We shall over come

Heute nun bin ich wieder auf dem Weinberg gewesen, alle die meinen Blog nicht zu ersten Mal lesen, weiß, dass mein erster Besuch auf dem Weinberg, im Frühjahr 2012, letztlich mein nun schon 14 Jahre dauerndes Engagement für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina begründet hat. Hier geht es zu meinem ersten Blogbeitrag im April 2012. https://marius-blog.de/blog/der-erste-tag/

Heute nun bin ich, wie gestern, wieder mit dem palästinensischen Bus 231 ab dem Damaskus Tor gestartet, und ohne Probleme in einer ¾ Stunde bis zur Endhaltestelle gefahren. Dort holte mit Daher, auch ihn kennen alle, die meinen Blog kennen (für andere bitte die Stichworte Weinberg oder Tent of Nations drücken), er ist der mittlerweile 71-jährige Bruder von Daoud. Er holte mich mit einem absoluten Oldtimer ab: ein Peugeot aus den 80 ziger Jahren, ein tolles Gefährt. Da die direkte Zufahrt über die Straße 60 seit dem 7. 10.23 nicht mehr möglich ist, mussten wir über „die Dörfer“, Hussain und Nahalin. Unterwegs zeigte mir Daher insgesamt sechs neu eingerichtete Schranken, die wohl öfters vom israelischen Militär geschlossen werden, so dass oft stundenlang eine Weiterfahrt verhindert wird.

Am Eingangstor der Farm angekommen fiel direkt eine weitere Sperre (Schranke) auf, die den Weg zu Straße 60 verhindert. Auch waren dort 2 israelische Fahnen aufgehangen, außerdem, wohl gerade in den letzten tagen durch Palästinenser (!) angebracht 2 Kameras, gerichtet auf das Gelände des Weinberges. Ich war also schon gut eingestimmt, auf das, von dem ich in den letzten Monaten schon vielgehört hatte: die Siedler sind direkt am Zaun des Geländes der Familie Nassar „angekommen“

Aber dann begegnete ich zunächst einer großen Gruppe von sicherlich 20 Freiwilligen aus (wirklich) aller Welt (Niederlande, Kalifornien, Italien England und auch 2 Deutsche), sie waren gerade bei einer Tee/Kaffepause versammelt. Schon war meine Stimmung „aufgefrischt“, ja hoffnungsvoll. Auch davon hatte ich gehört, dass es immer wieder große Gruppen von Freiwilligen gibt, die Wochen, oft auch monatelang hier auf dem Weinberg mit Arbeit verbringen, für die Familie Nassar eine große Motivation, aber eben auch für das Überleben dieses einzigartigen Friedensprojekt ein nicht zu unterschätzender Schutz.

Laut einem Tagesplan, war heute vor allem Olivenernte angesagt, aber auch der Anstrich eines großen Tores mit…ja grüner Farbe, so wie ich auch im April 2012 viel mit dieser Farbe gestrichen habe. So sah man überall an den so zahlreichen Olivenbäumen, die freiwilligen mit Eimer „bewaffnet“ Oliven ernten. Andere waren zum Kochdienst oder säubern der sanitären Räume eingeteilt. Zum Mittagessen traf man sich dann wieder im Gemeinschaftsbereich. 

Beim Mittagsessen stimmte dann einer aus der Gruppe das bekannte Bürger- und Protestlied: „We shall over come“ an „Wir werden es (eines Tages) überwinden, welch eine Stimmung, „Gänsehautfeeling“

Eine Nachricht hat allerdings in dieser Woche die Stimmung, vor allem bei der Familie Nassar, „getrübt“

Am 8. Oktober 2026, nach dreijährigen Anhörungen und 35 Jahren vor israelischen Militär- und Obersten Gerichten, lehnte der Militärausschuss der Zivilverwaltung den Antrag der Familie Nassar auf Eintragung ihres 427 Dunam großen Grundstücks südwestlich von Bethlehem ab. Der Ausschuss lehnte den Antrag der Familie mit der Auflage ab, dass sie nicht nur ihre eigenen 427 Dunam Land, sondern auch alle umliegenden Grundstücke benachbarter Eigentümer registrieren müsse, was insgesamt etwa 1.000 Dunam umfasst.  Sie sollen gezwungen werden, Land zu registrieren, das ihnen nicht gehört.

Es ist, mal wieder ein „Trick“ der Militärbehörde, die, so hat man den Eindruck, letztlich gar nicht daran interessiert ist, das Gelände, dessen Kaufnachweis vorliegt, als Besitz der Familie anzuerkennen.

Derzeit bereitet Daoud mit seinen Anwälten ein Briefing für die Politik vor. Wer da bei „seinem“ Abgeordneten aktiv werden will, meldet sich bitte bei mir mit einer Mail: mariusstark@gmx.de

Ja ich habe es auch heute wieder verspürt, dieser Weinberg ist ein magischer Ort, dieser Ausblick, dieses Naturerleben pur, in Verbindung und in der Gemeinschaft so vieler Gleichgesinnter, die an dieses einzigartige Friedensprojekt glauben: 

„Wie weigern uns Feinde zu sein“

Tageszitat (20. Oktober) aus „Recht ströme wie Wasser“ 

Die Shoah ist wie ein Ozonloch. Nicht zu sehen, aber immer präsent, abstrakt, aber folgenschwer. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass die Shoah zu einer theologischen Stütze der modernen jüdischen Identität geworden ist und eine der größten Herausforderungen für das jüdische Volk in der Moderne darstellt.

Avraham Burg
(geb. 19. Januar 1955 in Jerusalem) ist ein prominenter israelischer Autor, Denker und ehemaliger Spitzenpolitiker. Er gilt als eine der profiliertesten und streitbarsten Stimmen der israelischen Linken und Friedensbewegung

Über Marius S. 420 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

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