Feuer auf dem Weinberg

Bereits im Herbst 2020 habe ich davon berichtet, dass die Familie Nassar sich gegen Bewohner aus dem benachbarten palästinensischen Dorf Nahalin wären muss, die Besitzanspruch auf einen Teil des Weinberg-Geländes erheben. in den vergangenen Monaten hat es immer wieder auch massive Überfälle auf das Gelände und den dort stehenden Gebäuden gegeben. Zuletzt habe ich vor einigen Wochen, nachdem es wieder einen Überfall auf dem Weinberg gab, in Abstimmung mit Daoud Nassar, einen Brief an Staatssekretär Berger (19. April 2021) im Auswärtige Amt geschickt. In einem Antwortschreiben hat sich das AA schnell gemeldet und versprochen sich zur Unterstützung direkt an die deutsche Vertretung in Ramallah zum wenden. Auch hat hat das Gericht in Bethlehem, welches auch in der Hauptsache über die Gebietsansprüche einzelner Bewohner aus dem Weinberg benachbarten entscheiden soll, diesen Bewohnern, gegen Androhung einer Geldstrafe, untersagt, sich auf dem Gelände des Weinbergs aufzuhalten.

Wieder war die Hoffnung, dass nun „Ruhe“ einkehrt bei der Familie Nassar groß….

Nun erreichte mich am Pfingst-Samstag, dem 22. Mai per WhatsApp die folgende mich erschütternde Nachricht:

„Heute war ein sehr harter Tag. Während wir auf dem Weg zur Farm waren, nachdem wir einige landwirtschaftliche Geräte zum Pflügen aus Bethlehem abgeholt hatten, erhielten wir eine Telefonnachricht, die uns ohne Worte ließ. Die benachbarten Bauern informierten uns, dass unsere Farm in Brand gesetzt wurde. Unser Tag nahm eine plötzliche Wendung, als wir zur Farm eilten, versuchten, Wasser zu sichern, um das Feuer mit unseren sehr begrenzten Quellen auf der Farm zu löschen, und um Hilfe zu rufen. Es war entsetzlich mit anzusehen, wie sich das Feuer schnell auf weitere Felder ausbreitete und dabei Tausende von Oliven-, Mandel- und Weinbäumen beschädigte. Glücklicherweise konnten wir die Situation mit der Hilfe von Familienmitgliedern und nahe gelegenen Dorfbewohnern unter Kontrolle bringen, nachdem wir sieben Stunden in dem Rauch verbracht hatten, der unsere Augen zum Anschwellen brachte. Es war sehr niederschmetternd zu sehen, dass all die neuen Bäume, die wir in den letzten fünf Monaten gepflanzt und bewässert hatten, in Sekundenschnelle verschwunden waren. Bis zu diesem Moment wissen wir nicht, was die Ursache des Feuers war und was dahintersteckt. Wir werden Sie informieren, sobald wir mehr wissen.“

Am nächsten Tag konnte ich mit Daoud telefonieren. Er erklärte mir, dass von einer Brandstiftung auszugehen sei. Es sei ein großes Gebiet des Weinberges, aber auch der benachbarten Grundstücke, vom Brand betroffen. Noch nie habe es in all den zurückliegenden Jahren einen Brand auf dem Weinberg gegeben. Die Feuerwehr aus Bethlehem war vor Ort, konnte aber nur die weitere Ausbreitung des Feuers verhindern. Er hofft, dass die Feuerwehr Beweise vor Ort gefunden hat, die die vermutete Brandstiftung bestätigen und ggf. auch etwas zu den mutmaßlichen Brandstiftern aussagen.
Die Feuerwehr einer der benachbarten jüdischen Siedlung, sei auch alarmiert gewesen, habe sich aber nur „beobachtend“ am Roadblog (dem blockierten Zugang in der Nähe der neuen Thora-Schule) aufgehalten.

Daoud sprach davon das eine große Anzahl Oliven/Mandel-Bäume und Weinstöcke durch das Feuer zerstört worden seien.

Ich habe in Absprache mit Daoud auch das Auswärtige Amt über den Vorfall informiert und gebeten, auch die deutsche Vertretung in Ramallah über den Anschlag in Kenntnis zu setzen

Daoud bittet nun uns darum, ihm und seiner ganzen Familie bei der Wiederaufforstung des zerstörten Geländes zu helfen. Es soll durch eine (möglichst) schnelle Anpflanzung verhindert werden, dass die israelischen Militärbehörden eine Enteignung des Geländes mit dem fehlenden landwirtschaftlichen Nutzen begründen können. Er hofft darauf, dass in den nächsten Monaten wieder Freiwillige auf den Weinberg kommen können, um konkret bei den Anpflanzungen mit „anzupacken“. Auch würde sich die Familie über Baumspenden zum Einkauf der Pflanzen freuen.

Ich hatte den Eindruck, dass Daoud nach dem ersten großen Schock, der ihn und seine ganze Familie, verständlicherweise, befallen hat, nun wieder nach vorne schauen will. Durch die geplanten konkreten Pflanzmassnahmen auf dem verbrannten Gelände, will er auch in der Öffentlichkeit deutlich machen, dass die Familie keinesfalls gewillt ist, den Weinberg „aufzugeben“. 

Am 28. Mai schickte mir Johannes Koch, ein früherer Jahresvolontär auf dem Weinberg, mir Hoffnung und mutmachende aktuellen Bilder vom Weinberg. Johsnned hat nach seiner Volotärszeit ein Studium der Agrar-Wissenschaft absolviert und bestreitet derzeit ein Auslandssemester in Israel. Er hat seinen derzeitigen Aufenthalt genutzt, der Familie Nassar und dem (geschundenen) Weinberg einen Besuch abzustatten.

Es hat in der vergangenen Tagen eine große (weltweite) Unterstützungswelle für das Tent of Nations gegeben, ein wenig Hoffnung und Zuversicht hat dadurch wohl auch die Familie Nassar erreicht.

Der EU-Botschafter in Palästina, Sven Kühn von Burgsdorff, ein Deutscher, hat auf einen Brief eines deutschen Unterstützers geantwortet:
Das tut mir sehr leid! Ich kenne Herrn Daoud Nassar noch nicht, aber ich werde versuchen, ihn sobald wie moeglich zu besuchen. Im Augenblick bin ich leider ein weinig ‚ausgebucht‘, aber ich schaue, was ich in der naechsten Woche tun kann. Sollte ich es nicht bald schaffen, werde ich einen meiner Mitarbeiter aus der politischen Abteilung bitten, sich das vor Ort umgehend anzuschauen.
Er steht auch in Kontakt mit Christian Clages, dem Leiter des deutschen Vertretungsbüro in Ramalla.
So bleibt also zu hoffen dass diese aktuellen Brandwunden „geheilt“ werden, neue Bäume wachsen und damit die Hoffnung aller, dass dieses einzigartige Friedensprojekt wieder blüht und gedeiht.

Es gibt wieder Hoffnung auf dem Weinberg
Über Marius S. 369 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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