Nun sitze ich mal wieder nach einem langen Tag an meinem PC und denke wie schwer ist es auch heute wieder, dass  Gesehene und Erlebte in (möglichst „überschaubare“) Worte zu fassen. Ich will es versuchen.

Am Morgen haben wir dem allseits bekannten Weinberg der Familie Nassar einen Besuch abgestattet. Nachdem ja gestern das Wetter ganz „leidlich“ war, hatte es sich heute im Laufe des Vormittags wieder zugezogen. Auf dem Weinberg ging ein mächtiger unangenehmer kalter Wind, Gott sei dank war es (zunächst) trocken.

trotz derzeit schlechtem Wetter, der Frühling kommt auch auf dem Weinberg

Zum Weinberg habe ich schon sooo viel geschrieben, (siehe auch die Links am Anfang des Textes, deshalb will ich von dem berichten, was mir am Vortrag von Daoud, der unsere Gruppe in Empfang genommen hatte, neu und besonders war.

Schon zu Hause hatte ich davon gehört das in der letzten Woche mal wieder ein „Abrissbefehl“ auf dem Gelände gefunden worden war. Es war das 31. Mal, dass auf diese unglaubliche Art und Weise ein gerichtliches Dokument einfach irgendwo hinterlegt wurde. Nun ist aber zum ersten Mal genau das passiert, was der Absender mit dieser Art der „Hinterlegung“ beabsichtigt…eben das der Adressat das Dokument nicht so rechtzeitig findet um  gegen den Bescheid innerhalb von 45 Tagen Widerspruch einlegen zu können. Der aktuelle Abrissbefehl stammt vom 16. Dezember 2018, die Einspruchsfrist war Anfang Februar abgelaufen. Theoretisch könnte also jetzt an jedem Tag die mehr als 2.000 Weinstöcke (und denen galt der Abrissbefehl!!), die vor 2 1/2 Jahren gepflanzt wurden, zerstört werden. 

Daoud Nassar

Daoud ging auch noch einmal auf die letzte große Baumzerstörung im Mai 2014 ein. Damals wurden im Tal durch das Militär Hunderte von Obstbäumen zerstört, darunter zahlreiche Aprikosenbäume deren Früchte kurz vor der Ernte standen. Dmals hatte die Familie Nassar gegen diesen willkürlichen Akt vor Gericht auf Widergutmachung und Schadensersatz geklagt, der Schaden wurde damals auf mehr als 100.000 Dollar geschätzt. Damit ihre Klage bei Gericht angenommen werden konnte, mussten sie dort 7% des Streitwertes (also 7.000,- Dollar) bezahlen. Außerdem kamen Gutachter- und Anwaltskosten von 15.000,- Dollar hinzu. Sie haben also neben dem materiellen und körperlichen Schaden Geld zahlen müssen. Bis heute, fast 5 Jahre nach diesem Vorfall haben sie nichts mehr vom Gericht gehört.

Ganz allgemein zur Situation der Palästinenser meinte Daoud, dass oft die täglichen Provokationen in Form von Erniedrigung und Schikanen eine ganz bewusst gestellte „Falle“ seien, damit wir entweder gewalttätig reagieren oder eben so mürbe gemacht werden das wir unser Land verlassen. Das es den jüdischen Israelis verboten sei, die Städte der Zonen A zu betreten (auf den roten Schildern am Eingang der Zonen steht als Grund etwas von Lebensgefahr!) betrachtet Daoud als Maßnahme damit das „Feindbild“ aufrecht erhalten bleibt.

Meinen letzten Blogbericht bei meiner Reise im Herbst 2018 habe ich überschrieben mit „Ein Leuchtturm“ für ganz Palästina. Gemeint war damit das Friedensprojekt „Tent of Nations“, für dessen beispielhaftes gewaltfreies Engagement Daoud Nassar, neben 14 anderen herausragenden Persönlichkeiten weltweit, der deutsche und der französische Staat den Menschenrechtspreis 2018 verliehen hat. Hier der Text der Laudatio:

Der 1970 geborene Aktivist Daoud Nassar setzt sich seit fast
20 Jahren mit seiner Nichtregierungsorganisation „Tent of Nations“ für die Verständigung zwischen Israelis und Pa- lästinensern ein. Auf dem Weinberg seiner Familie nahe Bethlehem betreibt er eine Fort- und Weiterbildungsstätte. Dort sensibilisiert er Besucher und Gäste für Fragen der Landenteignung und für die Auswirkungen des israelischen Siedlungsbaus auf Palästinenser, die im sogenannten „C- Gebiet“ des Westjordanlandes leben. Der Dialog mit Israelis und Palästinensern hilft dabei, mehr über die Situation der „anderen Seite“ zu erfahren. Das Leitmotiv seines Projektes mit dem Namen „Wir weigern uns Feinde zu sein“ hat dabei eine wichtige Signalwirkung. Viele israelische und internationale Freiwillige arbeiten in den Erntemonaten auf dem Weinberg seiner Familie. Durch seinen jahrzehntelangen Einsatz lebt Daoud Nassar vor, wie selbst unter widrigen Bedingungen eine Bleibeperspektive in diesen Gebieten erhalten werden kann.

Preisverleihung im Dezember 2018 mit Vertretern des deutschen Büros in Ramallah und der Familie Nassar

Im Anschluss an unseren Besuch auf dem Weinberg haben wir uns in das nahegelegene Dorf Battir gemacht. Auch von diesem Dorf habe ich schon im letzten Jahr berichtet. Es ist ein landschaftlich wunderschön gelegener Ort, der auch deshalb bekannt geworden ist, weil israelisch und palästinensische Umweltschützer erreicht haben, dass ein lange gehegter Plan der Militärverwaltung, quer durch die weltbekannten Wasserterrassen (seit 2014 auch UNESCO-Weltkulturerbe) die Mauer zu bauen, auf ihre Initiative hin durch das obersten israelischen Gericht untersagt wurde. In diesem Zusammenhang möchte ich kurz berichten, über die aktuelle Auseinandersetzung zwischen Israel (USA) und der UNESCO.

Wasserterrassen von Battir: UNESCO Weltkulturerbe


Seit 2014 ist Palästina Mitglied in der UN (Kultur-)Organisation UNESCO.
Die ist die Organisation der Vereinten Nationen die für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständig ist und auch besondere Orte in aller Welt zu „Weltkulturerbe“ erklärt. Nachdem bereits 2014, kurz nachdem Palästina als Mitglied aufgenommen wurde, die Geburtskirche in Bethlehem diese besondere Auszeichnung bekam und im folgenden Jahr auch die Wasserterrassen von Battir mit dieser Auszeichnung geehrt (aber auch geschützt ) wurden, hat die im Jahr 2017 erfolgte Ehrung der Altstadt von Hebron (einschließlich der Abrahams-Moschee) vor allem bei der Regierung in Israel (aber auch in den USA) für große Aufregung und letztlich zum gemeinsamen Austritt aus diese UN-Kommission geführt, der zu Beginn dieses Jahres nun vollzogen wurde. In einem Beitrag von DLF-Kultur werden die Hintergründe dieser Auseinandersetzung genauer „beleuchtet“.

dieser große Wasserspeicher speist das Bewässerungssystem der Terrassen

Leider hat es in Battir ganz fürchterlich angefangen zu regnen, so dass wir mehr als drei Stunden im einzigen örtlichen Restaurant „festsaßen“. Als wir endlich diesen Ort verlassen konnten, kamen uns Sturzbäche und Schlammfluten auf der Straße entgegen, wirkliche Naturgewalten die wir hier und heute erlebten.

Zum späten Nachmittag haben wir noch Schwester Rosa in ihrem Kloster im schönen Artas-Tal besucht. Nachdem sie uns die Kirche gezeigt und von ihren Aktivitäten hier vor Ort erzählt hatte, u.a. bieten sie einen Kindergarten für die vielen muslimischen Kinder des benachbarten Dorfes Artas an, gab sie uns noch etwas grundsätzliches mit auf den weiteren Weg hier in Palästina aber auch für den weiteren Lebensweg ganz allgemein. Wir sollten möglichst immer zum „Kern“ vorstoßen. Nicht die Gebäude, oder die vielen Details, die wir auf so einer Reise sehen und wahrnehmen sind ausschlaggebend, es komme immer auf den Kern an. Den sollten wir immer suchen, auf den sollten wir uns immer konzentrieren. Für sie als religiöse Frau ist es alles was mit Gott zu tun hat. In dem sie gegenüber ihren Mitmenschen, egal welchen Glaubens, immer versucht als menschliche Christin eine gute Botschafterin des christlichen Glaubens wahrgenommen zu werden, hofft sie auch ihren Mitmenschen Gottes Güte und Liebe zu vermitteln.

das wunderschöne Kloster „zum verschlossenen Garten“ (Hortus Conclusus)

Ich hatte es glaube ich schon einmal beschrieben, über welch tolle Stimme Rosa verfügt. In der Kirche hat sie uns mit glockenreiner Stimme das weihnachtliche Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ vorgesungen, es war wunderbar. Schwester Rosa ist aber nicht nur eine tolle Sängerin, eine gläubige Frau, ein quicklebendige Argentinierin sie hat auch erzieherische Kompetenzen. Sie erzählte uns, dass einige Bewohner von Artas, an der Krankenstation, die nahe am Kloster gelegen, zur medizinischen Erstversorgung der Dorfbewohner, genutzt wird, Müll abgeladen haben. Als Konsequenz hat sie die Krankenstation geschlossen, bis die Bewohner den Müll beseitigt haben.

Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Wer seinen Freund zu Unrecht verdächtigte, soll ihn gleich um Verzeihung bitten.   (Talmud – Bavli Berachot 31)