„Wir wollen in Frieden leben“

Vor einigen Wochen erreichte mich nachfolgende Mail einer Bekannten:

Hallo Marius,

ich bin seit 4 Tagen im Golan und habe Al Marsad aufgesucht, eine legale Menschenrechtsorganisation, die für die Rechte der Drusen (Syrer) eintritt, die in den 5 nicht zerstörten Dörfern im Nordgolan 1967 übrig geblieben sind. Ich kann nur wärmstens empfehlen, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen und eine informatives Treffen, evt. auch guided tour in die nähere Umgebung zu den Themen zu machen. Bis Mitte November gibt es dort auch noch einen deutschsprachigen Mitarbeiter.

Ich habe kurzfristig mit Michal unserer Guide in Israel telefoniert und wir haben diesen Besuch in unser Reiseprogram für heute aufgenommen.

Ein schöner Beginn des Tages: mit dem Boot auf dem See Genezareth
Ein schöner Beginn des Tages: mit dem Boot auf dem See Genezareth

So hat sich die Gruppe heute morgen recht früh, gegen acht Uhr, auf den Weg gemacht, zunächst zum 10 km am See gelegenen Kibbuz En Gev (hier war ich bereits mit meiner ersten Reisegruppe 2012). Hier sind wir in eine kleines Holzboot gestiegen und für eine Stunde haben wir den wunderbaren See und das herrliche Landschafts-Panorama genossen, dass den See um gibt: die Höhe des Golans auf der östlichen Seite und die Berge von Galiläa im Westen.
Vom See aus sind wir auf etwa 1000m auf die Hochebene des Golan gefahren, einem Gebiet, dass 1967 von den Israelis besetzt wurde. Bereits im vergangenen Jahr war ich mit einer Gruppe hier. Wie waren im nördlichsten Ort in Majdal Shams verabredet. Auf dem Weg dorthin sahen wir häufig links und rechts der Straße große abgesperrte Flächen die mit gelben Schildern versehen waren. Hier wurde vor Minen gewarnt.

Majdal Shams an der Grenze zu Syrien
Majdal Shams an der Grenze zu Syrien

Gegen 11 Uhr kamen wir in dem kleinen Städtchen an und wurden dort von Nazeh Brig erwartet. Nazeh arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Al-Marsad www.golan-marsad.org die sich 2003 gegründet hat. In Internet beschreibt Al-Marsad ihre Zielsetzung: Al-Marsad will gegen Krieg, Kolonialismus und Besatzung kämpfen und dazu beiträgt, eine Kultur der Achtung der Prinzipien des Menschenrechts und des humanitären Völkerrechts entwickeln.
Unser Gastgeber versorgte uns mit arabischen Kaffee, Obst und kalten Getränken. Nazeh sprach gut deutsch. Er ist in Majdal Shams aufgewachsen, hat aber dann von 1983 an, in Deutschland studiert (u.a. Raumplanung und Architektur) und gearbeitet und ist Anfang 2000 dann nach hier zurückgekehrt. Er erzählte uns, dass es bis 1967 hier auf dem Golan 350 arabische Dörfer und Farmen gab. Damals sind viele Bewohner geflüchtet oder sind vertrieben worden. Viele waren aber vielleicht auch gerade an dem Tag im Juni 1967, an dem die israelische Armee die syrische Armee vertrieben und den Golan besetzt hatte, einfach nicht vor Ort und hatten später dann keine Möglichkeit mehr zurückzukehren. Lediglich die Dörfern in denen die Drusen lebten, wurden damals von der israelischen Armee „verschont“. Da aber dort auf beiden Seiten des Trennungszaunes Drusen leben, die miteinander verwandt, oft aus einer Familie stammen, kam es zu Situationen, gab es Bilder die um die Welt gingen. Familien, Mütter, Kinder, Brüder, Schwester trafen sich dies- und jenseits des Grenzzaunes, und versuchten, zum Teil mit Megaphonen unterstützt, Gesprächskontakte zu führen.

Denkmal zur Erinnerung an den Kampf der syrischen Drusen gegen die französische Mandatsmacht
Denkmal zur Erinnerung an den Kampf der syrischen Drusen gegen die französische Mandatsmacht

So stellt sich die Situation heute, knapp 50 Jahre später, da: Es gibt noch 5 arabisch (drusische) Dörfer mit etwa 25.000 Einwohner und 33 jüdische Siedlungen mit etwa 23.000 Einwohner.
Seit ihrer Gründung hat sich Al-Marsad bemüht, Menschenrechtsverletzungen von Israel (Besatzungsmacht) gegen die Zivilbevölkerung und ihren Privatbesitz zu dokumentieren. Besonderes Augenmerk wird auf die zivilen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte sowie auf die humanitären Grundsätze gelegt.
„Al-Marsad“ bekommt auch finanzielle Unterstützung durch das katholische Hilfswerk Misereor. Ich werde mich, wenn ich in Deutschland bin, einmal bei Misereor erkundigen, mit welcher Zielsetzung hier Gelder Al-Marsad vergeben werden.

Wir erfuhren von Nazeh auch etwas vom drusischen Leben, aber eben auch vom Leben hier an einer Ecke der Welt, wo sich eines der Zentren von Unfrieden, Krieg und Zerstörung befindet. Er selbst findet, dass die Besatzungssituation hier in keiner weise mit der Situation in der Westbank verglichen werden kann. Hier haben alle relative Bewegungsfreiheit, Möglichkeit eine gute Schulausbildung zu bekommen. Junge Menschen werden gerade bei uns in Deutschland als Studenten gerne gesehen und nutzen diese Möglichkeit. Sicherlich, die Arbeitsmöglichkeiten auf dem Golan sind begrenzt, die Möglichkeiten in der Landwirtschaft werden durch ungleiche Verteilung des Wassers (im Verhältnis 1:3 zu Gunsten der jüdischen Bewohner) erschwert.

Interessant ist, dass die Menschen hier ohne Staatsangehörigkeit leben. In Ihren Reisedokumenten steht bei Staatsangehörigkeit: „Undefined“ was man mit „Staatenlos“ übersetzen kann

Auf die Frage aus der Gruppe was sich die Menschen hier am Meisten wünschen sagte er: „Wir alle möchten hier in Frieden leben.“ Ein Leben unter dem „Despoten“ Assad kann sich Nazeh allerdings auch nicht vorstellen.

massive Grenzzäune
massive Grenzzäune

Wir sind dann noch kurz zur tatsächlichen (derzeitigen) Grenze nach Syrien gefahren, wenige Minuten vom Ort entfernt. Dort ist ein mächtiger Doppelzaun angebracht. Der Teilnehmer aus der Gruppe, der an der thüringischen DDR-Grenze groß geworden ist, sagte spontan „das siehr ja aus wie damals bei uns…“ worauf ich eben so spontan bemerkte, das die angespannte Situation hier aber sicherlich nicht mit der im Grenzgebiet des Thüringer Waldes zu vergleichen ist.

Ein Neubau: ganz nah am Grenzzaun
Ein Neubau: ganz nah am Grenzzaun

Erstaunt waren wir auch, dass 50 Meter vor dem Grenzzaun gerade ein zweistöckiges Haus gebaut wurde: „Unverbaubare“ Aussicht auf den Hermon war der Kommentar eines Gruppenmitglied.

Zum späten Nachmittag haben wir noch einen Abstecher nach Tagbha zum Kloster und der „Brotvermehrungskirche“ gemacht, wie ich es mit allen anderen Gruppen bisher auch gemacht habe. Benediktiner-Pater Matthias war dort unser Gesprächspartner, der uns u.a. berichtete, dass die Wiederherstellung des Atriums der Kirche, nach dem schrecklichen Brandanschlag vom Juni 2015, vor einigen Monaten begonnen habe und hoffentlich bis Januar 2017 beendet werden kann.
 

Über Marius S. 370 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

1 Kommentar

  1. Danke für den ausführlichen Bericht und den schönen Bildern so kann ich mir ein Bild von deiner Reise machen. Du kannst uns am Sonntag von deiner Reise erzählen.
    Sonntag, 20. 11. 2016 16.00 Uhr Film „Wir weigern uns Feinde zu sein“ anschließende Diskussion mit Marius Stark, pax christi zu dem Projekt: „Tent of Nations“ ZELT DER VÖLKER, Menschen bauen Brücken. Stark ist gerade Anfang November von einer Reise nach Israel und Palästina zurückgekehrt.

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