Tent of Nations: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Heute nun hatte ich mich mit Daoud Nassar verabredet. Wegen des absolut schlechten Wetters hier: kalt, regnerisch und sehr windisch (man spricht hier vom schlechtesten März seit mehr als 100 Jahren) habe wir uns, wie schon häufiger im „Bonjour-Cafe“ an der Bethlehemer Uni getroffen. Daoud wurde begleitet von seiner Frau Jihan.

Körperlich geht es Daoud besser, aber die Schmerzen, im Bein und vor allem im Rücken sind nach wie vor spürbar. Viel schwerer wiegt aber der „seelische“ Schmerz, der natürlich auch bei Jihan zu spüren ist. Dieser Schmerz tut deshalb besonders weh, weil sich das Gefühl bei der Familie Nassar immer mehr verstärkt, dass die Verantwortlichen bei der Polizei, bei der Gouverneursverwaltung, bei Gericht und letztlich auch bei der pal. Autorität (PA) in Ramallah letztlich nicht wirklich dem gewalttätigen Überfall „auf den Grund“ gehen wollen.

mangels aktuellen Bildern vom Weinberg, Bilder aus dem Archiv bei Sonnenschein 🙂

Letztlich sind die vier Personen aus Nahalin, die hinter den vielen Attacken seit Sommer 2020 stehen, der Polizei und den anderen Behörden namentlich bekannt. Angeblich sind sie zu Hause in Nahalin nie anzutreffen. Eine offizielle Einladung sich zu melden, bei Androhung einer Geldstrafe, wenn man nicht erscheint, scheint hier nicht üblich oder besser gesagt nicht wirklich gewollt.

Ich habe gestern auch mit Fatima über diesen Vorgang gesprochen, von dem sie von der Schwester von Daoud gehört hatte. Sie und auch ihr Sohn, ein einflussreicher Banker, haben recherchiert und sind dabei zur Erkenntnis gelangt, dass von Seiten der PA in dieser Angelegenheit nichts zu erwarten ist. Letztlich weiß man definitiv, dass es bei den 4 Personen aus Nahalin Kontakte zu den Siedlern gibt. Von dort gab es im Sommer 2020 den Anstoß, dass die Vier aus Nahalin Anspruch auf Teile des Weinberg-Grundstücks erheben sollen. Das Gericht in Bethlehem, welches von der Familie Nassar zur gerichtlichen Klärung der Grundstücksfrage eingeschaltet wurde, wird ebenfalls nicht wirklich eine Klärung herbeiführen wollen. Mit dieser eher hoffnungslosen Erkenntnis, dass von offizieller Seite keine gerechte Klärung sowohl der Grundstücksfrage, wie aber auch des gewalttätigen Überfalls zu erwarten ist, würde es aus Sicht von Fatima und Ihrem Sohn nur eine „Lösung“ mit einer in dieser arabischen Gesellschaft oft ausgeübten Praxis, des gewaltsamen Vorgehens gegen diese Gruppe geben. Es gibt solche Leute, die man zum „Schutz“ anfragen kann, natürlich gegen entsprechende Bezahlung oder eben eine Abtretung eines Grundstückteils. Diese würden dann gegen die vier Männer aus Nahalin zum „Schutz“ der Familie Nassar „aktiv“.

Wie ihr Euch denken könnt, werden die Mitglieder der Familie Nassar, eben aus ihrem Grundverständnis heraus, immer gewaltfrei zu agieren, einem solchen Procedere keines Falls zustimmen.

Vor diesem realen Hintergrund haben Daoud und Jihan mir gegenüber geäußert, dass sie derzeit das Gefühl haben, als wenn ihnen der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Daoud: „es ist wie vor 2000 Jahren mit Herodes. Hinter allem steckte letztlich die römische Besatzungsmacht“

All ihre Kräfte (das sind derzeit nicht soviel) wollen sie in die Vorbereitung des nächsten Termins am 2. Mai stecken, wo sie (mal wieder) die Hoffnung haben, dass es zu einer endgültigen Entscheidung bezüglich der Anerkennung des Grundstücks durch die israelischen Militärbehörden kommt.

Hierzu wollen wir uns in den nächsten Tagen, ich hoffe wir können uns auf dem Weinberg treffen (ab Sonntag soll das Wetter besser werden :-)) gemeinsam Gedanken machen.

Aber ich möchte diesen doch eher traurig stimmenden Tagesbericht nicht beenden ohne von hoffnungsmachenden Momenten zu berichten: Daoud erzählte sichtlich erfreut, dass in den letzten Tagen zahlreiche Gruppen aus aller Welt auf den Weinberg gekommen sind, es wurden Hunderte Olivenbaum-Setzlinge gepflanzt. Dies sind Hoffnungszeichen für die Familie Nassar auf die sie in den (einsamen) Corona-Zeiten verzichten mussten. Für die nächste Woche haben sich weitere (große) Gruppen angesagt…..

Über Marius S. 384 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Lieber Marius,
    Danke für Deinen Bericht über das ToN vom 24.3. – besonders über die „Hintergrund-Info“, die mich sehr bedrückt und meinen Respekt vor Daoud erneut bestärkt.
    Bitte sag‘ ihm meine Verbundenheit „aus der Ferne“!
    Herzliche Grüße
    Winfried

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