„Grabesruhe“ in Jerusalem

Gestern habe ich mit einem mir bekannten Ehepaar aus Neuss in Jerusalem verbracht. Die Beiden waren noch nicht in Israel&Palästina. Gestern sind wir also auf eine erste Entdeckungstour gegangen. Vor dem Hintergrund der schlimmen Ereignisse der letzten Wochen (bis heute sieben tote israelische

Via Dolorosa.. menschenleer
Via Dolorosa..
menschenleer

Juden und mehr als 30 toten Palästinensern), deren gewalttätigen Auseinandersetzungen ja gerade in Jerusalem einen besonderen Schwerpunkt gefunden hatten, war es uns überhaupt nicht klar, was uns in Jerusalem erwarten würde. Wir hatten uns vorgenommen ruhig aber aufmerksam zu sein und vor Ort zu entscheiden was wir machen, wo wir hin gehen.

Vom höchsten Punkt in Jerusalem dem Turm der Himmelfahrtskirche

Via Dolorosa an der sechsten Station
Via Dolorosa
an der sechsten Station

auf dem Ölberg genossen wir zunächst den wunderbaren Rundblick auf die judäischen Wüste im Osten, den Blick in den Süden auf Beit Sahur/Bethlehem und im Westen auf die Altstadt und Westjerusalem. Anschließend sind wir durch den arabischen Stadtteil EtTur , vorbei an den jüdischen Gräbern den Ölberg hinab gegangen. Es war um die Mittagszeit, die Muslime bereiteten sich auf ihr Freitagsgebet vor, wir hatten den Eindruck das überall eine friedliche Stimmung herrschte. Hier und da ein Polizeiposten, erkennbar auch das Straßensperren vorbereitet waren.

Je näher wir an die Altstadtmauer kamen umso größer wurde das Aufgebot an israelischen Sicherheitskräften. Insgesamt begegneten uns nur wenig Touristen, aber auch nur wenige arabische Moslems. Kurz vor dem Löwentor sahen wir eine Gruppe von etwa 50 muslimischen Männern die sich in Sichtweise der Mauer zum Gebet versammelt hatten. Durch die Polizeisperren wurden nur muslimische Frauen und eben Touristen in die Altstadt gelassen. Uns bot sich schon ein besonderes Bild als wir durch das Löwentor in die Altstadt kamen. Auf der sonst durch Pilgerer und am Freitag durch gläubige Moslems so bevölkerten Via Dolorosa war so gut wie kein Fußgänger zu sehen. Hier und da hockten Gruppen von Arabern aus der Altstadt, die der Predigt des Imman lauschten, die vom nahegelegenen Tempelplatz herüberschallte. Ansonsten viel Polizei, geschlossene Läden…eben „Grabesruhe“

 

am Damaskustor
am Damaskustor

Dieser Eindruck eines besonders ruhigen Freitags hielt den ganzen Tag an. Da wo in den letzten Tagen es immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen ist -am Damaskustor- waren nur ganz vereinzelt Personen zu sehen. Die auf spektakuläre Bilder hoffenden Kamerateams zahlreicher TV-Gesellschaften waren in der Überzahl. Am Jaffator, dem in der Regel belebtesten Eingangstor für Touristen und Jerusalemer Juden waren nur wenig Menschen. Selbst an und in der Grabeskirche war eine mir bis heute unbekannte „Stille“

Auch auf dem Weg zum American Colony Hotel, welches ca. 1 km

am Jaffa-Tor
am Jaffa-Tor

vom Damskustor entfern im arabischen Stadtteil Sheikh Jarrah liegt, begegneten uns ungewöhnlich wenige Menschen. Zum Abend sind wir dann noch zur Westmauer gegangen, wo in mir schon bekannter weise die Juden den Beginn des Sabbats begehen: begeisternd feiernd die jungen Juden, eher besinnlich und andächtig die Alten

So beendeten wir am Abend mit einem leckeren arabischen Mahl im schönen Gartenrestaurant des Jerusalem-Hotels (im Ostteil der Stadt), einen für meine Bekannten interessanten und für mich mehr oder weniger überraschenden Tag in dieser so wunderschönen aber auch so besonderen und komplizierten Stadt

 

Über Marius S. 370 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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