Jeikh Jarrah heute

Über keinen Ost-Jerusalemer Stadtteil habe ich sooft geschrieben wie über den, nahe an der Altstadt gelegenen, Stadtteil Sheik Jarrah. Bereits 2012, bei meinem ersten längeren Aufenthalt in dieser Region, habe ich einmal die regelmäßig am Freitag stattfindende Demonstration besucht, bei der Aktivisten aus Palästina, aber auch aus Israel, für das Bleiberecht der palästinensischen Bewohner:innen in Sheik Jarrah demonstriert haben.

Zuletzt habe ich in diesem Blog von den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Mai letzten Jahres berichtet, die letztlich zu einem (wieder Mal) kriegerischen Gemetzel zwischen der israelischen Armee und Teilen der palästinensischen Hamas geführt haben.

Auch wenn in den deutschen Medien in den letzten Monaten nicht mehr über diesen Konflikt berichtet wurde, wie im Übrigen auch nicht über andere oft auch gewalttätigen Vorfälle im besetzten Westjordanland, so bedeutet es eben nicht das alles in Sheik Jarrah „wieder gut ist“. Erst ein Bericht der ARD-Redaktion von Anfang März 2022, machte mir wieder ein wenig Hoffnung, dass doch noch eine, für die palästinensischen Bewohner:innen akzeptable gerichtliche Regelung gefunden werden kann.

hier ist alles unter Kontrolle

Vor diesem Hintergrund habe ich bereits an meinem ersten Tag, an dem ich mich, nach längerer „Abstinenz“ ein wenig der Altstadt „genähert“ habe, doch auch einen „Blick“ auf /nach Sheik Jarrah geworfen. Ich bin ja schon oft dort gewesen, aber es erstaunt mich immer wieder aufs Neue, wie sehr dieser Stadtteil, mit teilweise einfacher Bauweise, schon von riesigen Hotelbauten und auch Bankgebäuden, regelrecht „eingekesselt ist. Wir sprechen von einem Gebiet jenseits der „grünen Linie“, also im von Israel seit 1967 besetzten Ost-Jerusalem.

von Hotels eingekesselt die Bewohner:innen von Sheik Jarrah

Nur beim genauen Hinsehen erkennt man die Häuser, die bereits von israelischen Bewohner:innen „übernommen“ wurden. Demonstrativ werden die israelischen Fahnen aufgehangen. Ganz nebenbei bemerkt: das aufhängen ja nur das Zeigen der palästinensischen Fahne ist bei Strafe verboten (!!)

Auf einer Straße saßen vier Männer vor einem Protestplakat. Die Palästinenser fragten mich ob ich weitere Infos wünsche. Als ich ihnen sagte, dass ich gut informiert sei und ihnen bei „ihrem Kampf“ um das Wohnrecht viel Erfolg wünschte, kam ein dankbares „Schukran“.

sie kämpfen um ihr Wohnrecht

In Sichtweite dieser „Aktivisten sah ich auch ein Zelt mit einer israelischer Fahne, in dem sich aber zu diesem Zeitpunkt kein Mensch befand. Interessant ist dazu die Meldung die ich einige Tage später der palästinensischen Nachrichten Agentur WAFA entnehmen konnte:

Dutzende israelische Siedler, angeführt von dem extremistischen Knessetmitglied Itamar Ben Gvir, stürmten heute, Sonntag, 27. März 2022 den Stadtteil Sheikh Jarrah im Osten der besetzten Stadt Jerusalem Aktivisten, die in der Gegend wachten, um die Bewohner vor israelischen Angriffen zu schützen, zu provozieren und zu bedrohen.
Die WAFA-Korrespondentin in Jerusalem sagte, der 45-jährige Ben Gvir, der die rechtsextreme israelische Partei Otzma Yehudit im israelischen Parlament (Knesset) anführt, sei in ein behelfsmäßiges Büro gegangen, das er letzten Monat illegal im Vorgarten des Hauses der palästinensischen Familie Salem eingerichtet hatte, und habe versucht, die Bewohner und Aktivisten, die in dieser Gegend wachten, um Bewohner:innen vor israelischen Angriffen zu schützen, zu provozieren
Die Polizei, die im Lichte der israelischen Provokationen eine ständige Präsenz in der Region aufrechterhält, bot Ben Gvir Schutz, der bereits zu schweren Reibereien in der Nachbarschaft geführt hat, während er und andere faschistische israelische Siedler wie er versuchen, Palästinenser aus ihren Häusern zu vertreiben und sie durch jüdische Siedler zu ersetzen. 

wie ich finde eine dreiste Provokation

Es bleibt wirklich abzuwarten wie es sich mit den Besitzverhältnissen in diesem, aber auch in anderen Ost-Jerusalemer Bezirken (Altstadt, Silwan) entwickelt. Ehrlich gesagt habe ich derzeit wenig Hoffnung, dass sich die, bisher so aggressiven, israelischen Siedler, durch Gerichtsentscheidungen wirklich „besänftigen“ lassen.

Über Marius S. 384 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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