Am letzten Tag meiner Gruppenreise im Herbst 2016 habe ich die Kinderkrippe der Heiligen Familie in Bethlehem besucht. Das Schicksal der dort aufgenommenen Kinder – Waisen, Ausgesetzte und Ausgestoßene – hat die Gruppe und auch mich zutiefst berührt.

Gestern habe ich mit Emad und Anja, einem in Deutschland lebenden palästinensischen Arzt und seiner deutschen Frau, die derzeit auch zu Besuch in Palästina sind, erneut das von den christlichen Schwestern des Ordens der Vinzentinerinnen     betreute Kinderbetreuungseinrichtung La Chreche besucht. Emad hatte sich in einem Kommentar zu meinem Blogbericht 2016 vom zutiefst erschüttert gezeigt und wollte sich nun selbst ein „Bild“ machen.

ein unscheinbarer Eingang mitten in Bethlehem

Wir wurden von Schwester Denise empfangen die uns über die Arbeit ihrer Einrichtung berichtete. Einen Überblock zur Geschichte der Einrichtung gibt es hier. Insgesamt werden hier etwa 120 Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren betreut. Die meisten werden durch die örtlichen Sozialbehörden vermittelt. Die Gründe sind vielfältig. Oft sind es Kinder aus mittellose Familien die in derart prekärer Situation leben, dass die Eltern unfähig sind, ihre Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, diese oft auch misshandeln. Doch es wird immer versucht, dem Kind eine Nähe zu seiner Mutter zu erhalten.
Ein Drittel der Kinder kommt direkt zur Krippe, von Nachbarn vor irgend einem Haus ausgesetzt, von der Polizei auf einem Feld gefunden oder auch gleich auf der Türschwelle der Krippe deponiert. Neugeborene, die nach vergeblichen Abtreibungsversuchen ausgesetzt worden sind. Diese Fälle erfordern vorerst eine Suche nach der Identität des Kindes und seiner Mutterschaft, in der Regel ein äußerst schwieriges Unterfangen. Hinzu kommen die Fälle in denen sich junge (schwangere) Opfer – von oft familiärer Vergewaltigung – hilfesuchend an die Schwestern wenden. Oft sind sie von der Familie bedroht sind – meistens eine Überlebensfrage. Hilfsweise wird auch schon mal „ bei suchtbarer Schwangerschaft“ eine Inhaftierung „zum Schutz organisiert“. Wohl gibt es mittlerweile in Beit Sahur ein erstes „Frauenhaus“ ,allerdings kann der wirkliche Schutz dort nicht gewährt werden. Hinzu kommt, dass es auch hier natürlich auch Frauen gibt die vor der Gewalt ihrer Männer in diese Einrichtung flüchten.

Hier kann auch geträumt werden

Wenn die Kinder volljährig sind werden sie ganz allgemein darüber informiert, dass sie aus einer Beziehung stammen, die nicht bekannt werden darf.
Sie bekommen eine völlig neue (Namens-) Identität. Aber genau das ist mit ein Grund, das hier eine Adoption so schwierig (fast unmöglich) ist, denn muslimische Familien wollen die „Stammdaten“ genau wissen bevor sie ein Kind aufnehmen.

Warum der Namen der Mutter geschützt bleibt erzählte uns Schwester Denise am Beispiel

welche Zukunft haben sie?

eines Falles wo eine erwachsene ehemalige Bewohnerin des Kinderheimes ihre leibliche Mutter „gefunden“ hatte. Wochen nach dem ersten Treffen wurde sowohl die Mutter wie ihre Tochter ermordet. Überhaupt gibt es hier häufig so genannte „Ehrenmorde“ in die sich die Polizei nur wenig „einmischt“.
Natürlich wird sich hier in der Einrichtung intensiv um die Kinder gekümmert.
Die Neugeborenen werden entsprechend ihrem Gesundheitszustand und ihrem meist ungenügenden Gewicht medizinisch versorgt. Viele Kinder zeigen gravierende psychologische Reaktionen: Mutismus, Aggressivität und ähnliche Verhaltensstörungen, neuropsychologische Erkrankungen, Wachstumsstörungen …Kenner der Einrichtung sprechen von einem bewundernswertem Engagement aller die hier Tätig sind. Wir sprachen kurz mit einer jungen deutschen Frau die hier seit einigen Wochen als Volontärin mit hilft. Sie sagte uns dass das Wissen um das Schicksal dieser Kinder sie doch auch sehr belastet. Sie selbst habe eine schöne Kindheit gehabt und würde sich auf ihr zukünftiges Leben freuen.

Auch ein Trost:
die Geschichten des kleinen Prinzen

Auch gestern habe diese Einrichtung mit keinen guten Gefühlen verlassen. Natürlich ist man beeindruckt von dem liebevollen Engagement der dort Tätigen. Auch hat man den Eindruck das es materiell an wenigem fehlt, auch wenn die Schwester sagte das die Spenden gerade aus Deutschland, nicht zuletzt auch wegen der Flüchtlingshilfe im eigenen Land zurück gegangen sind. Es ist wohl die Ohnmacht die man spürt, Ohnmacht, weil man weiß, das der Hintergrund des Schicksales dieser kleinen Menschenkinder viel mit den starken Einflüssen der (oft falsch verstandenen) Religion zu tun hat. Aber um es klar zu sagen, dass ist nicht nur ein Problem hier in Palästina, nicht nur ein Problem in den muslimischen Staaten. Auch wir Christen fördern oft mit einer falschen Interpretation unserer Religion solches Verhalten auch bei uns. Der vielleicht einzige Unterschied in den westlichen Staaten ist: auch dem Täter (Vergewaltiger und Rachemörder), droht die Härte unserer Gesetze. Aber wie sagte am Sonntag Pater Nikodemus von der Dormitio-Abtei in seiner Predigt zum Palmsonntag: Jesus ist für alle Menschen gestorben, Gute und Schlechte, Rechtschaffene und Sünder.
Vielleicht ist dem geneigten Leser/Leserin dieses Bloges, neben der österlichen Gewissheit auch  der nachfolgende Spruch aus dem Talmud, der das heutige Tageszitat darstellt, im wahrsten Sinne ein kleines „Hoffnungszeichen“


Tageszitat aus „Recht ströme wie Wasser“

Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung.
aus Talmud (Jeruschalmi Berachot 89)