Mit diesem Blogeintrag möchte ich die aktuelle Berichterstattung beenden. In Ergänzung zu meinem Reisebericht der letzten 10 Tage, möchte ich im Folgenden Frauen und Männer aus meiner Reisegruppe zu Wort kommen lassen. Durch diese persönlichen Anmerkungen wird – wie ich finde – mehr als deutlich wie vielschichtig unsere Reise war und welche unterschiedlichen Eindrücke sie hinterlassen hat. Für mich sind diese Äußerungen eine Bestätigung (und ein wenig auch „Lohn“ für manche Anstrengungen) eine solche Reise mit diesem speziellen Programm anzubieten.

  • Die Reise war sehr interessant. Wertvoll waren die Begegnungen mit den Frauen in Palästina, mutige Frauen! Aber auch die Reiseleiterin auf der israel. Seite zeigte in ihren Äußerungen, wie gespalten das Land ist.

    Siedlungsbau auf palästinensischem Grund und Boden

  • Die Reise hat uns neben vielfältigen Eindrücken zahlreiche neue Informationen und Einsichten geliefert. Wir haben die Illusion, dass wir dieses geschichtsträchtige Land und seine Bewohnern etwas besser verstehen und Nachrichten besser ein- und zuordnen können. Die Höhenunterschiede im Land – sozial wie geografisch- sind beträchtlich. Die häufige Kargheit der Natur, aufgelockert von Olivenbäumen, Dattelpalmen und den prächtig blühenden Begonvillas ist beeindruckend. Die Wasser- und Umweltsituation dagegen bedrückend und die Schutzmauer erschreckend. Der touristische Rummel um die biblischen Stätten ernüchternd, der Blick auf den See Genezareth bezaubernd. Die kleine Wüstenwanderung und das Kloster Mar Saba eindrucksvoll, die Souks voller lärmender Aktivität, das Essen köstlich. Die feudalistisch-patriarchalische-religiöse Gesellschaftsorganisation auf beiden Seiten in ihrer Rückschrittlichkeit gegenüber den Errungenschaften der Aufklärung ist beängstigend. Yad Vashem  war ein emotionaler Hammer, die tägliche Repression in den A-B-C-besetzten Gebieten der bleierne Nebel, der über dem palästinensischen Alltag liegt. Die Handvoll Gespräche mit palästinensischen Aktivisten informativ, mit den beiden Mönchen kontemplativ, mit unseren jüdischen Reiseführerinnen staatstreu. Das Programm der Reise war dicht, aber nicht anstrengend. Außer den Soldaten an Checkpoints haben wir Muslime, Juden und Christen in dem Land als sehr freundlich erlebt, wiewohl die ultrafrommen Juden und die Sameritaner auf uns irritierend wirkten. Dass die Bibel als „Grundbuch“ verstanden wird, obwohl sie dazu nicht taugt, haben wir gelernt und auch dass die Mächtigen dieser Welt das Land Palästina im Stich gelassen haben und lassen. Wir hoffen auf den politischen Willen zu einer gerechten, menschenfreundlichen Lösung für alle Bewohner des Landes.

    Eingang in die Zone A
    für jüdische israelische Staatsbürger ist das Betreten verboten

  • Ich habe vorher viel gelesen, war aber dann trotzdem schockiert über die Realität der Mauer, der Check-Points und die Anwesenheit der Soldaten an Stellen, wo sie eigentlich gar nicht sein dürften. Die Gespräche mit palästinensischen und israelischen Aktivisten haben mich sehr beeindruckt. Und dass sie bis auf Daoud Frauen waren, verwundert mich schon ein wenig in einem Land, in dem die Frauen oft eine untergeordnete Rolle spielen. Das die Israelis die Bibel als Katasteramt missbrauchen hat mich wütend gemacht. Die Mehrzahl der religiösen Stätten waren viel zu überfüllt, um irgendetwas innerlich mitzunehmen. Das Land ist wunderschön in all seinen Gegensätzen. Auch das Wetter hat gepasst.
    Rundum: Meine Erwartungen wurden übererfüllt!
  • Die Reise war perfekt. Mein Erschrecken über die Situation der Palästinenser und die archaischen Strukturen sowohl bei den Großfamilien und Clans herrschen noch vor. Die Dankbarkeit, an dieser Reise teilnehmen zu können, die Gruppendynamik, die vollkommen war, die vielen Hände, die immer da waren, wenn ich Hilfe brauchte helfen mir, die Tragik der Region zu ertragen.
  • Ich bin noch ganz überwältigt von den vielen so unterschiedlichen bewegenden und auch teilweise ärgerlichen Eindrücken während unseres Palästina-Israel-Aufenthaltes, dass ich erst einmal Zeit brauche, das Erlebte zu sortieren und zu verarbeiten. Ich kann nur sagen, dass mein Blick auf Israel-Palästina differenzierter geworden ist, sozusagen etliche Nuancen dazugewonnen hat.

    mitten in der Wüste:
    Kloster Ma Saba

  • 1977 und 1981 waren wir zum ersten mal in Israel/Palästina. Das so schöne Land ist nach vierzig Jahren kaum wiederzuerkennen: Zersiedelt, dicht bevölkert, von Grenzen und Checkpoints, von Mauern aus Beton und Mauern aus Vorurteilen, Hass und Ignoranz zerstückelt, von Blechlawinen gequält, von Strömen von Touristen und Pilgern heimgesucht, von ökologischen Katastrophen (u.a. Verdunstung des Toten Meeres!) gezeichnet. Unsere Gesprächspartnerinnen und – Partner wirkten da wie Lichter in der Dunkelheit: Wir denken dabei vor allem an Roni Hammermann, an Fatima, an Faten Mukarker, an die Ordensschwester im Kinderheim La Crèche, an Daoud Nasser und seinen Mitarbeiter auf dem Weinberg!
  • Die Kontakte mit den Menschen im besetzten Westjordanland hatten eines gemeinsam: Die Menschen, bei denen wir waren, resignieren angesichts der Realität der Besatzung  nicht, sondern versuchen, sich Handlungsmöglichkeiten zu schaffen und ihr Leben zu gestalten. Am deutlichsten wird das natürlich bei Daoud Nassar und seiner Familie, aber auch bei Faten Mukarka. Und wenn man dann noch berücksichtigt, welche traditionellen kulturellen Einschränkungen sie überwinden müssen, kann man ermessen, welche Kraft sie aufbringen müssen, um ihr tägliches Leben für sich und für diejenigen, um die sie sich kümmern, zu bewältigen – am deutlichsten wurde mir das bei „La Créche“ und bei Nabila Espanioly und natürlich bei Fatima.

    Aufnahmestelle für „nicht gewollte“ und „nicht gedurfte“ Säuglinge: Le Cre’che

    Warum es sich ausnahmslos um Frauen handelt, kann ich nur vermuten: Die Männer sind unter großem Druck, sich „wohl zu verhalten“ und nicht aufzufallen, weil sie befürchten, z.B.  ihr Visum (für Israel) oder ihre Arbeitserlaubnis zu verlieren oder in Administrationshaft genommen zu werden und dann ihre Familie nicht mehr ernähren und beschützen zu können  – was in der arabischen Gesellschaft für einen Mann eine Katastrophe ist. Daher tun die meisten Männer alles, um nicht aufzufallen. Etwas anderes ist es allerdings bei den jungen Männern, die noch keine Familienväter sind.

  • So ein widersprüchliches Land voller Zerstörungs- und Hoffnungsgeschichte. Dass das Wohltuende und das Schreckliche so intelligent von Dir ineinander verwoben worden ist, zeigt Deine profunde Kenntnis der allgemeinen Lage und der Menschen in Israel/Palästina und ihrer kulturellen und natürlichen Schätze.
    Diese Reise war eine echte Herausforderung. Immer wieder haben wir bei allen Begegnungen intensiv nachgefragt, um das Leben und Engagement der Menschen besser zu verstehen. Und je mehr wir nachgefragt haben, desto schmerzhafter und entsetzlicher erschien mir das manchmal die Situation – der Palästinenser, wie z.T. auch der Israelis – und um so bewundernswert der leidenschaftliche Einsatz für Gerechtigkeit und Verbesserung der Lebensverhältnisse.
    Ich habe mich nicht überfordert gefühlt, weil es immer wieder etwas Schönes zu sehen gab: das quirlige Leben der Araber im Suk, antike Architektur, grüne Landschaften, die Kargheit der Wüste.
    Ich habe mich nie unsicher gefühlt, obwohl mir eine Eisenstange im Wartehäuschen der Busstation in Nablus eine weitere Falte in meine Stirn geprägt hat. Aber ohne Verletzung und Schaden kommt man vielleicht nur aus dem Land, wenn man sich einer traditionellen Pilgerfahrt anschließt. Hinsehen tut nun mal weh.
    Am Ende hatte auch das Mosaik eine Macke (rechts oben halten zwei Steine nun mit Tesafilm). Nun, die Sachen in meinem Koffer waren halt etwas durcheinander nach der gründlichen Inspektion.Soweit die Einschätzungen und Gefühle meiner Gruppenmitglieder.

Wie schon angekündigt werde ich – Inch Allah – im Frühjahr (März/April) mich wieder auf machen frei nach dem Grundsatz:

Komm und sieh und berichte darüber