Hauszerstörung – Zerstörung des Friedens

 

P1040502Heute war ich mal wieder in Jerusalem. Zunächst habe ich an diesem Gründonnerstag am Mittagsgebet der Mönche der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg nahe der Altsstadt teilgenommen. Am Nachmittag bin ich durch einige Stadtteile in Ostjerusalem spaziert. Dabei musste ich an den aktuellen Bericht des Direktors des israelischen Komitees gegen Hauszerstörung ICAHD (www.icahd.org) denken, den ich gestern Abend gelesen hatte.
in dem er unter anderem die aktuelle Situation in Ostjerusalem wie folgt beschrieben hatte:

Nach Zahlenmaterial der UN wurden in den ersten zwei Monaten des Jahres 2014 231 Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben. In diesem Zeitraum wurden  132 Gebäude zerstört – eine klare Steigerung gegenüber dem Jahr 2013, in dem insgesamt 1103 Gebäude zerstört und 663 Menschen vertrieben wurden. Das war bis dahin, bezogen auf die vorangegangenen Jahre, ein Rekord. Neben Wohnhäusern bezieht sich der Begriff ‘Gebäude’ sowohl auf Ställe und eingezäunte Bereiche als auch auf Wasserspeicher und sogar auf öffentliche Gebäude, wie etwa Schulen, allesamt essentiell für das Überleben und das Gemeindeleben der Palästinenser.

Insgesamt schätzt das Israelische Komitee gegen Hauszerstörungen, dass seit 1967 ca 29000 Wohnhäuser und Nutzgebäude von Palästinensern in den Besetzten Gebieten zerstört worden sind. Dabei ist die fortwährende Zerstörung von Häusern und Unterkünften von palästinensischen Bürgern und von Beduinen innerhalb Israels selbst nicht mitgezählt.

Silwan nahe der Altstadt
Silwan nahe der Altstadt

„Hauszerstörungen’ sind natürlich nur der sichtbare Teil des Problems. Das eigentliche Ziel der Zerstörungspolitik ist Vertreibung – durch die Verweigerung des Zugangs zu Wasser oder zu landwirtschaftlicher Nutzfläche oder durch die Enteignung von Land, das für die Fortführung des palästinensischen Gemeindelebens notwendig ist.

In Ost-Jerusalem errichtet die israelische Regierung einen ‘Nationalpark’ auf dem Land der Issawiya und der Al Tur im Nordosten der Altstadt. Hierdurch werden palästinensische Ostjerusalemer Gemeinden fragmentiert, während gleichzeitig eine ‘Brücke’ entsteht zwischen dem israelischen Jerusalem und der Siedlung Maale Adumin. Auf diese Weise wird ein sogenanntes ‘Groß-Jerusalem’ geschaffen, das die West Bank halbiert und damit faktisch jegliche Aussicht auf einen zusammenhängenden palästinensischen Staat beendet.

Infolge eines Prozesses, den Israel offiziell als ‘Judaisierung’ bezeichnet, leben nun 40% der jüdischen Bewohner Jerusalems im palästinensischen Teil der Stadt, und zwar in ausgedehnten Siedlungen, die die Palästinenser in kleine Ghettos zusammendrängen.  

in Sheik  droht die Zerstörung     Der palästinensische Stadtteil Sheikh Jarrah wird entvölkert, die Bewohner durch israelische Juden ersetzt; kürzlich verkündete die Gemeindeverwaltung den Bau eines 12stöckigen Gebäudes mit Schlafsälen und Klassenräumen für jüdische Yeshiva Studenten im Herzen des Stadtteils.

Silwan ist ebenfalls im Begriff, von der Landkarte gelöscht zu werden: Es ist bereits in ‘Davidstadt’ umgetauft worden, zu einem israelischen Nationalpark gemacht und von Dutzenden von Siedlerfamilien ‘judaisiert’ worden. Die Regierung plant, 88 palästinensische Häuser hier zu zerstören, um Platz zu machen für Parkplätze und Parkeinrichtungen.

In anderen Stadtteilen Jerusalems, in al Tuzr z. B. oder in Jabal Mukkaber, Sur Baher und Beit Hanina, finden Zerstörungen langsamer, aber stetig statt. Das geschieht sozusagen ‘unterhalb des Radars’, um einerseits internationale Kritik zu vermeiden, andererseits aber dennoch palästinensische Familien wirksam daran zu hindern, ihren Lebensstandard zu verbessern. Hier ist die Botschaft das Gegenstück zu ‘Judaisierung’: ‘de-Arabisierung’. Die palästinensische Bevölkerung Jerusalems – immerhin ein Drittel der Einwohner – zu zwingen, unter miserablen Bedingungen zu leben (man muss nur einmal die Infrastruktur von Ost- und West-Jerusalem vergleichen), ist nur ein weiterer Teil der Strategie der Vertreibung.

Diese Strategie beinhaltet noch einen weiteren Trick: Israel praktiziert eine erklärtermaßen  rassistische Politik, die darin besteht,  eine 72% Mehrheit von Juden gegenüber Arabern in Jerusalem erreichen und halten zu wollen. Wie erreicht man das? Nun, es geschieht durch die duale Politik der Hauszerstörungen in Kombination mit der Vorenthaltung von Baugenehmigungen für Palästinenser. Dies hat zu einem Mangel von 25000 Wohneinheiten im palästinensischen Sektor geführt, was wiederum die Preise für das knappe Wohnungsangebot, das Palästinensern zur Verfügung steht, in die Höhe getrieben und Tausende – 70% der Palästinenser Ost-Jerusalems leben unterhalb der Armutsgrenze – dazu gezwungen hat, preiswerte Wohnungen in den arabischen Nachbarschaften jenseits der manipulierten Grenzen Jerusalems, z. B. in Bir Naballah, al-Ram, al Eizariya oder Abu Dis zu suchen.

auch hier droht vertreibung
auch hier droht Vertreibung

Indem sie aber nun ihren ‘Lebensmittelpunkt’ dorthin verlegen, verlieren diese unglückseligen Palästinenser, die keine Bürger Israels, sondern nur ‘Dauerbewohner Jerusalems’ sind, ihre Wohnrechte und werden dadurch daran gehindert, Jerusalem wieder zu betreten, selbst, wenn sie dort ihre Arbeitsstelle haben. HaMoked hat das Innenministerium dazu gezwungen, offenzulegen, dass seit 1967 14309 Palästinenser ihr Wohnrecht in Jerusalem verloren haben. So wird der Prozess der ‘Judaisierung‘ der Stadt erfolgreich vorangetrieben.

 

 

 

 

Über Marius S. 355 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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