Nach nun vier mehr oder weniger arbeitsintensiven Tagen war heute wieder ein weiterer Einblick in die arabische Kultur angesagt. Fatima hatte mich eingeladen mit ihr zu Hiam zu fahren. Dort war ich bereits vor einem Jahr zu Besuch. Damals war gerade ein spezielles Badezimmer für Hiam eingerichtet worden. Jetzt ist mit Hilfe des Vereins die Deutsche Behinderten Nothilfe, eine Solaranlage auf das Dach angebracht worden, so das Hiam jetzt auch warm Duschen und Baden kann.

eine neue Solaranlage dank der Deutschen Behinderten Nothilfe

eine neue Solaranlage dank dem Verein der „Deutschen Behinderten Nothilfe“

Als Fatima den Termin mit Hiam vereinbart hatte wurde sie gleich zur Verlobung ihrer jüngsten Schwester eingeladen. Auch ich sei als Gast herzlich willkommen.

Ich hatte überhaupt keine Vorstellung was mich erwartete. Als wir ankamen wurden wir von Hiam und einer großen Schar Kinder begrüßt und in einen großen raum gebeten wo viele Plastikstühle im Kreis standen. Hier wurden augenscheinlich noch mehr Gäste erwartet. Wir bekamen recht schnell einen Teller mit Reis und Hühnchen und den obligatorischen arabischen Kaffee. Anschließend deutete mir Fatima an das ich nun diesen raum verlassen müsse, weil sich hier alle Frauen mit der Verlobten treffen wurde. Ich solle mit Nasim, der ein wenig Englisch kann in ein Nachbarhaus gehen, wo sich die Männer zur Verlobungsfeier treffen würden. Da ich schon öfters davon gehört hatte das Feste wie auch die Hochzeit „getrennt“ gefeiert werden wunderte ich mich nicht sehr.

Mit Nasim bin ich dann „zwei Häuser weiter“ in einen Raum gegangen, der eher einer großen Garage als einem Wohnraum glich. Auch hier waren Plastikstuhle in einem großen Kreis gestellt, noch wesentlich mehr als „bei den Frauen“. Hier saßen nur wenig Männer und ein paar Jungs und schienen zu warten. Mein Erscheinen sorgte eher für Verlegenheit, als Gesprächigkeit. Ich stellte mich vor und erfuhr auch die Namen der Anwesenden. Auch hier gab es dann einen Kaffee und dann viel….Schweigen.

Irgendwie schien „Mann“ zu warten auf, ja was, das wusste ich nicht. Auch meine Fragen diesbezüglich an meinen „Dolmetscher“ konnten keine Klärung bringen, sie schienen ihm nicht verständlich. Immer wieder stand „Mann“ auf, guckte durch das Tor nach draußen, augenscheinlich wurden weitere Gäste erwartet. Dann nach einer gefühlten halben Stunde sah ich eine ganze „Kolonne“ PKW`s auf das Grundstück fahren. Innerhalb weniger Minuten füllte sich der Raum mit geschätzt 40 Personen überwiegen Männer (einige sehr alte darunter) aber auch einige Kids. Viele der Neuankommenden drückten mir, dem Fremden aus Alemania die Hand und stellten sich mit Namen vor. Der Senior in der Runde, mit weißem Turban und Bart, meinte mit Blick auf mich, dass er wohl eher ein Fan von Barca sei, und lachte dabei ganz herzlich. Nasim gab zu verstehen, dass ich eher auf Bayern Munich setze, wie ich ihm schon vorab erklärt habe.(Nebenbei: alle die wissen das ich eher kein Bayern Fan bin sonder auf Fortuna Düsseldorf halte sollen sich beruhigen, hier kennt man wenn überhaupt nur die Bayern als deutsche Fußballmannschaft oder eben unsere Nationalelf als World-Champion).
Nachdem das geklärt war erhob sich der besagte Senior und wohl auch „Sprecher“ der Gruppe und hielt eine Ansprache an die versammelten Männer (und einige Kinder). Wie ich nachher von Fatima erfuhr war dieses ein offizieller Akt. Er, als Vertreter der Männer die den zukünftigen Bräutigam zur Verlobung begleiteten, erklärte den hier anwesenden Männern, die eine Frau ihrer Familie „abgeben“, das seine Familie mit der geplanten Heirat „einverstanden“sei. Zum Schluss der kurzen Ansprache beteten alle Männer eine Sure des Korans, womit der offizielle teil der Verlobungsformalitäten abgeschlossen war. Anschließend „zum gemütlichen Teil“, kamen einige junge Männer, verteilten Kaffee, Softgetränke und Knefah, alles wurde recht schnell vertilgt. Ja und dann standen die Gäste die vor etwa 15 Minuten gekommen waren wieder auf, und waren genau so schnell verschwunden….

(jung)-Männer-Runde

(jung)-Männer-Runde, der mit der blauen Jacke ist mein „Dolmetscher“ Nasim

Eine viertel Stunde später meldete sich Fatima per Handy „von nebenan“ und bat mich zu kommen, da sie fahren wolle um vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Auf der Rückfahrt hatte ich die Gelegenheit mir von Fatima noch einiges zu den „Sitten und Gebräuchen“ der arabischen  Verlobungsfeiern erklären zu lassen. Mit dieser Zeremonie ist ein Vorvertrag für die Hochzeit geschlossen. Die beiden Heiratswilligen dürfen sich nun sehen, zwar nicht alleine und die Frau auch nicht ohne Schleier. Dieser Verlobungzeremonie ist mehr eine Begegnung der Männer des Bräutigams (hierzu zählen nicht nur die aus der Familie, sondern auch gute Freunde, Arbeitskollegen etc.) mit den Männern der Familie der Frau. Bei den Frauen trafen sich eher nur die Frauen der engeren Familie des Bräutigams mit den Frauen der Brautfamilie. Bei der Hochzeit ist das dann anders. Am Abend vor der Hoheit treffen sich viele Frauen zum „Henna malen“
Fatima erzählte, dass bei den Frauen auch getanzt wurde und die Feier in dem Augenblick zu Ende war, als der Bräutigam seiner zukünftigen Frau nach einem kurzen Tanz das Goldgeschenk übergeben hatte (Kette, Armreif und Ring die wohl vorher gemeinsam ausgesucht wurden).

Ein kleiner aber für mich sehr wichtiger Nachtrag:

Ich habe dann Fatima noch gefragt wie alt die beiden denn seien die da heiraten wollten: die Frau ist wohl 32 Jahre, der Mann schon über 40…und dies sei nun seine zweite Frau. Mit der Ersten habe er bereits zehn (!) Kinder.

Ich enthalte mich hier jeden Kommentares und schreibe auch nicht wie ich im Auto von Fatima spontan reagiert habe…..