Fatima: „Darf ich vorstellen, das ist meine Mutter und das ist die Frau meines Vaters“

Es ist ja an und für sich schon ein Privileg, sich für mehrere Monate hier auf diesem schönen „Flecken Erde“, in dem Jesus 33 Jahre lang gelebt haben soll, auf halten zu dürfen. Dabei vielen freundlichen Menschen zu begegnen und immer wieder neue, leider auch nicht nur beglückende, Erfahrungen machen zu dürfen. Ein ganz besonderes Privileg für mich ist es aber, dass ich hier Menschen begegnen darf, die in ihrem Leben außergewöhnliches geleistet haben oder immer noch leisten, ja im wahrsten Sinne des Wortes „Lichtgestalten“ sind. Im letzten Jahr hatte ich die „Ehre“ (wirklich so empfinde ich das) Daoud Nasser, Reuven Moskovitch oder die Frauen von „Women in Black“ persönlich  kennenzulernen. 

Fatima mit dem Bild ihres Vater

Am Pfingstsonntag nun habe ich Fatima kennen lernen dürfen zu deren Kontakt mir meine liebe ehemalige Kollegin Andrea aus Dresden „dringendst“ geraten hatte. Das Fatima eine außergewöhnliche Frau sein muss wurde mir schon deutlich als ich an Pfingsten bei Faten kurz das Ehepaar Bernstein aus München kennengelernt habe. Beide sind in Deutschland,  gerade auch für ihr Engagement zu Palästina, bekannte Personen. Näheres auf ihrer Homepage www.genfer-initiative.de  Judith Bernstein hatte den Wunsch, dass Fatima einmal vor dem israelischen Parlament der Knesset sprechen dürfe, um allen israelischen Skeptikern im Bezug zur palästinensischen Bevölkerung einmal den lebenden Beweis der Tatkraft, des Mutes aber auch der Offenheit dieser Menschen zu demonstrieren. Ich war also mehr als gespannt auf meine Begegnung mit Fatima.
Fatima lebt mit ihrer großen Familie in der Siedlung Za tara am Rande des „Herodeion“ einem Hochplateau auf dem sich Herodes einen Palast sein „Herodeion“ errichtet hatte, etwa 10 km südöstlich von Bethlehem.

das Wohn- und Speisezimmer

Ich würde freundlich von Fatima begrüßt und wegen der großen Hitze ins Wohnzimmer gebeten. Bei Kaffee, Tee und Dattelkuchen erzählte sie mir dann in den nächsten drei Stunden die Geschichte ihrer Familie.
Der Großvater (Vater ihres Vaters) war Beduine ,  wanderte mit seiner Familie zwischen toten Meer und Bethlehem, insgesamt gab/gibt es in diesem Gebiet 5 Stämme, alle kamen vor mehr als 500 Jahren aus Saudi Arabien hier her. Ihre Familie gehört zum Stamm der „Taamra“. Ihr Großvater hatte 3 Frauen. Mit 90 Jahren gebar ihm seine jüngste Frau (1919) mit 25 Jahren (!) einen Sohn, ihren Vater. Ein Jahr nach der Geburt starb der Großvater, nach alter arabischer Sitte hätte die Mutter ihres Vaters, ohne ihren Sohn in ihre eigene Familie zurückkehren müssen. Das Kind, ihr Vater, hätte in der Familie des  Großvaters verbleiben müssen. Die –aus meiner Sicht- mutige junge Frau hat sich aber diesen alten Gesetzen wiedersetzt und den Jungen „entführt“. In der Nähe von Beit Sahur (bei Bethlehem hat ihn großgezogen, er konnte zudem dort die evang. Schule besuchen in dem die junge Frau eine Beschäftigung in der Küche gefunden hatte.

der 500 Jahre alte Stammbaum der 5 Stämme, rechts oben die Familie von Fatimah

Als der Knabe 14 Jahre alt war ist sie zu Familie des Großvaters zurückgekehrt, bewohnte dort mit ihrem Sohn ein kleines Zelt. Das dies nun möglich war hängt damit zusammen das sie nun als Frau „nicht mehr alleine“ war.  Der vierzehnjährige Junge galt für die Familie als der „Mann“ im Haus/Zelt und somit hatte alles seine Ordnung.
Ihr Vater –Mohammad Salim Thwelb war in seinem Stamm der Einzige der auf einer der Schule war, weshalb er in seinem Stamm schnell „Kariere“ machte. Nach dem 2. Weltkrieg als das Gebiet in dem der Stamm lebte, von Jordanien annektiert wurde, hat er seinen Stamm als Mitglied des jordanischen. Parlament dort vertreten. Er wurde so zu einer der herausragenden Vertreter der Beduinen, der „Scheich“, Respektperson sowohl bei seinen Beduinen als auch in der großen Politik. In diesem Zusammenhang musste er auch 1979 kurz ins Gefängnis, weil die Israelis im vorgeworfen hatten hinter einem Anschlag zu stecken.
Anfang der 50iger Jahre ist der Stamm sesshaft geworden, der Vater hat dort die Schule und ein Krankenhaus gebaut.

Leben am Rande der Wüste, der alten Heimat der Beduinen

Ihr Vater hatte 2 Frauen, Fatima hat 8 Schwestern und 6 Brüder, alle gingen auf Thalima Kuma, der bekannten Schule der Kaiserswerther Diakonissen in Beit Jala, sicherlich ein besonderes Privileg, für das sich der Vater – aus eigenen Erfahrungen-  eingesetzt hatte. Der Vater ist mit 59 gestorben(1979)
In ihrem Elternhaus in Sichtweise ihres Hauses leben derzeit noch die beiden Frauen des Vaters, die wir kurz besuchten: „Darf ich dir meine Mutter und die Frau meines Vaters vorstellen“ !?

Blick auf das nahe gelegene Herodeion

Fatima ist 1951 geboren hat mit 17 Jahren den Sohn des Neffen ihres Vater geheiratet. Ihr Mann ist 17 älter, Mit ihm hat sie 6 Kinder bekommen ( 4 Mädchen, 2 Jungen). Alle haben die Schule besucht, haben eine Berufsausbildung und auch einen festen Arbeitsplatz. Das Sorgenkind ist Ihre jüngste Tochter, Magdolin, 1981 geboren. Sie war von Geburt an stark behindert  und muss im Rollstuhl sitzen. Von Anfang an hat Fatima sich intensiv darum bemüht für ihre Tochter die bestmögliche Unterstützung zu erhalten. Das war Anfang der 80iger Jahre noch sehr viel schwerer als es auch heute noch in Palästina ist. Doch die Geschichte der Aktivitäten von Fatima im Bereich der Behinderten  würde den Umfang meines „Tagesblog“ sprengen. Ich erlaube mir also in einem weiteren Blog darüber zu berichten. Ich habe mit Fatima vereinbart das ich sie am 1. Juni bei Ihren besuchen bei behinderten Menschen im südlichen Westjordanland begleiten darf.
Will aber schon an dieser Stelle nicht verhehlen das ich mehr als beeindruckt war von dieser Frau, die obwohl aus alter Tradition heraus lebend, dem Neuen offen gegenübertritt, „viele Muslime legen sich den Koran so zu recht wie sie ihn brauchen“. Aber das Wochenende (Freitag/Samstag gehört ganz Ihrer Familie, da kommen alle Kinder sofern sie hier leben zu ihr, die 14 Enkelkinder dürfen die zwei Tage bei ihr bleib en. Die Familie ist der wichtigste Bestandteil meines Lebens, sagte mir Fatima zum Abschied. Ich freue mich schon auf die nächste Begegnung.

Über Marius S. 370 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Lieber Marius,

    ich habe „Im Magdolim“, Fatima, Mitte der 1990er Jahre über Johannes Roelofsen und seine gute Basisarbeit für Behinderte im Heiligen Land kennengelernt und mit ihr ein oder zwei Tagestouren zu verschiedenen Familien am Rande der Wüste oder in Camps gemacht. Und einige Male habe ich in den Jahren danach die Tochter erlebt, selbstbewusst und interessiert an Bildung. Ich freue mich, dass Fatima immer noch diese tolle Arbeit macht, viele Frauen in palästinensischen Familien zu erreichen und sie zu ermutigen, für ihre behinderten Kinder aus den eigenen vier Wänden herauszugehen. Da ist sie wirklich eine Heldin. Danke für Deinen Bericht. Manches aus der langen Familiengeschichte wusste ich noch gar nicht, und beim Lesen Deiner Zeilen erinnerte ich wirklich meine Nervosität beim ersten Betreten des Hauses und bei der Begegnung mit der behinderten Tochter; Nervosität, die die Mutter einem locker nahm.
    Alles Gute für die Arbeit und Dein Engagement, viele weitere Entdeckungen, Grüße aus Berlin! Christoph

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