Einen Tag vor allem für die Seele

Bevor ich von meinen heutigen Erlebnissen berichte möchte ich Euch kurz noch von zwei kleinen, aber mich doch auch bewegenden Erlebnissen von gestern berichten.

Als ich mit dem Bus gestern an der Endhaltestelle ankam, wird man ja, wie ich schon geschildert hatte, von den dort wartenden Taxifahrern massiv bedrängt, doch mit Ihnen zur Geburtskirche zu fahren. Nachdem sie sich „beruhigt“ haben, weil ich Ihnen erklärt habe, dass ich von Daher abgeholt würde, kam dann doch noch einer und sagte mir, dass er Hunger habe, er habe noch nicht gefrühstückt, ob ich ihm 10 Shekel geben könne. Ein Mann, sauber gekleidet, hat eine solche Not und bettelt mich um etwas zu essen an…,puh das muss man erst mal verdauen und was tut man dann in einer solchen Situation? Ich habe ihm kein Geld gegeben, auch vor dem Hintergrund, dass es ja allen Taxifahrern, die hier standen ähnlich geht und ich dann allen 10 Skekel geben müsste. Aber ich habe mich gar nicht gut dabei gefühlt

Checkpoint

Das das Leben, auch trotz, zum Beispiel täglicher Erniedrigungen an den Checkpoint, hier scheinbar entspannt weiter geht, hat mir ein anderes Erlebnis gestern gezeigt: Wenn man mit dem Bus zurück nach Jerusalem fährt, wird man am „Tunnel-Checkpoint kontrolliert. Oft kommt es vor, so auch gestern, dass es lange dauert, bis sich die (so jungen Soldaten) „bequemen“ zur Kontrolle zu kommen, gestern haben 30 palästinensischen Fahrgäste sicherlich 20 Minuten im Bus warten müssen, bis die Kontrolle beginnen konnte. Beeindruckend „stoisch“ lassen alle dieses Procedere über sich ergehen.

Kaum war der Bus dann losgefahren „alberte“ eine Gruppe junger palästinensischer Studentinnen (auf der letzten Reihe im Bus), so wie sie es auch bei uns in Deutschland tuen…

Aber es ist auch gut so, dass sie es können, sonst ließe sich das alles, was man hier tagtäglich erlebt, wohl schlecht aushalten.

Heute nun bin ich in Jerusalem geblieben, vor allem auch um meiner Psyche ein wenig Erholung angedeihen zu lassen, denn es schlaucht körperlich, aber vor allem psychisch, wenn ich die „Seite wechsele“.

So bin ich also heute erstmal mit der Linie 1 gefahren, die in westlicher Richtung ja in die jüdischen Stadtteile (genauer sollte ich schreiben Siedlungen) die in Ostjerusalem, also nach Lesart des Völkerrechtes in besetztem Gebiet liegen. Zu Eurer Erinnerung: Ostjerusalem dasseit dem Palästinakrieg 1948 von Jordanien besetzt und 1950 annektiert wurde, bis Israel im Sechstagekrieg 1967 das Gebiet eroberte und 1980 durch das Jerusalemgesetz faktisch annektierte. An der Endhaltestelle habe ich mich ein wenig umgeschaut. Die jüdischen Stadtteile schauen halt ganz anders aus als die palästinensischen. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass die Jerusalemer Stadtverwaltung, die palästinensischen Stadtteile in allem benachteiligt: 

In einem Beitrag des Ökumenischen Rates der Kirchen heißt es dazu: https://www.oikoumene.org/de/news/in-east-jerusalem-people-need-to-understand-what-happens-when-settlements-are-built

Für die 380.000 Palästinenserinnen und Palästinenser, die in Ostjerusalem leben, ist der Alltag oftmals getrübt durch die Benachteiligungen in Bezug auf so ziemlich alle Aspekte des Lebens – angefangen bei den Wohnungen, über das Gesundheitswesen, die Kinderbetreuung bis hin zur Müllentsorgung. Auch wenn 39 % der Menschen in der Stadt Palästinenserinnen und Palästinenser sind, gibt es große Unterschiede bei den Dienstleistungen, die ihnen zur Verfügung stehen. (siehe auch das Stichwort: Ostjerusalem)

Dann habe ich auch noch den wunderbaren Mahane-Yehuda-Markt besucht, der allerdings im Westteil der Stadt liegt. Spätestens hier denkt man überhaupt nicht mehr an einen Gazakrieg oder an die Situation der Palästinenser. Es gibt alles was das Herz begehrt. Ich habe ja schon öfters vom Markt geschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/Mahane_Yehuda_Market

Siehe auch hier das Stichwort: jüdischer Markt

Zum Schluss des Tages habe ich mich noch mit Pater Simeon im Cafe der Dormitio-Abtei getroffen. Wir hatten vor Beginn der abendlichen Vesper noch ein wenig Zeit zu plaudern. Ich habe ihn ja erst in den letzten Jahren etwas näher kennengelernt, vorher war mein Kontakt eher mit Pater Elias, Pater Matthias oder auch Pater Jonas. Simeon ist der Organist der Abtei, aber auch für die kulturellen Veranstaltungen verantwortlich. „Da neben“ begleitet er als „Novizenmeister“ einen jungen Mann, der als Novize auf dem Weg zum Mönch ist.

Pater Simeon

Derzeit sind 5 Mönche in der Dormitio. Das es ein relativ kleiner Konvent ist, kommt der derzeit, wirklich kleinen Pilgerzahl entgegen. Früher (noch vor Corona) mussten manchmal an einem Tag bis zu 25 Gruppen „betreut“ werden, dass sieht jetzt zurzeit ganz anders aus.  Die allgemeine Situation in der Region beschreibt Simeon als „verhärtet“ gerade seit dem 7. Oktober. Er sieht derzeit wenig Möglichkeit die auf Entspannung, ja gar auf Gespräche zwischen Palästinensern und Israelis hinweisen, die zu einem Frieden führen könnten. Eher sieht er eine gegenteilige Entwicklung, die auch durch die Wahlen in der nächsten Woche sich nicht wirklich verändern werden.

Er persönlich hat die sechs Wochen iranische Raketenangriffe im März/April als besonders einschneidend erlebt, obwohl er sich des Privilegs bewusst ist, dass er mit seinem Konvent die Möglichkeit hatte Schutzräume aufzusuchen, im Gegensatz zu den meisten Palästinensern hier in Ostjerusalem oder auch im Westjordanland.

Nachdem Gespräch haben wir noch gemeinsam mit den anderen Mönchen und wenigen weiteren Besucher: innen, die Vesper gesungen. Für mich sind die Gebetsstunden bei den Mönchen, die ich seit 1990 kenne, Labsal und Meditation.

Ein schöner Abschluss eines doch ganz entspannten Tages 

Für mich immer wieder ein „Blickfang“: die Strassenbahnbrücke am zentralen Busbahnhof

Tageszitat (21. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“ 

Das Gebot der Feindesliebe gehört zum Wesen des christlichen Glaubens…Den Feind zu lieben bedeutet nicht, alles von ihm zu erdulden. Es bedeutet nicht, tatenlos dem Unrecht zuzusehen, und auf keinen Fall, sich an den „Feind“ und seine Taten zu gewöhnen oder gar mit ihm zu kollaborieren. Den Feind zu lieben bedeutet, den Konflikt mit ihm weder zu verharmlosen noch zu vertuschen, sondern die darin enthaltene Spannung auszuhalten, ohne sich vom Hass leiten zu lassen. Die Unrechtstaten des Feindes soll man nicht lieben, wohl aber den Menschen.

Mitri Raheb

Raheb ist langjähriger Befürworter und Verfechter einer friedlichen Form des Protests mit Hilfe der Kunst, die er „kreativen Widerstand“ nennt. Er ist die treibende Kraft hinter mehreren christlichen Netzwerken und Bewegungen, die darauf abzielen, alle Teile der Zivilgesellschaft in Palästina zu stärken und das weltweite Bewusstsein für das Leiden der Palästinenser zu schärfen. Rahebs Botschaft dabei ist, Friede sei etwas, über das man nicht reden sollte, sondern dass man aktiv in die Welt bringen müsse; nötig seien „peacemakers“ (Friedensschaffer), nicht „peace talkers“ (Friedensredner) aus wikipädia

ach ja nächste Woche, am Dienstag, wird gewählt

und noch ein Hinweis: da ich morgen nicht in Jerusalem übernachte, und meinen Laptop nicht mitnehmen kann

werde ich beide Tagesberichte (von morgen Donnerstag und auch von Freitag) erst am Freitagabend schreiben können

ich hoffe auf euer Verständnis

Über Marius S. 421 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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