Gestern in Jerusalem: Mit Reuven in der St. Anna-Kirche

Kämpft für Frieden und Aussöhnung zwischen Juden und Palästinenser: Reuven Moskovitz

Vorgestern, am 27. Oktober wurde Reuven Moskovitz 86 Jahre alt. Ich habe in diesem Reiseblog schon von vielen Begegnungen mit ihm geschrieben, zuletzt am 17. und 19. Oktober, als wir ihm bei meiner Gruppenfahrt zweimal als kompetenten Reiseführer und Zeitzeuge gewinnen konnten. Es ist wirklich ein großes Geschenk mit ihm hier in seiner Heimatstadt Jerusalem und in dieser Region gemeinsame Stunden zu verbringen zu dürfen.

Auch hat er sich gestern, einen Tag nach seinem „Wiegenfest“, meiner Anfrage nicht verschlossen, mit zwei Berliner Ehepaaren und mir ein wenig durch die Altstadt von Jerusalem zu schlendern.

Höhepunkt unseres gestrigen Beisammenseins war sicherlich sein „Konzert“ mit der Mundharmonika in der Anna-Kirche. Die Kirche liegt nahe dem Löwentor, dem Ausgang aus der Altstadt der zum Ölberg führt. In dem Reiseführer wird besonders die Akustik der Kirche hervorgehoben „mit einem außergewöhnlich langen Hall“ Es würden immer besuchende Gruppen und Chöre dort singen. So war es auch gestern. Gruppen, Chöre aus aller Welt stimmten vor dem Altar der alten Kreuzfahrerkirche stimmungsvolle Gesänge an.

Reuven Moskovitz in der St.-Anna-Kirche
Reuven Moskovitz in der St.-Anna-Kirche

Und dann kam Reuven mit seinem kleinen Instrument. Hunderte von Besuchern schwiegen und hörten gebannt den wundersamen Weisen wie Dona Nobis Pacem oder seiner Intonierung des Psalmes 82:

Wie lange wollt Ihr noch das Recht verdrehen und für die Schuldigen Partei ergreifen?

“Verteidigt die Armen und die Waisenkinder, sorgt für das Recht der Wehrlosen und Unterdrückten, Befreit die Entrechteten und Schwachen, reißt sie aus den Klauen der Unterdrücker, aber Ihr seht nichts, und Ihr versteht nichts! Hilflos tappt Ihr in der Dunkelheit umher, und die Fundamente der Erde geraten ins Wanken.
Ich hatte zwar gesagt: Meine Söhne, Kinder der Götter seid Ihr, Söhne des Höchsten! Doch ihr werdet wie die Menschen sterben, wie unfähige Minister aus dem Amt gejagt.
Greif ein, Gott, regiere die Welt.”

In einem Rundbrief aus dem Jahre 2011 hat Reuven Moskovitz zu diesem Psalm ergänzt: 
Dieser Psalm ist sehr zutreffend für die gegenwärtige Situation in der Welt und in Israel. Leider sind die Machthaber unfähig einzusehen, dass sie nicht nur leichtfertig Millionen Menschen zum Sterben verurteilen, sondern dass sie selbst auch aus dem Amt gejagt werden können. Der einzige Satz dieses Psalms, der meiner Meinung nach nicht zutreffend ist, ist der Schluss. Gott greift nicht ein und versucht nicht, die Welt zu regieren. In meinem Buch schreibe ich: „Wenn es Gott gibt, ist er nicht der Gott der jüdischen, christlichen oder moslemischen Fundamentalisten, sondern der Gott, der im Psalm 115, 15-16, beschrieben wird: „Ihr seid die Gesegneten des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Der Himmel ist der Himmel des Herrn, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben“. Abgesehen von Naturkatastrophen, entscheiden wir Menschen oder diejenigen, die sich anmaßen, die Menschen zu führen, was auf dieser Erde geschieht. In meiner Vorstellung zeigt sich die Größe Gottes in seiner Bescheidenheit und Verborgenheit.

Vor einigen Tagen hat Reuven einen neuen Rundbrief geschrieben, ich habe ihn unter Gastbeiträge in meinen Blog gestellt-

Möge Reuven, allen Menschen die guten Willens sind, mit seinem großartigen und ansteckenden Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in Israel&Palästina noch lange erhalten blieben.

Über Marius S. 355 Artikel
Seit dem Frühjahr 2012 habe ich die Möglichkeit, mir durch längere Aufenthalte im Westjordanland/Palästina, ein eigenes Bild von der aktuellen Situation im israelisch/palästinensischen Konflikt zu machen. Ich habe in dieser Zeit unter anderem aktiv im international bekannten Friedensprojekt "Tent of Nations" in der Nähe von Bethlehem (2012) und in einem Heim für alte und behinderte Frauen in der Nähe von Ramallah (2013) gearbeitet. Darüber hinaus habe ich seit dem verschiedene Gruppen bei Begegnungsreisen in Israel, Palästina und im Herbst 2015 auch in Jordanien begleitet. In vielen Kontakten mit palästinensischen und israelischen Menschen hatte ich die Möglichkeit, deren Gefühle und Einschätzungen zum Leben und zum Konflikt zu erfahren. Durch diese Erlebnisse und Erfahrungen vor Ort bin ich motiviert worden, mich auch hier in Deutschland für eine Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser einzusetzen. Vor diesem Hintergrund habe ich Kontakt mit der Nahost-Kommission von pax christi aufgenommen und bin seit 2013 dort Mitglied.

2 Kommentare

  1. alles total interessant und wichtig, was du schreibst, lieber Marius.
    Hoffentlich kannst du es wertschätzen, wenn du inmitten des Konfliktes dich umschauen und nach Hoffnungsschimmern Ausschau halten kannst. Mach weiter! Ich freue mich über jeden Deiner Beiträge. Uli

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