An und für sich wollten wir heute an einer Informationstour der Gruppe Machsom Watch teilnehmen. Roni Hammermann sprach letzte Woche davon, dass diese Tour an die „Nahtstellen“ gehen würde, nämlich die Orte in Palästina, wo die Menschen durch den Zaun/Mauer von ihren Feldern getrennt sind. Hier kann es dann vorkommen, dass der Checkpoint morgen nur zu einer bestimmten (kurzen) Zeit geöffnet wird, dann erst wieder am Abend. Oft eben auch gar nicht, also eine totale Abhängigkeit von den „Launen“ der israelischen Besatzer. Gestern bekamen wir von den Veranstaltern die Nachricht, dass vor dem Hintergrund der vielen Unruhen in der Westbank, wegen der schlimmen Vorfälle an der Grenze zum Gazastreifen, man sich aus Sicherheitsgründen entschlossen habe, die Tour nicht durchzuführen. Schade aber doch sehr nachvollziehbar.
Machsom Watch (MW) hatte mir im Vorfeld mitgeteilt, dass auch viele Israelis an dieser Tour teilnehmen, für viele das erste Mal das sie die Region der Westbank besuchen. Durch die Erlebnisse motiviert haben sich anschließen viele zur Mitarbeit bei MW entschlossen.

schöne, fruchtbare Landschaft auf dem Weg nach Hebron

Spontan haben wir uns dann heute entschlossen, den vor einigen Tagen geplanten Besuch in Hebron (den wir am Tag nach den Vorfällen an der Gaza-Grenze ebenfalls aus Sicherheitsgründen abgesagt hatten) heute nachzuholen. Mit einem Service-Taxi sind wir dann von Bethlehem in einer guten halben Stunde nach Hebron gefahren. Auch hier weiß der/die regelmäßige Leser/in, dass ich schon sehr oft in dieser größten Stadt in der Westbank war, die so sehr geprägt ist von täglichen Auseinandersetzungen zwischen den 7-800 Siedlern und den dort lebenden Palästinensern. Es fängt immer so unspektakulär an. Man erreicht eine große Stadt die geprägt ist von vielen Autos, Geschäften und eben vielen, vielen (oft junge) Menschen. Und dann kommt man an die stelle wo es plötzlich anders wird, wo die Geschäfte geschlossen sind wo man durch einen stark gesicherten Checkpoint muss und dann steht man gefühlt in einer „Geisterstadt“.

der Eingang zur Altstadt von Hebron heute militärisch gesichert

Wir hatten uns zunächst mit Mitgliedern der Gruppe „Youth Against Settlemans“ verabredet. Wir sprachen mit dem Bruder des auch in Deutschland bekannten Aktivisten Issa Amro, Achmed. Issa ist wegen einer schweren Erkrankung zur Behandlung in Malaysia.Er wurde vor Jahren von den Vereinigten Nationen zum „Menschenrechtsverteidiger des Jahres“ gewählt. Issa war Ende letzten Jahres wegen (gewaltfreier) Protestaktionen inhaftiert worden. Nach weltweiten Interventionen (auch in Deutschland hatte Amnesty zu einer Briefaktion aufgerufen), wurde er nach einigen Wochen wieder entlassen.

Derzeit liegen wohl 18 Anklagen gegen ihn vor. Das Büro der Gruppe „Youth Against Settlemans“ liegt nicht weit entfernt von der Wohnung eines Mannes, er hieß Hashem Azzeh, den ich im Herbst 2014 mit meiner Gruppe gelernt hatte, und der mittlerweile durch einen Tränengas-Angriff qualvoll erstickt ist.

gleich geht es los

Wir haben uns dann in die Altstadt begeben, dort wo der Weg zur Abrahams-Moschee führt. Hier war alles anders als ich es bisher erlebt habe. Unglaublich viel Militär, Soldaten mit Hunden, die (was weiß ich) erschnüffeln sollten. Alle Meter waren Soldaten positioniert. Außer uns dreien gab es so gut wie keine Fußgänger. Irgendwann trafen wir eine Gruppe junger belgischer Studenten, die auch ziemlich (verstört) beeindruckt waren. Irgendwann kamen wir an ein verschlossenes Tor vor dem massenhaft Soldaten standen. Irgendwann erfuhren das der Zugang zum Grab von Abraham (eben besagte Moschee) an den Feiertagen der Juden (das Pessach-Fest dauert eine Woche) geschlossen seine. Es wurden Sicherheitsgründe genannt, will soviel Juden in die ebenfalls am Abrahamsgrab gelegene Synagoge wollten.

verschlossen war das Tor

 

Aber das war noch nicht alles: Auf einmal kamen jeepartige Militärfahrzeuge durch die enge Altstadtgasse gefahren. In ihrem Gefolge eine große Gruppe – an ihrer Kleidung als Juden erkennbar- die wohl in einer Art Sightseeing-Marsch durch die palästinensische Altstadt geführt wurden. Ein Tour-Guide sprach durch ein Mikrofon. Hier und da guckte man sich die (wenige) ausgelegte Ware an.

Sightseeing

Natürlich war die Gruppe durch ein starkes Militäraufgebot begleitet. Später kamen wir an ein Tor, dort wartete schon die nächste Gruppe „auf Einlass“. Eine wirklich bizzare Situation die wir – als ja „Außenstehende“ –mit erleben mussten. Schaute man in die Gesichter der wenigen palästinensischen Geschäftsleute, sie sprachen „Bände“. Es war sie eine derart demütigende Situation, dass mir zur Beschreibung ihrer Blicke die Worte fehlen. Eine junge (ca 15 Jahre alte Israelin) fragte mich, wo ich denn her komme. Meine Antwort. „From Germany“ und was ich hier tue wollte sie noch wissen. Ich antwortete „I visit Israel and Palestine“

Ihre Antwort/Frage: „Where is Palestine“

Ich will es nicht weiter ausführen wie das Gespräch geendet ist. Auch ein Soldat meinte auf meine Frage, was er denn eigentlich hier in der palästinensischen Altstadt mache: „For you safety“.

Tourguide aus Israel

Da ich merkte, dass meine Stimmung (nach fast drei Stunden deprimierender Erlebnisse) immer mehr dazu neigte, laut und aggressiv zu werden, ob diesem offensichtlichen menschlichem Unrecht für die palästinensische Bevölkerung in der Altstadt, habe ich meinen beiden Begleitern vorgeschlagen, den Rest des Tages an einem warlich schönerem Ort zu verbringen. Interessant für mich war, dass etwa 1 km von der Altstadt entfernt, dass Leben weiter so war, wie wir es am Morgen bei der Ankunft erlebt hatten.

Kontrolle eines aus meiner Sicht harmlosen jungen Mannes der Waren brachte

Auf der Rückfahrt nach Bethlehem sind wir am Eingang des Artas-Tales aus dem Service-Taxi gestiegen. Dort haben wie eine schöne Wanderung an den Teichen von Salomon vorbei gemacht. Es handelt sich um drei riesige Zisternen, die angeblich Salomo für die Wasserversorgung von Jerusalem angelegt hat. Sie haben ein Fassungsvermögen von etwa 300.000 qm.

eine Zisterne ist leer

Wir sind durch das grüne Tal gewandert und kamen nach etwa 3 Kilometer am Kloster der „Verschlossenen Gärten“ an. Hier war ich schon häufig. Viele Gruppen haben dort Schwester Rosa kennen gelernt. Es hat uns allen, nach den schlimmen Erlebnissen in Hebron, gut getan, uns mit diesem Ausflug in die wunderschöne Frühlingslandschaft Palästinas ein wenig auf schönere Gedanken zu bringen.

das wunderschöne Kloster „zum verschlossenen Garten“ (Hortus Conclusus)