bewohner:innen in den umliegenden Siedlungen, zu einem ja zum Gelände für die Familie Nassar „durchringt“.

ein neue israelische Sperre am bekannten Roadblog

Wie sehr der Überfall auf die beiden Brüder auch in der Familie traumatisch nachwirkt, zeigt sich exemplarisch am Verhalten des Sohnes von Daoud, der seit dem Überfall mehrmals am Tag den Vater anruft und immer wieder verzweifelt iust, wenn er ihn nicht erreicht.

Wie ich in meinem Tagesbericht am Mittwoch aber auch geschrieben habe, gibt es wieder eine erfreuliche und vor allem für die Familie Nassar mutmachende Entwicklungen auf dem Weinberg. Da sind zum einen die Besuchergruppen zu nennen, die wieder kommen. Hier passiert ja ein Austausch zwischen ihnen und den den Menschen auf dem Weinberg, sozusagen eine gegenseitige Stärkung. Ich habe ja am Mittwoch selbst wieder erlebt, und wer Daoud schon mal reden gehört hat, weiß wovon ich spreche, wie überzeugend er vom Weinberg berichtet, von der Gewaltlosigkeit, mit der die Familie allen Schikanen bisher begegnet ist. Das wiederum hat Auswirkung auf die Zuhörer:innen. Die große Gruppe Franzosen sind nach dem Vortrag in Kleingruppen der Frage nachgegangen, was dieses Engagement der Menschen auf dem Weinberg für sie und ihr Leben bedeuten kann.

Aber auch Daoud zieht aus solchen Vorträgen Kraft für seine Arbeit, seinen Widerstand, wie er mir am Mittwoch ausdrücklich bestätigte. 

Hoffnungszeichen: junge Freiwillige

Schön ist es aber auch das sich wieder Volontäre auf dem Weinberg einfinden, so wie die Studenten aus der Dormitio. Sie helfen nicht nur dabei die vielfältigen Aufgaben, die auf dem Weinberg anfallen zu erfüllen. Sie wollen sich auch in Deutschland, auch Ende des theologischen Jahres für das ToN engagieren. In einem Gespräch mit mir wurden Überlegungen angestellt auch in Deutschland (wie in der Schweiz und den Niederlanden) einen „Freundeskreis“ aufzubauen. Auch haben sie Ideen, wie mehr junge Menschen für den Weinberg interessiert werden können. Wir haben verbredet, dass ich sie bei ihren Plänen unterstützen will.

Noch etwas positives ist mir am Mittwoch aufgefallen: Zum späten Nachmittag kommen viele Familien aus dem nahegelegen palästinensischen Dorf Nahalin, mit ihren Kindern auf die Anhöhe, wo auch das Gelände des Weinberges liegt. Sie haben dort ihre Gärten in den letzten Jahren an und ausgebaut. Ich denke auch eine Folge, dass die Familie Nassar so standhaft ihren Weinberg bisher verteidigen konnte. Wäre der Weinberg verloren, wären sicherlich auch die Grundstücke der anderen Familien verloren. Der Widerstandswille der Nassar-Familie hilft also auch vielen Palästinensern.

Tägliche Schikanen  

Ich kann ja nur von den Erlebnissen berichten, die ich selber wahrgenommen habe.

Sicher ist, dass es viel mehr und auch vielfältige Momente am Tag gibt, wo die Palästinenser sich durch das israelische Millitär oder anderen Vertreter:innen der Besatzungsorgane  gedemütigt fühlen müssen. Natürlich ist der Checkpoint so ein. Ort wo es zu solchen „Begegnungen“ kommt. Sei es das alle Businsassen, die von Bethlehem nach Jerusalem fahren, gefühlt extra lang warten müssen, bis sich die schwerbewaffneten Kontrolleure „bequemen“ die Passkontrolle durchzuführen, obwohl sie augenscheinlich nichts zu tun haben. Mit welcher Herablassung diese Kontrollen durchgeführt werden, oft von ganz jungen Menschen, muss man erlebt haben. So habe ich auch erlebt, dass der Bus auf dem Weg zum Checkpoint durch einen Polizeiwagen der sich quer zur Fahrbahn stellte, unvermittelt angehalten wurde. Mit der eben beschrieben Mimik wurden die Kontrollen durchgeführt, bei mindestens einem halben Dutzend Insassen wurden die Namen der ID-Card mit dem mitgeführten Computer verglichen.

Dann machen wir halt mal „die Türe zu“

Das am selben Tag dann das Drehkreuz am Checkpoint 300, welches den meist von der Arbeit in Israel zurückkehrenden Menschen aus dem Westjordanland normalen Weise freien Durchgang gewährt, ohne Begründung für eine gefühlte Stunde verschlossen blieb, dass war dann unmittelbar nach der Buskontrolle, die 2. Schikane in kurzer Zeit. Immer wieder werden, gerade in der Jerusalemer Altstadt, Palästinenser angehalten, müssen sich ausweisen und werden oft auch körperlich durchsucht.

Auf mich wirken solche Situationen immer so, hier gibt es Herrscher und Untertanen.

gesehen in der Altstadt: jüdische „Enklave“ im muslimischen Viertel

In diesen Tagen hat die Berliner Zeitung ein Interview mit dem Direktor der israelischen NGO „Breaking the Silence“ Avner Gvaryahu geführt. Ich hatte auf den gerade angelaufenen Film „Sielende Brechers“   in meinem Tagesbericht vom  27. März hingewiesen. Gyaryahu spricht davon, dass viele Aktionen der Soldaten im Westjordanland, wie nächtliche Hausdurchsuchungen, Straßensperren, kurzfristige Festnahmen etc. oft lediglich dem Grund diesen „Präsenz“ zu zeigen. Genau so sehe ich das mit diesen Schikanen.

Zum Schluss dieser Berichtsreihe im Frühjahr 2022 möchte ich noch eine Anmerkung zu den tödlichen Anschlägen in Israel machen, die in den letzten Tagen

Weltweit für Aufsehen und berechtigter Ablehnung gesorgt haben. Jeder Toter, egal auf welcher Seite ist einer zu viel. Ich bedaure es aber sehr, dass diese Vorfälle von einigen Wenigen, gleich wieder genutzt werden um weiteren Hass zu schüren. Auch in Palästina sterben jeden Tag Menschen ohne das die Weltöffentlichkeit in den meisten Fällen davon Notiz nimmt. Es ist an der Zeit diesen grausamen „Mechanismus“, der immer wieder so abläuft dass es für eine Tat einen Vergeltung gibt unterbrochen wird. 

Die Losung des Tent of Nations sollte für alle Menschen bindend sein:

Wir weigern uns Feinde zu sein

Das Motto der Familie Nassar: Wir weigern uns Feinde zu sein…jetzt auch in französischer Sprache
Über Marius S. 384 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

4 Kommentare

  1. Es ist ein Gesetzloses Land. Die Palästinanser leben ohne Gesetze, und Israel behandelt diese ohne Gesetze. Der stärkere hat dort Ein Recht. Der schwächere hat verloren. Es gibt kein Justiz! Die Moral und die Ehrlichkeit ist verloren gegangen. Die PA in Ramallah ist nur da, um autokratische Handlungen zu erfüllen. Korruption und Interessenverbände innerhalb der Behörde. Sie hat bisher nicht einmal ein ernsthaftes Abkommen mit Israel zu Ende gebracht. Wird Instrumental behandelt. Aber hat in der Welt mehr diplomatische Vertretungen als Persien!!!! Wie lange noch.
    Was wir brauchen ist erst Innere Ordnung und Ehrlichkeit mit uns selbst. Patriotismus und wieder lernen mit der Umwelt zu leben.
    Meines Erachtens ist ein Staat vom Jordan bis zum Meer die einzige Lösung für alle.
    Es ist schwer vorstellbar für die Meisten! Ein Land mit 2 oder sogar 3 Systeme ist nicht die Lösung.
    Es gibt wichtiger als Machthaber zu sein, leben und leben lassen unter Gesetzen, die für alle gelten.

  2. Lieber Marius,
    ich danke Dir herzlich für Deinen Einsatz, den Du schon so viel Jahre erbringst!
    Dein Fazit vom 2. April samt den Bildern vermitteln ein ungeschminktes Bild – immer wieder ernüchternd, zur Resignation verleitend, abgesehen von Daouds fast übermenschlicher Einstellung und seinem Verhalten!!!
    Herzlichen Gruß
    Winfried

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