Wanderung durch das Al-Makhrour-Tal

Weltkulturerbe mit einem kleinen und einem großen Problem

Heute an einem wieder Mal schönen sonnigen tag bin ich durch das wunderschöne Al-Makhrour-Tal gewandert. Alle die schon einmal in der Region waren und durch den Tunnel, von Jerusalem kommend in Richtung Beit Jala gefahren sind kennen den wunderschönen Anblick aus dem Bus. Gleich hinter dem zweiten Tunnel (nach dem ersten kommt das ebenso schöne Cremisantal), sieht man es auf der rechten Seite. Ich habe wieder den 231 Bus genommen und bin wie gestern gleich nach dem Straßencheckpoint ausgestiegen. Vor Jahren bin ich den Weg durch das Tal schon einmal, allerding von Battir nach Beit Jala. Nun also in die umgekehrte Richtung.

traumhafte Landschaft

Es gab, neben der Erwartung, an ein wunderschönes Naturerlebnis und der wieder mal „himmlischen“ Ruhe die mich dort erwartete einen weiteren Grund, dass ich hier hin wollte.

Im September hatte mich jemand auf einen langen Beitrag (wieder mal) in der Haaretz, und wieder Mal von der israelischen Redakteurin Amira Hass, die in Ramallah lebt und schon oft bemerkenswerte Beiträge geschrieben hat. Da die Zeitung in englischer Sprach erscheint, habe ich mit erlaubt eine Übersetzungshilfe in Anspruch zu nehmen. Der Beitrag, den ich in der Spalte Gastbeiträge in meinen Blog übernommen habe, war übertitelt mit: Israels Zermürbungskrieg an einer christlich-palästinensischen Stadt
In dem Beitrag geht es um den (dritten!) Abriss eines Restaurants in eben diesem Tal. Sehr schnell merkte ich, das es sich um das gleiche Restaurant handeln musste, von dessen (ersten) Abriss ich bei meinem ersten Aufenthalt im Mai 2012 von Faten Mukarker aufmerksam gemacht wurde. Damals bin ich mit Faten einige Tage nach dem der Abriss vollzogen war, dort vor Ort gewesen, habe mit den noch nach konzernierten Menschen gesprochen. Ich habe bei meinen Vorträgen immer dieses Restaurant als ein Beispiel dafür genommen, dass in den C-Gebieten, selbst auf eigenem Grund und Boden Bauanträge in der Regel abgelehnt werden. Wenn dann gebaut wird droht der Abrissbefehl und irgendwann der Abriss. Die Kosten dafür muss der betroffene im Übrigen selbst zahlen. Nun ist dieses Restaurant zum 3. Mal abgerissen worden.

in Sichtweite: die Siedlung Har Gilo

Amira Hass hat gut recherchiert und ist einer ziemlich unglaublichen Geschichte auf die Spur gekommen. Es geht in diesem Konflikt eben nicht nur um Palästinenser und israelische Siedler, hier spielt auch das Problem zwischen Christen und Moslems hinein, die in diesem Fall auch noch Flüchtlinge waren. Da es eine lange Geschichte ist, möchte ich in diesem meinem Tagesblog nicht auf die Einzelheiten eingehen. Der Beitrag kann, wie geschrieben, unter der Spalte Gastbeiträge gelesen werden. Es bleibt aber festzuhalten, Auslöser war das Vorgehen der Siedler, die in Sichtweite der Siedlung Har Gilo auf der anderen Talseite, einen weiteren Hügel, der bisher ausschließlich von Palästinensern genutzt wurde, scheinbar legt erworben haben und nun mit einer einfachen Bebauung mitten in die palästinensischen Grundstücke „gezwängt“ haben. Da das Restaurant in unmittelbarer Nähe dieses „Außenpostens“ liegt, und scheinbar sehr gut durch die Bevölkerung frequentiert wurde, liegt es Nahe, dass sich die Siedler durch den Besucherverkehr gestört fühlten. Ein kleiner Hinweis an die Militärbehörde hat dann sicherlich schon gereicht.

hier begann meine Wanderung

Nun will ich mich mal meiner Wanderung zuwenden. Nachdem es wegen der sehr verkehrsreihen Straße 6ß noch recht laut war, wurde es, je mehr ich mich in das tal bewegte ruhiger. Hier und da sah ich einige Palästinenser die in ihren meist kleinen Garten-Grundstücken Gartenarbeit errichteten. Der weg, wo ich das nun abgerissene Restaurant vermutete, war abgesperrt und mit einem Schild versehen, dass hier der Durchgang verboten sei. Etwa 100 m von dieser (gesperrten) Einfahrt entfernt sah ich ein großes schwarzes Zelt, davor mächtige Strohballen. Ohne das es dort angeschrieben stand, war ich mit ziemlich sicher, dass es sich her um das neu-erworbene Areal der jüdischen Siedler handeln musste. Leider sah ich keinen Menschen dort, aber wie auf Bestellung kam plötzlich ein Militärfahrzeug um die Ecke.

hier passiert Größeres: der Beginn einer neuen Siedlung

Ich ging nun weiter ins Tal hinein, irgendwann endete der weg an einem Zaum, als „alter Pfadfinder habe ich mich dann querfeldein bewegt, bis ich auf einen neuen, gut gestalteten Weg traf den ich bis Battir (insgesamt bin ich knapp 2 Stunden gewandert) gehen konnte. Immer wieder folgte der Weg dem geschwungenen Tal, immer wieder erfreute ich mich an der klaren Luft, der Stille, wenn überhaupt unterbrochen durch den schönen Gesang der Vögel. Irgendwann begegnete ich auch einer Kleinen Ziegenherde, die mit Hirten und Esel den Genuss dieser Wanderung weiter steigerten. Wie beschreibt Amira Haas in ihrem Beitrag das Tal:
Al-Makhrour ist ein landwirtschaftliches Gebiet von etwa 3.000 Dünen (740 Hektar), das durch alte Terrassen, Olivenhaine, Weinberge, Obstbäume, archäologische Stätten und ein traditionelles Bewässerungssystem gekennzeichnet ist. Es verfügt über alte landwirtschaftliche Steinstrukturen, klare Luft und „das beste Olivenöl Palästinas“.

kleine „Schandflecken“ vor großer Kulisse

Ich kann das geschriebene nur unterstreichen. Wenn es nicht doch immer wieder diese „Schandflecken“ gegeben hätte die ich der Leserschaft in einem Bild zeigen werde, wäre es wirklich paradiesisch zu nennen. Obwohl es (scheinbar) eine Behörde gibt, die auch dafür sorgt das Infotafeln Erklärungen zur Natur und den Tieren geben, sorgen sie sich scheinbar nicht um den vielen Unrat. Schade….!

Blick auf die Bahnstrecke Tel Aviv – Jerusalem

Battir hatte ich auch schon öfters besucht und beschrieben, zuletzt war ich im März hier, damals allerdings bei wolkenbruchartigen Regenfällen.

Ein schöner Ort, geprägt durch die in Terrassen angelegten Gemüseflächen und im Tal zieht die Eisenbahn von Jerusalem kommen ihre Spur durch eine wunderbare Bergwelt. In einem schönen Kaffee, mit direktem Blick auf die schöne Terassenwelt und einem leckeren palästinensischen Nationalgericht: „Shakshuka“ lies ich es mir bei einem frischen Saft aus Orangen und Granatapfel gut gehen. Es kann einem wahrlich schlechter gehen.

Shakshuka & mehr

Zurück ging es mit einem der orangenen Taxi-Busse über Bethlehem, das etwa 12 km von Battir entfernt ist

Über Marius S. 353 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Eine wunderbare Wanderung. Das Land bleibt mit der Natur. Gehen werden die das Land geteilt haben. Am 29.11.1947 hat die Welt beschlossen unsere Heimat zu teilen. Ohne uns zu fragen. Der Prozess der Teilung ging danach in Vertreibung und Okkupation. Das sieht du in Battir eindeutig oder in Al Walajeh. Die Einwohner von dort sind heute Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern „Aida“ und „Dehesche“ in Bethlehem.
    Solange der Konflikt nicht gelöst ist, wird es kein Frieden geben. Israel hat sämtliche Chancen auf eine friedliche Lösung ignoriert. Wir steuern auf die „Ein- Staatenlösung“ hin. D.h Ein Staat mit 2 Systemen und Gesetzgebung, das wird uns nicht voran bringen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir unter uns Palästinenser bereits 1986 für unsere einfachen Rechte gekämpft haben, leider ohne Resonanz. Die PLO und damals Arafat hat diese Gedanken im Keim erstickt. Oslo war und ist eine politische Niederlage.
    Die Region ist instabiler geworden. Der Friedensprozess ist Hirntot.

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