Gestern am späten Abend erreichte mich eine WhatsApp-Nachricht von Mohammed. Diesen hatte wiederum eine WhatsApp Nachricht erreicht, die, man kann es vermuten, der israelische Staat ihm geschickt hat. Die Nachricht (sie war auf englisch) hatte folgenden Inhalt:
An die Familie des freigelassenen Häftlings
In Ihrem Haushalt lebt jemand, der nach einer Verurteilung wegen terroristischer Straftaten aus einem israelischen Gefängnis entlassen wurde. Um Ihren Alltag aufrechtzuerhalten, ist es am besten, wenn er solche Aktivitäten meidet, wie man Feuer meidet. Die Sicherheitskräfte überwachen jeden, der den Weg des Terrorismus eingeschlagen hat, ebenso wie dessen Angehörige und sein Umfeld. Jede Verbindung Ihres Familienmitglieds zum Terrorismus wird Ihr tägliches Leben schwer beeinträchtigen. Lassen Sie nicht zu, dass dieses Familienmitglied Ihre Zukunft gefährdet.
Wie mir Georg, ein guter, deutscher, Bekannter von Mohammed gestern ebenfalls per WhatsApp berichtete, wurde Ende Februar 2020 der Bruder von Mohammed, Siad, von Soldaten, bei einer der vielen nächtlichen Aktionen, abgeführt, geschlagen und verschleppt. Georg war zu diesem Zeitpunkt zu Besuch bei Mohammed und hat diese Aktion selbst miterlebt. Anschließend war der Bruder ohne Anklage (!), 18 Monate im israelischen Gefängnis Ofer untergebracht, dass als „Foltergefängnis“ unrühmlich bekannt wurde. Er sei als „gebrochener“ Mann zurückgekommen „ein Schatten seiner selbst“. https://una-oic.org/de/palästinensisch/2025/11/23/Ofer-Gefängnis%3A-harte-Behandlung-der-Gefangenen-und-Vernachlässigung/
Vor diesem Hintergrund ist diese, einschüchternde Warnung aus Israel, wohl zu verstehen.

Bei allem Elend was die Menschen hier erleben, bleibt ein Trost: die schöne Natur
Wenn man dann liest, was derzeit in Hebron nach dem Schusswechsel am Freitag, durch die israelische Armee an Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung durchgeführt wird, kann man sich gut vorstellen, dass solche Maßnahmen, bei ähnlichen Vorfällen auch im Flüchtlingscamp durchgeführt werden
Das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte (PCHR) berichtet von weitreichenden Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Besatzungstruppen (IOF) gegen palästinensische Zivilisten in Hebron im Süden des Westjordanlands. Zu diesen Maßnahmen gehören die Sperrung der Zufahrten zur Stadt, die Isolierung von Stadtvierteln, der Abriss von Wohnhäusern und gewerblichen Einrichtungen, die Beschlagnahmung von Fahrzeugen sowie die gewaltsame Vertreibung von Hunderten von Familien aus ihren Häusern, begleitet von Massenverhaftungen und Angriffen auf Zivilisten.
Das PCHR betont, dass diese Maßnahmen Teil einer wiederkehrenden israelischen Politik sind, die darauf abzielt, die bloße Präsenz der Palästinenser zu untergraben, indem die Beschränkungen für die Bewohner verschärft, ihr Eigentum zerstört, sie gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben und eine Zwangsrealität auferlegt wird, die ihre Grundrechte untergräbt. Das PCHR betont ferner, dass die Ausnutzung des Schusswechsels in der Nähe des nördlichen Stadteingangs zur Rechtfertigung von Kollektivstrafen, der Zwangsvertreibung von Einwohnern und der Zerstörung ihres Eigentums keine rechtliche Grundlage für diese Verstöße bietet und Israel nicht von seinen Verpflichtungen gegenüber der Zivilbevölkerung entbindet, die nach dem humanitären Völkerrecht geschützte Personen sind.

Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, jetzt noch etwas von meinen Erlebnissen am Tage zu berichten. Ich habe mich ja im „geschützten“ Jerusalem aufgehalten, wo heute für die meisten, der erste Arbeitstag der neuen Woche stattfand. Ich habe mich allerdings daran gehalten, dass heute Sonntag ist und bin zunächst zum Gottesdienst in die Dormitio-Abtei gegangen. Vielleicht werden es einige aus der Leser:innenschaft meines Blogs nachvollziehen können: Es tut mir gerade angesichts der Situation die um mich herum herrscht, ausgesprochen gut, ja es entlastet mich auch ein wenig, meine Gedanken und Bitten vor Gott zu tragen.
Wenn dann auch noch in der Predigt etwas von Gerechtigkeit und Frieden gesagt wird, habe ich für mich gleich einen Bezug zur realen Situation. Ich werde in meinem morgen Tagesbericht näher auf die Predigt eingehen.
Schließen möchte ich heute in dem ich über ein kurzes Telefonat berichte, dass ich heute Abend mit Fatima geführt habe. Wir beide bedauern es sehr, dass wir, obwohl nur 10 Fahrminuten voneinander entfernt uns nicht noch einmal sehen können. „Ich fühle mich wie in einem Gefängnis, alle Bewohner:innen der Westbank sind eingeschlossen“
Ich konnte Fatima nur damit ein wenig „trösten“, dass ich versprochen habe, mich in den nächsten Tagen (auch von zu Hause) bei ihr telefonisch zu melden. Sie hat mir schon nach meinem Besuch gesagt, wie gut es ihr tut, wenn sie sich ihren Kummer „von der Seele“ reden kann. Im Übrigen können sie derzeit nicht zu ihren Olivenbäumen. Die Straßen dorthin sind bis auf Weiteres gesperrt.

Manchmal hilft auch ein guter arabischer Kaffe
Tageszitat (25. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“
Zu sagen: Die Schrift ist erfüllt, heißt glauben, das Gottes Wort für uns stets ein Wort des Friedens, des Lebens, der Liebe und der Freude ist. Es ist ein Wort der Hoffnung und Stärkung für alle Menschen.
Naim Stifan Ateek
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