Ich hatte mir für meinen ersten ganzen Tag in Jerusalem keinen besonderen Plan gemacht.Wollte mich ein wenig „treiben“ lassen, aber auch schauen, ob die „Women in black“ die ja immer am Freitag ganz in der Nähe der Residenz von Premierminister Nethanjahu, gegen die Besatzung demonstriert haben, dies noch immer tun.
Zuerst wollte ich aber der Bitte von Johannes Zang folgen und 2 seiner Bücher an zwei seiner Interviewpartner hier in Jerusalem zu bringen. Inhalt des Buches sind die Ergebnisse von 33 Gesprächen, geführt um die Osterzeit 2025.

Dem ersten, den ich das Buch gebracht habe, war Hagob Karakashian, dessen Familie Anfang des letzten Jahrhunderts aus Armenien nach Jerusalem ausgewandert ist. https://www.jerusalempottery.biz/decorative-hand-painted-tile Schon sein Großvater hatr sich der armenischen Kunst, des Keramikbemalens verschrieben. So hat er auch Kacheln am Felsendom bemalt und u.a. auch alle Straßenschilder in der Altstadt beschriftet. Derzeit führt der Enkel ein Geschäft in der Altstadt, wo ich eine seiner Mitarbeiterin bei der Arbeit fotografieren durfte.
Im Buch auf Seite 40 sagt Hagob auf die Frage, bezogen auf den derzeitigen Waffenstillstand wie nahe für ihn der Friede sei: „Ich weiß. nicht ob es ein dauerhafter Friede wird. aber Zeiten der Ruhe und Waffenstillstand mit einer gewissen Stabilität, die die Touristen und Pilgerer zurückbringen, aber dauerhaften, langfristigen Frieden? Nur Gott weiß es“.

Der 2. Interviewpartner, dem ich das Buch bringen sollte, hat nicht weit entfernt von Hagob einen Tatoo-Shop, sein Name Wassim Razzouk. Ich hatte großes Glück, gerade als ich vor dem noch verschlossenen Ladentür stand kam ein Mann mit einem Motorrad: der Sohn von Wassim, Anton. Ihm konnte ich, mit Grüßen an den Vater, das Buch überreichen. Der Vater ist, nach der Beschreibung von Johannes Zang ein koptisch-orthodoxer Christ der sehr stark tätowiert ist. In dem Interview gibt er sich, was die Aussichten auf Frieden angeht, eher pessimistisch: „der Konflikt wird mindestens noch 50 Jahre dauern…“
Anschließend habe ich mich für eine Weile auf eine Bank am Jaffa-Tor gesetzt. Hier ist neben dem Zugang zur Altstadt am Damaskus-Tor der größte Zulauf. Hier kommen die Juden, oftmals große Familien, auf dem Weg zum Gebet an der Westmauer, die muslemischen Bewohner:innen die heute, am Sonntag der Muslime, zum Mittagsgebet zur Al Aqsa-Moschee wollen und eben auch viele Christen, die man ja nicht unbedingt an Ihrer Kleidung erkennt. Aber dann auch, das Oberhaupt der kath. Christen hier im hl Land: Kardinal Pierbattista Pizzaballa der mit einer kleinen Gruppe auch auf dem Platz vor dem Jaffa-Tor sprach. Mehrmals wurde ich von einem Tour-Guide angesprochen, der seine „Dienste“ anbot. Sie haben es natürlich derzeit auch schwer, bei so wenig Touristen/Pilgergruppen.
Dann habe ich mich auf den Weg zu dem Platz gemacht, wo ich in der Vergangenheit schon öfters die Frauen von „Women in black“, https://de.wikipedia.org/wiki/Women_in_BlackFreitagsmittags mit schwarzen Plakaten gegen die Besatzung demonstriert haben. Heut war leider keine der Frauen vor Ort. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass viele dieser Frauen schon damals, als ich sie das erste Mal erleben durfte in 2012, schon sehr alt waren. Damals hatte ich eine Frau, die ehemals aus Freiburg stammte interviewt.https://marius-blog.de/blog/mutige-und-starke-frauen-in-schwarz/

Anschließend habe ich mich noch in das Jerusalemer Geschäftsleben begeben. Hier war heute in den Stunden, bevor mit dem Sonnenuntergang der Sabbat beginnt, ein Leben, dass mich an unsere Samstage in den Ladenzonen der Großstädte erinnerte. Und doch war heute noch etwas anderes erst zu hören und dann beim näher kommen zu sehen: zuerst hörte man laute Bassklänge und dann sah man Hunderte von jungen Menschen, die sich nach den Tönen und Takten der Musik „verrenkten“. Ehrlich gesagt ich musste gleich an die Bilder von dem Rave-Konzert am 7. Oktober denken: dem Super-Nova-Festival, w so viele junge Israelis von den Hamas-Gruppen ermordet wurden und fühlte mich sehr unwohl damit.
Dann habe ich noch den Ostjerusalemer Stadtteil Sheik Jarrah besucht, weil auch hier lange Jahre am Freitagnachmittag gegen den Abriss der Häuser „zugunsten“ neuer Hotelbauten demonstriert wurde. Aber auch hier war heute keine Aktion zu sehen.
Alles in allem lässt sich für mich heute feststellen: ein solcher Freitag hat doch auch immer ein besonderes Gesicht: hier die Palästinenser, überwiegend Muslime, haben heute ihren Sonntag, d.h. morgens sind erstmal alle Geschäfte (natürlich auch die Schulen) geschlossen, erst am Mittag, nach dem Freitagsgebet, erwacht das Leben. Bei der jüdischen Bevölkerung ist eine „Samstagsstimmung“ zu spüren, man trifft sich zum einkaufen oder sitzt im Straßencafé, bis dann gegen halb sechs, zum Sonnenuntergang, der Sabbat beginnt. Damit es auch jeder weiß, ertönt laut und lange en Horn, was in der ganzen Stadt zu hören ist

Ab heute folgt zum Abschluss meiner Tagesberichte immer das Tageszitat
Tageszitat (16. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“ *
Du bist ein Geist der Liebe,
ein Geist der Freundlichkeit,
willst nicht, dass uns betrübe
Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit
der Feindschaft bist du feind,
willst, dass durch Liebesflammen
sich wieder tun zusammen,
die voller Zwietracht sind.
(Paul Gerhard)
*Zitate für jeden Tag, Aphorismen-Verlag, ISBN 978-3-86575-054-9
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