Zwei (religiöse) Welten auf einem Quadratkilometer –

Wie schon im vergangenen Jahr habe ich mich an diesem besonderen Gedenktag der christlichen Welt in die Stadt begeben, in der das Leiden und Sterben Jesus stattgefunden hat. Während im letzten Jahr bedingt durch das gleichzeitig stattfindende orthodoxe Osterfest und das Paschafest der Juden in und um die Altstadt von Jerusalem, durch die israelischen Sicherheitskräfte praktisch der Ausnahmezustand verhängt worden war, empfand ich es in diesem Jahr vergleichbar ruhig. Keine Polizeiabsperrung und Kontrolle vor den Altstadttoren, keine Zugangsverbot für die Muslime unter 50 Jahre zu ihrem Freitagsgebet an der Al Aqsa- Moschee auf dem Tempelplatz.

Entsprechend entspannter war die gesamte Situation in und um der Altstadt für alle Gläubigen.

Das Kreuz steht heute für die Christen im Mittelpunkt
Das Kreuz steht heute für die Christen im Mittelpunkt

Um 11.30 versammeln sich die christlichen Gruppen auf der Via Dolores um in einer Prozession dem Kreuzweg folgend zur Grabeskirche zu ziehen. Zu Beginn die vielen christlichen Pilgergruppen aus aller Welt. In einer zweiten Gruppe die Palästinensischen Christen aus Israel und einige wenige aus dem Westjordanland. Die Zahl der Teilnehmer war sichtlich geringer als ich sie am vergangenen Palmsonntag erlebt habe. Auch war die Stimmung der Menschen dem traurigen Anlass entsprechend weniger fröhlich sondern mehr „getragen“. Viele beteten oder sangen traurige Hymnen.

An verschiedenen Stellen trafen sich die zwei so unterschiedlichen Gruppen, hier die dem

Zum Freitagsgebet auf den Tempelplatz
Zum Freitagsgebet auf den Tempelplatz

„Kreuzweg Jesu“ nachfolgenden Christen, da die um ein vielfaches größere Gruppe der Muslime, die –wie jeden Freitag zum Gebet eilten, welches gegen 12.30 auf dem Tempelplatz beginnen sollte. Hier und da gab es kleine Unruhen, wenn die Sicherheitskräfte der israelischen Armee/Polizei kurzzeitig Wege sperrte, um den christlichen Gruppen ein Durchkommen zu ermöglichen. Aber insgesamt gab es keine Berührungen zwischen den beiden Religionsgruppen.

Für mich schon ein besonderes Erleben, wenn sich auf so engem Raum zwei Gruppen der großen Weltreligionen zu unterschiedlichen, aber für jede Gruppe doch so bedeutsamen Zielen bewegen. Es hatte für mich den Anschein, dass keiner so richtig etwas vom anderen mitbekam. Jeder war mit seinen Gedanken in seiner religiösen Welt versunken. Für mich beeindruckend und auch wieder überraschend.

Über Marius S. 355 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

4 Kommentare

  1. Lieber Marius, beide Religionen sind miteinander in einem Volk vereinigt. Respekt und Achtung lernten wir in unserm Schulen. Aber in der Tat, die Menschen wissen wenig voneinander. Wir haben uns gegenseitig nichts kennengelernt in einem gemeinsamen Geschichtsbuch. 600 Jahre christliche Geschichte vor dem Islam, wurden auf 10 Seiten reduziert. Ich würde gerne an einer neuen gemeinsamen Geschichte beteiligen. Das heilige Land wurde dadurch heilig.

  2. Lieber Marius,
    Erst mal DANKE dafür, dass Du immer wieder zu den Menschen in Palästina/Israel gehst und darüber berichtest. – Grüße bitte Daoud ganz herzlich von mir!
    An Deiner Formulierung
    „… in die Stadt begeben, in der das Leiden und Sterben Jesus stattgefunden haben soll.“ nehme ich allerdings Anstoß.
    Warum diese Skepsis ?
    Vielleicht willst Du mir mal antworten. Würde mich sehr interessieren.
    Noch viel Gutes und herzliche österliche Grüße
    Winfried

    • Lieber Winfried,
      danke für deine Rückmeldung, Du hast recht mit deiner Kritik an meiner Formulierung. Ich werde sie ändern.
      Ich tue mich halt schwer wenn hier oft gesagt wird „hier war das und das Ereignis“ und die Menschen dann oft überzogene Huldigungen folgen lassen.
      Aber in zweifele nicht grundsätzlich an, dass sich das Leiden und Sterben Jesu hier in Jerusalem zugetragen hat.
      Auch Dir und den Deinen österliche Grüße und friedliche Tage wünscht aus Beit Jala der Marius

  3. Lieber Marius,

    Wünsche Dir zunächst ein schönes Osterfest an historischer Stelle. Ist schon interessant, wie Hunderttausende zweier Weltreligionen (anscheinend friedlich) aufeinander losgehen. Apropos, friedlich aufeinander losgehen; habe mir anläßlich Ostern und auf Deinen Tip hin mal den Bericht über die Grabeskirche (im Haus des Herren sind viele Wohnungen) angesehen. Den Ort, den wir ja 2012 auch schon gemeinsambesucht haben,
    Wer das mit Verstand und einigermaßen distanziert betrachtet ,hat eher den Eindruck, das die mulitchristliche Hausherrenschaft das Ganze zum Panoptikum hat verkommen lassen.

    Frohe Ostern

    Funcky
    Wenn Jesus Christus dort ein zweites mal auferstehen würde, dann würde er sich ob dieses Treibens verstört die Augen reiben und erneut zur Peitsche greifen.

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